7. Dezember 2009
Ein ehrenamtlicher Beifahrer kommt zu Wort
Zu Beginn meiner ersten Nacht als ehrenamtlicher Beifahrer im Kältebus der Berliner Stadtmission wurde ich von einem Reporter von Radio Fritz gefragt, weshalb ich mich für diese Aufgabe freiwillig gemeldet habe.
Gute Frage. Als Leiter eines Seniorenzentrums kann ich sicherlich nicht über Langeweile klagen. Gehört habe ich von der Arbeit des Kältebusses Im Radio Berlin und mich dann spontan für eine Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Ich freue mich sehr, dass ich in diesem Jahr dem Team der Kältehilfe der Berliner Stadtmission angehören darf. Ich halte diese Arbeit für sehr wichtig – überlebenswichtig – und möchte mich persönlich und direkt mit in dieses Projekt einbringen. Entscheidend für mich war und ist aber einzig mein Gefühl! Ich folgte ganz einfach meinem Gefühl und sah im Vorfeld auch keinen Grund dafür, mein Gefühl zu reflektieren oder zu analysieren.
Hätte der Reporter mich nach meiner ersten Nacht nach meinen Gründen gefragt, hätte ich ganz spontan geantwortet: aus Zuneigung! Aus Zuneigung den Menschen gegenüber, denen wir Hilfe anbieten und aus Zuneigung den Menschen gegenüber, die diese Hilfe anbieten.
Ich hatte in meiner ersten Nacht ganz wunderbare Begegnungen mit Menschen, die mich sehr berührt haben. Kältebusfahrer Artur Darga zum Beispiel, ein warmherziger und ehrenwerter Mensch, und die anderen Helfer, denen ich in dieser Nacht in Notübernachtungen und Männerwohnheimen begegnete. Stets empfand ich bei den Helfern eine gute Mischung aus Realismus und Idealismus. Sie hatten nicht immer viele Worte aber stets ein Lächeln und eine warmherzige Zugewandtheit. Diese Zugewandtheit empfand ich bereits während der gemeinsamen Andacht und dem offenen Gebet bei dem gesamten Team der Kälte-Notübernachtung. Ich glaube, ich habe noch nie anderen Menschen beim Beten zugehört – eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die mich sehr beeindruckt hat.
Ebenso berührend fand ich die Begegnungen mit den Menschen, die auf der Strasse leben und denen ich in dieser Nacht begegnete. Zum Beispiel Erich*: zweifellos ein Mensch, der seine persönlichen, negativen Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hatte und wahrscheinlich viele Gründe hat, um ihnen mit Misstrauen zu begegnen. Mit diesem Mann zu sprechen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen und ihm beim Abschied die Hand zu drücken hat mich sehr bewegt.
Ich glaube – abgesehen von der Kältethematik –, dass dies die wichtigste Aufgabe des Teams ist: Menschen ohne Vorbehalte und mit Respekt zu begegnen und mit ihnen zu sprechen. Ihnen einfach nur das Gefühl zu geben, dass sich jemand für sie interessiert. Oder wie Artur zu Erich sagte: "...ich glaube daran, dass Gott sich noch immer für dich interessiert".
Morgens um halb drei befanden wir uns irgendwo in Spandau und bemerkten am Straßenrand einen älteren Menschen im Jogginganzug, der ganz flott mit seinem Rollator unterwegs war. Als wir ihn ansprachen, erfuhren wir, dass er auf dem Weg ins Männerwohnheim war. Allerdings lag das Wohnheim knapp fünf Kilometer in die Richtung, aus der er gerade kam. Wir packten den Rollator in den Kofferraum und fuhren den rüstigen aber schon etwas erschöpften Senior zurück ins Männerwohnheim.
Oder ein anderer Mann, der zuerst von seinem Diabetes erzählte und danach ausführlich die Umstände schilderte, die ihn auf die Strasse gebracht hatten. Diese Dinge hört und liest man öfter: selbstständig, schlechte Auftragslage, Scheidung, Insolvenz, und dann wohnungslos... bekannte Geschichten. [Anmerkung der Redaktion: In der Regel reichen diese Umstände allein noch nicht aus, um wohnungslos zu werden, sondern es ist meistens eine Suchtkrankheit im Spiel.] Ich denke, es war wichtig, dass diesem Mann nicht nur medizinisch geholfen wurde, er etwas zu essen und zu trinken bekam, sondern auch, dass ihm andere Menschen ohne Vorbehalte zugehört haben und für ihn da gewesen sind.
Mir ist überhaupt aufgefallen, dass die Helfer mehr in der Rolle des Zuhörers sind und die Menschen, denen Hilfe angeboten wird, mehr in der Rolle des Erzählers. Ich denke, das ist auch gut und richtig so.
Ich für meinen Teil wünsche den Helferinnen und Helfern sowie den zu Helfenden in den kommenden Nächten ebenso gute Begegnungen mit Menschen, wie ich sie hatte und, dass alle gut durch den Winter kommen.
- Dirk, ehrenamtlicher Beifahrer im Kältebus
* Name von der Redaktion geändert
Service
Sie können auch per SMS spenden:
Senden Sie kalt per SMS an 81190 und unterstützen Sie die Kältehilfe der Berliner Stadtmission mit 5 €*.
*Eine SMS kostet 5 € zzgl. Versandkosten. 4,83 € gehen direkt in die Arbeit der Kältehilfe.
Termine
Es liegen keine aktuellen Termine vor.
Besucher der Kältehilfe
seit dem 30. Januar 2009:

