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4. November 2009

Hinter das Äußere schauen

„Nicht schlagen!“, sagt der Mann mit den ungepflegten Haaren, und zuckt dabei ängstlich zusammen, als ich mich ihm nähere. Er hat offensichtlich böse Erfahrungen mit Menschen gemacht. Artur, unser diesjähriger Kältebusfahrer, hat ihm bereits in den Bus geholfen, während ich mich mit einer beeindruckenden älteren Dame unterhalten hatte, die nachts kurz vor drei Uhr vor dem Bahnhof Zoo mit ihrem Rollkoffer in der Kälte stand.

Beide leben auf der Straße. Er, gezeichnet vom jahrelangen massiven Alkoholmissbrauch, kann sich ganz schlecht bewegen und laufen. Sie dagegen ist sehr klar in ihrer Entscheidung, sich der Fremdbestimmung des staatlichen Hilfeangebotes nicht anzuvertrauen, obwohl sie sich so sehnlich eine Einraumwohnung wünscht.

Er kommt mit uns mit.

Sie bleibt, um morgen früh um 6 Uhr Zeitungen zu verkaufen. Davon lebt sie schon seit vielen Jahren. Wir verabschieden uns herzlich voneinander.

Dies sind nur zwei Begegnungen einer ganz normalen Nachtschicht des Kältebusses. Nie wissen wir, auf wen wir treffen werden – und auf wen nicht. Schon an drei Abenden waren wir nach telefonischem Hinweis auf der Suche nach einer Frau, von der wir aber jedes mal nur vollgepackte Einkaufswahren vorgefunden haben.

Jede Nacht ist besonders. Es bewegt mich sehr, wie offen und persönlich viele der nächtlichen Begegnungen sind. Häufig schimmert dann hinter dem Äußeren des Gegenübers derjenige Mensch hindurch, der er oder sie einmal gewesen ist, bevor das Leben ihn so aus der Bahn geworfen hat.

Auch wenn die Meisten, die wir treffen, die Hoffnung für ihr Leben so ziemlich aufgegeben haben, so wollen wir doch für sie hoffen und beten, dass sie noch einmal den Mut und die Kraft bekommen mögen, ihr Leben zu ändern. Gerne unterstützen und begleiten wir sie dabei, nicht nur im Kältebus, sondern auch in der Notübernachtung.

- Karen Holzinger, Koordinatorin der Kältebusarbeit

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