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Aktuelles

24.02.2017

Das Beste ist die Herausforderung

Mirjam Großmann vor der Ambulanz.Mirjam Großmann vor der Ambulanz.

Mirjam Großmann arbeitet zweimal in der Woche im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres in der Ambulanz der Berliner Stadtmission, wo sie die unterschiedlichsten Erfahrungen sammeln darf. Die Ambulanz ist neben der JKB Treptow, dem Café InneHalt und der Notunterkunft für Flüchtlinge in der Kruppstraße eine ihrer vier Einsatzstellen. Mirjam ist 18 Jahre alt und beantwortet heute 18 Fragen rund um ihre Arbeit in der Ambulanz.

1. Mirjam, erstmal eine ganz allgemeine Frage: Warum hast du dich dazu entschieden, ein FSJ bei der Berliner Stadtmission zu machen?

Ich kannte die Arbeit schon durch meinen Bruder Timo, der auch hier ein FSJ gemacht hat. Das heißt, ich wusste was das für eine super Arbeit ist und das man in vielen verschiedenen Bereichen tätig sein kann. Genau das war wichtig für mich zu wissen: Man kann vielfältige Eindrücke in unterschiedlichen Einrichtungen sammeln. Also nicht nur ein Jahr zum Beispiel im Kindergarten oder mit Wäsche waschen verbringen. Was ich auch cool fand, war die Vorstellung in so einer großen WG zu leben.

Mirjam Großmann und Tim Ahlfeld beim Interview.Mirjam und Tim beim Interview.

2. Du bist zweimal in der Woche in der Ambulanz. Beschreibe deine Arbeit mal ein bisschen.

Einmal die Woche bin ich bei der Sprechstunde dabei. Dort führe ich die Listen wer zum Arzt möchte, notiere die Namen und das Geburtsdatum. Dann stelle ich die Zettel für die Kleiderkammer aus, und schau, wer wann duschen geht und wer schon zum Arzt gehen kann. Außerdem rede ich mit den Leuten, biete Fußbäder an, führe Läuse und Krätzbehandlungen durch, und helfe den Rollstuhlfahrern, zum Beispiel beim Duschen. Und ansonsten bin ich eben im Behandlungszimmer, und assistiere beim Verbandswechsel, oder wenn die Ärzte generell Hilfe brauchen.
Am anderen Tag bin ich zur Hälfte im Büro. Da mache ich viel Dokumentationsarbeit, wie scannen, mit Leuten telefonieren, organisatorische Sachen, wie Bestellungen, oder für die Fundraising-Abteilung Texte schreiben. Außerdem richte ich die Medikamenten-und Verbandskoffer für die Straßenambulanz her. Danach bin ich noch im Pflegezimmer. Dort liegen unsere Gäste, die aufgrund einer akuten Krankheit nicht auf die Straße bleiben sollten. Ihnen bringe ich Essen, biete an etwas mit ihnen zu spielen, oder setzte mich einfach ans Bett und rede mit ihnen.

3. Was gefällt dir am besten an deiner Arbeit, also was macht dir am meisten Spaß?

Ich glaube das coolste hier ist die Herausforderung, weil man irgendwie nie weiß, was kommt, wer kommt und was es für Fälle gibt. Und dann einfach so mit den Leuten zu reden find ich immer ziemlich witzig, da hab ich immer jede Menge Spaß. Gerade wenn man mit den polnisch sprachigen Gästen ein wenig polnisch lernt, und sie sich riesig freuen wenn man ein, zwei Wörter gelernt hat. Und ich find es immer sehr schön zu sehen wenn die Leute "dreckig" rein kommen, und dann geduscht, mit einem frischen Verband und einem Lächeln auf dem Gesicht hier wieder rausgehen, und man so das Gefühl hat, etwas Gutes getan zu haben.

Der Warteraum der Ambulanz.Der Warteraum der Ambulanz.

