50 Jahre City-Station
Das Restaurant für Wohnungslose feiert einen runden Geburtstag
Meinen Berufseinstieg hatte ich 1991 als Sozialarbeiterin in der Citystation. Heute leite ich die Wohnungslosenhilfe der Stadtmission und bin so für die City-Station verantwortlich. Als junge Christin fand ich es spannend, in einem Restaurant für wohnungslose Menschen zu arbeiten. Denn Jesus hatte ja auch immer viel Kontakt zu sozialen Randgruppen.
Für wohnungslose Menschen ist es schwierig, tagsüber einen Ort zu finden, wo sie willkommen sind. Es fängt an bei öffentlichen Toiletten, deren Nutzung Geld kostet. Aber auch die Aufenthaltsdauer in Shopping-Malls
ist begrenzt ...
Wir brauchen dringend mehr Tagesstätten für obdachlose Menschen. Draußen sein zu müssen, ist das ganze Jahr über gefährlich – auch im Sommer, wenn es brütend heiß ist. Dabei sollten die Tagesstätten immer mit sozialer Arbeit kombiniert sein, sodass jemand da ist, der die Hand ausstreckt, wenn jemand gerade die Energie hat, um sein Leben zu verändern.
Früher haben wir mit den Gästen auch Ausflüge gemacht, wo wir gewandert sind. Heute wäre das leider nicht mehr möglich, weil die meisten Gäste krank und in körperlich schlechter Verfassung sind. Offensichtlich ist der Zustand der Leute noch etwas desolater als damals. Zum Geburtstag wünsche ich der City-Station jederzeit ausreichend Mitarbeitende, die Freude haben an dieser wichtigen, niedrigschwelligen sozialen Arbeit. Und die sich gegenseitig so stärken, dass sie ein gutes Team sind und genug Kraft für ihre Aufgaben haben.
Mit 25 habe ich mich bei der City-Station als Sozialarbeiter beworben, weil ich die Arbeit mit wohnungslosen Menschen interessant fand. Und bin in einem tollen Team gelandet. Die Atmosphäre ist professionell, sehr nah an den Menschen und einfach angenehm.
Viele Gäste kenne ich seit sechs Jahren. Wir bieten ihnen eine tägliche Struktur. Es kommen nicht nur obdachlose Menschen, es gibt auch viele aus der Nachbarschaft, die in Altersarmut und Einsamkeit leben. Manchen sind wir näher, als ihre eigene Familie.
Aktuell besuchen uns täglich zwischen 50 und 120 sehr verschiedenen Menschen. Da wissen wir vorher nie, was auf uns zukommt. So gibt es auch mal Streit zwischen Gästen und weil so viel gleichzeitig passiert, ist es manchmal schwierig, den Menschen die Zeit zu geben, die sie verdienen. Trotzdem merken wir, was wir als Team bewirken können, weil wir uns aufeinander verlassen können. Das motiviert mich.
2019 haben wir hier den weltweit ersten Ball für obdachlose Menschen veranstaltet. Darüber reden die Leute immer noch. Alle Gäste haben sich mit gespendeten Anzügen und Ballkleidern chic gemacht. Niemand konnte noch erkennen, wer obdachlos, ehrenamtlich tätig oder angestellt ist. Das war großartig. Genau so wie die vielen treuen Spender:innen. Wir freuen uns immer über Lebensmittel, Herrenunterwäsche, Hygieneartikel und auch Geldspenden, die sind enorm wertvoll für uns.
Ich bin Sozialarbeiterin und habe bereits in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, beim Drogennotdienst und in den vergangenen zwölf Jahren im betreuten Wohnen für Menschen mit psychischen Erkrankungen gearbeitet. Seit Juli 2024 leite ich die City-Station. Wir sind eine Wohnungslosentagesstätte mit Restaurantbereich, die montags bis freitags von 14 bis 18.30 Uhr geöffnet hat.
Wenn unsere Gäste das wollen, beraten wir sie gerne und bieten als christliche Einrichtung jeden Freitag eine Andacht und auch seelsorgerliche Gespräche an. Wir wollen ein Ort der Ruhe sein, wo Menschen sich sicher fühlen und von ihren Alterssorgen abschalten können. Ich freue mich, dass ich im Rahmen meiner Arbeit auch auf Jesus hinweisen kann, von dem man Trost und Hilfe erfährt. Wir vermitteln den Gästen Hoffnung und unterstützen, damit Menschen, wenn sie bereit dazu sind, ihrem Leben immer wieder eine neue Wendung geben können.
In Zukunft wollen wir wieder mehr Kontakt zu den umliegenden Kirchengemeinden aufbauen und uns mehr im Kiez vernetzen. So möchte ich die Angebote der City-Station noch bekannter machen in der Stadt. Leider mögen nicht alle Nachbarn unsere Arbeit. Manche beschweren sich über das Erscheinungsbild unserer Gäste. Auch mit ihnen will ich ins Gespräch kommen. Unser 50-jähriges Jubiläum bietet dazu einen guten Anlass: Alle Menschen sind herzlich zu uns eingeladen am Dienstag, 17. Juni, ab 14.30 Uhr. Dann ist das Sommerfest zum 50. Jubiläum der City-Station in der Joachim-Friedrich-Straße 46 in 10711 Berlin.
Nach der Trennung von meiner Frau im Sommer 2022 habe ich in Niedersachsen meine Sachen gepackt und bin nach 15 Jahren zurück in meine Heimat Berlin. Hier wollte ich erstmal bei meiner Mutter wohnen. Doch ihre Tür ging direkt wieder zu. So bin ich auf der Straße gelandet. Das war sehr schwer, weil ich ja vorher ein geregeltes Leben hatte. Durch das Team vom Kältebus habe ich von der Citystation erfahren.
Da war es sehr angenehm. Und auch das Essen war immer gut und erschwinglich für Obdachlose wie mich. Ich konnte dort duschen, meine Wäsche waschen lassen.
Das hat alles gepasst. Mein Ziel war es, schnell von der Straße wegzukommen. Trotzdem hat es gedauert, bis ich mich den Sozialarbeiterinnen in der Citystation anvertraut habe. Ich schämte mich zu erzählen, was passiert war. Das ist wie ein Seelenstriptease. Danach habe ich erst mal geheult …
Wir haben dann zusammen Bürgergeld beantragt. Ich kannte mich nicht aus mit dem Hilfesystem. Das war hart, weil es so lange gedauert hat, bis die Anträge bearbeitet wurden beim Jobcenter, beim Bezirksamt, bei der Wohnhilfe. An manchen Tagen war ich fast schon depressiv. Ich erinnere mich gut, als ich von der Citystation aus ein Telefonat führen durfte, weil ich keine Handyflatrate hatte. In diesem Gespräch wurde mir gesagt, dass ich endlich ein eigenes Zimmer bekomme. Da war ich einfach nur glücklich, dass ich jetzt von der Straße wegkomme. Inzwischen habe ich wieder eine eigene Wohnung und arbeite seit November 2023 bei der Berliner Stadtmission als Hausmeister in der Kopenhagener Straße, einem Heim für Wohnungslose. Dort versuche ich auch, Menschen zu ermutigen, sich Hilfe zu suchen.