4. Wo liegen deine Herausforderungen? Sprich, wo musst du kämpfen, um das zu tun, und was gefällt die eher nicht so?

Ich finde das muss man trennen, weil Herausforderungen können ja auch etwas Gutes sein.  Also eine Herausforderung ist für mich zum Beispiel immer die Kommunikation, also gerade mit den Gästen, die nicht so gut Deutsch sprechen, oder wenn sie schon so ein bisschen alkoholisiert sind. Dann herauszufinden, was haben sie, was brauchen sie, und warum wollen sie zum Arzt ist enorm schwierig.  Und dann ist auf beiden Seiten oftmals so ein bisschen Frustration da, wenn man sich gegenseitig nicht versteht, und das ist dann schon oft schwierig für mich, weil ich ja schon rausfinden will, wie genau ich helfen kann.
Manchmal sind auch die Gerüche und auch das, was man sieht nicht ganz so leicht (lacht). Aber ich würde jetzt nicht sagen, dass es mir deshalb keinen Spaß macht, denn die Arbeit macht mir trotzdem Spaß.

5. Hattest du schon vor deinem FSJ Erfahrungen in diesem Bereich?

Ich habe insgesamt fünf Wochen Praktikum im Uni-Klinikum Freiburg auf der Station für krebskranke Kinder gemacht, aber das ist nicht so wirklich vergleichbar. Die Eltern haben viel übernommen, gerade an pflegerischen Leistungen. Also war vieles wirklich neu für mich hier in der Ambulanz.

6. Ist die Arbeit so wie du sie dir vorgestellt hast?

Also ich wusste, dass das hier schon eine besondere Praxis ist, aber ich hatte gar keine genauen Vorstellungen, was das hier ist. Also ich bin hier mehr so reingegangen 'ja mach ich', aber ich kannte das davor eigentlich gar nicht. Deswegen bin ich hier sehr offen in die Arbeit eingestiegen.

Im Behandlungszimmer der Ambulanz.Im Behandlungszimmer der Ambulanz.

7. Wie war das dann an deinem ersten Arbeitstag? Warst du gleich in der Praxis?

Ja genau, das war schon erstmal eine Herausforderung, weil ich das noch eben gar nicht kannte. So ganz allgemein, ich hatte früher nie was mit obdachlosen Menschen zu tun und wusste nicht, wie man mit solchen umgeht. Und dann das mit den Sprachen. Ich habe auch das mit dem Organisieren nicht so ganz hingekriegt, weil die Leute gehen rein und raus, und man muss sich die Namen merken. Dann hab ich nicht herausgefunden, was einige Gäste eigentlich sagen wollten. Alleine schon die Namen aufschreiben, war voll die Herausforderung. Wer schon einmal polnische Namen aufschreiben musste, kennt das sicherlich, dass das nicht so ganz einfach ist.

8. Gab es spannende, traurige oder auch witzige Momente während deiner Arbeit?

Also witzige Augenblicke gibt es auf jeden Fall immer wieder, wenn es zu Missverständnissen kommt, weil wir uns nicht verstehen und dann am Ende beide darüber lachen. Oder wenn man was Polnisches gesagt hat und es war komplett falsch, da lacht man gerne.
Traurige Momente gibt es oft, wenn ich zum Beispiel weiß, dass die Leute hierher kommen um sich behandeln zu lassen, sie dann aber wieder zurück auf die Straße müssen und man so jedes Mal wieder von neuem anfängt.

9. Ist es für dich schwierig, sich ständig mit kranken, obdachlosen Menschen auseinanderzusetzen? Bewegt dich das?

Ja natürlich, das lässt einen schon nicht kalt, aber man lernt damit umzugehen. Also das ist jetzt nicht so, dass ich jedes Mal frustriert von der Arbeit komme, sondern eher im Gegenteil, weil ich es so schön finde, den Unterschied zwischen vor dem Besuch und nach dem Besuch hier zu sehen. Es macht mich glücklich, den Menschen zu helfen.

10. Wie gehst du mit Belastungen um? Ich kann mir vorstellen, wenn man gewisse Dinge sieht, ist das nicht so ganz einfach, da braucht es sicherlich Abgrenzung, oder?

Also es gab schon auch Sachen, die mich mitgenommen haben und da hab ich dann mit der WG drüber gesprochen, mit meinen Eltern telefoniert, oder auch mit dem Team hier. Und das hilft! Wenn ich mich nicht über meine Erfahrungen austauschen könnte, sondern immer alleine damit umgehen müsste...ich glaub dann wäre das schon belastender, aber dadurch, dass man vieles nochmal ausspricht, wird es einfacher mit manchen Belastungen umzugehen.

11. Ist es nicht gerade als junger Mensch schwierig schon gewisse, nicht ganz so schöne Dinge zu sehen?

Gerade weil man in meinem Alter noch nie mit so einem Thema konfrontiert war, auch weil ich sehr behütet aufgewachsen bin, in einer beschaulichen Kleinstadt, kannte ich das alles gar nicht und da war es schon erschreckend zu sehen, wie viel Leid und Armut es hier in Berlin gibt. Vor allem wenn man Wunden sieht, bei denen zum Beispiel die ganzen Beine offen sind oder ziemlich tiefe Löcher in den Füßen, die auch dann sehr entzündet sind - so was sieht man normalerweise nicht so häufig, auch nicht wenn man ein Praktikum im Krankenhaus macht. Hier sehe ich das eigentlich jede Woche. Ich hab auch noch nie so komplett verlauste Menschen gesehen, mit so vielen Kleider- oder Kopfläusen, dass die schon runterfallen. Man merkt wie behütet man aufgewachsen ist, und deshalb sind das total gute Erfahrungen, die ich hier mache.

Mirjam Grossmann in Schutzkleidung für eine LäusebehandlungMirjam in Schutzkleidung für eine Läusebehandlung.

12. Du trägst als Teil des Ambulanzteams schon eine gewisse Verantwortung, zum Beispiel für die Läusebehandlungen bist du die Verantwortliche. Spürst du da diese Verantwortung?

Schon, gerade bei den Läuse- und Krätzebehandlungen sind wir FSJler hier alleine zuständig, und wenn die diese korrekt ausgeführt werden, dann haben die Gäste halt immernoch Läuse oder Krätze. Auch dadurch, dass wir hier vorne im Warteraum so ein bisschen filtern, was ist jetzt wichtig, wer muss jetzt wirklich dringend zur Ärztin, weil wir nicht immer alle behandeln können, da tragen wir Verantwortung.
Ich spüre auch Verantwortung bei Geschichten, die ich von Gästen höre. Wie gehe ich damit um, wie nah lasse ich das an mich heran. Aber das ist für mich nicht belastend. Vor allem dadurch, dass ich in einem Team arbeite, das hinter mir steht, fühle ich keinen Druck oder so etwas.

13. Wie sieht es mit Gewalt in der Ambulanz aus? Die Gäste in der Ambulanz sind ja nicht ganz so einfach. Du meintest auch, dass einige angetrunken sind, das weckt ja oftmals Aggressionen, gerade bei so einem heiklen Thema wie der Gesundheit.

Körperlich habe ich noch keine Gewalt hier erlebt, aber öfters schon verbale. Wenn die Patienten sauer sind, dann wird man schon mal angeschrien. Es gab auch einen, der mir und dem ganzen Team gedroht hat, dass er uns alle umbringt. Das war echt krass.

14. Respektieren dich die Patienten, obwohl sie wissen, dass du "nur" ein FSJler bist?

Teils teils, es gibt Leute die respektieren mich wirklich, vor allem weil ich ein weißes T-Shirt bei der Arbeit trage, weil sie denken ich sei eine Krankenschwester. Und es gibt auch ganz viele die sagen 'Hey, du bist ein junges Mädchen - du könntest auch meine Tochter sein, dir könnte ich nie etwas antun.' Respekt vor Frauen haben wirklich die meisten.
Es gibt selten Situationen wo ich mal eine Krankenschwester oder einen Arzt hinzurufen muss, weil ich Hilfe brauche.

15. Was sind die Hauptprobleme der Patienten in der Ambulanz, also warum kommen sie hierher?

Die meisten kommen mit Läusen oder Krätze. Und dann ist natürlich Alkoholmissbrauch, oder Drogenmissbrauch ein riesiges Problem - auf das dann wieder andere Probleme folgen. An Krankheiten gibt es sonst sehr viele Hautdefekte. Gerade an den Beinen und Füßen, die sind stark belastet durch das Leben draußen auf der Straße und durch die Kälte und den Schmutz. Das infiziert sich dann auch immer, das ist bei fast jedem dritten unserer Patienten so. Jetzt im Winter gibt es auch häufig Erkältungswellen, da kommen Gäste dann seit Wochen mit den gleichen Symptomen und es wird nicht besser, weil es halt schwierig ist so eine Erkältung  auf der Straße auszukurieren. Manchmal haben wir auch Leute, die zur Weiterbehandlung zu uns kommen, also die im Krankenhaus waren und hier weiter behandelt werden.

16. Du hast schon gesagt, dass die Wohngemeinschaft von uns Freiwilligen dir Halt gibt, also sind es die anderen FSJler, die dich nach der Arbeit wieder auffangen?

Auf jeden Fall! Wenn man nach der Arbeit Heim kommt, ist von 13 Leuten immer jemand da, und dann kann man sich austauschen. Auch unsere Mentoren, die wir für das Freiwilligenjahr hier haben, helfen mir. Des Öfteren schaut hier auch mal jemand von ihnen vorbei und ich weiß, dass ich mit schwierigen Themen auch immer zu ihnen gehen kann. Ansonsten fängt mich auch das Team, was aus 17 Personen - Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, FSJlern, Mitarbeitern im medizinischen Dienst und Dolmetschern - besteht auf, die sind alle klasse. Während der Sprechstunde weiß ich, dass ich immer auf die anderen zukommen kann.

17. Wenn du zurückgehen würdest zu der Zeit, wo du noch nicht so genau wusstest was da auf dich zukommt. Würdest du, wenn du wüsstest was für eine herausfordernde Arbeit dich erwartet, dich gegen ein FSJ bei der Berliner Stadtmission entscheiden?

Nein. Ich würde wieder ja zu diesem Jahr hier bei der Berliner Stadtmission sagen, und auch zu der Ambulanz - das war die vielleicht beste Entscheidung in meinem Leben. Ich bereue es bisher definitiv nicht. Klar ist das eine Herausforderung, aber an Herausforderungen wächst man, und das finde ich gerade so cool. Ich wäre mir vielleicht ein wenig unsicherer gewesen, aber jetzt da ich mit schwierigen Sachen umgehen kann, bin ich sehr glücklich. Ich würde mich also nicht dagegen, sondern lieber nochmal dafür entscheiden!

18. Wie sieht es nach deinem FSJ aus? Möchtest du weiter in so einem "medizinischen Umfeld" tätig sein?

Ja, also es war schon vor meinem FSJ so, dass ich mich für medizinische Arbeit interessiert habe, und durch das FSJ hat sich das nicht geändert. Eher im Gegenteil, das Interesse ist immer noch größer geworden. Momentan ist der Plan, dass ich gerne die Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflege machen möchte, und parallel dazu das Studium interprofessionelle Gesundheitsversorgung. Danach wäre ich dann examinierte Kinderkrankenschwester. Die Ambulanz hier bringt mir wichtige Erfahrungen, vor allem im Umgang mit Menschen, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, mit schwierigen Patienten umzugehen, aber auch vom Medizinischen bekomme ich hier vieles mit. Ich glaube, wenn man hier das FSJ gemacht hat, ist man für vieles gewappnet.

Das Schild der Ambulanz.

Krank, allein, hilflos. In Berlin leben obdachlose Menschen auf Straßen und Plätzen oder versteckt in Abrisshäusern, im Park oder Wald. Sie leben und leiden vor unseren Augen und scheinen doch unsichtbar.
Schwer krank gehen sie doch nicht zum Arzt. Sie trauen sich nicht in eine "normale" Arztpraxis. Vielleicht fallen sie dort in ihrem „Anderssein“ auf, ernten abwertende Blicke anderer wartender Patienten und ertragen dies nicht. Vielleicht haben sie Angst vor Zurückweisungen oder Ablehnung einer Behandlung. Und oft fehlt schlicht die Krankenversicherung.
Die Berliner Stadtmission will diesen Realitäten entgegenwirken. Nur fünf Minuten zu Fuß vom Berliner Hauptbahnhof entfernt, liegen die Räume der "Ambulanz der Berliner Stadtmission".

Unsere Ambulanz für Obdachlose ist eines der Hilfsprojekte, die die Deutsche Bahn Stiftung unterstützt.

Das Interview führte Tim Ahlfeld mit Mirjam Großmann, beide sind Freiwillige im Sozialen Jahr bei der Berliner Stadtmission.