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Aktuelles

02.07.2019

Die „Sommer“- Notübernachtung am Containerbahnhof

„Alles was man hat, ist geschenkt. Ich könnte ebenso an deren Stelle sein, denn da sind ganz viele, die hatten auch alle Jobs, Familie, ein geregeltes Leben. Du verstehst, dass es jeden treffen kann und das macht einen gnädiger im Umgang mit Menschen, da man sich nicht auf eine höhere Stufe stellt, sondern sagt, mir hätte das genauso passieren können, ich habe vielleicht in einigen Punkten nur Glück gehabt, aber wer weiß, was noch kommt im Leben‘“.

Traglufthalle am Containerbahnhof von außen

Jeden Abend, von April bis Oktober, stellen Sabrina Bieligk, welche die Notübernachtung am Containerbahnhof in Berlin leitet, und ihr Team 70 Schlafplätze für wohnungslose Männer und Frauen zur Verfügung. Es ist bereits das zweite Jahr, in dem die Traglufthalle der Berliner Stadtmission, welche zuvor lediglich im Rahmen der Kältehilfe geöffnet hatte, auch über den Sommer Menschen als Rückzugsort, Schutzraum und Basis dient. Dabei folgt sie jedoch, im Gegensatz zum Winter, einem anderen Konzept. Statt der 120 Gäste, werden nur 70 empfangen; anstelle von existenzieller Grundversorgung liegt der Fokus darüber hinaus auf mehr Beratung, Weitervermittlung und Vernetzung. Das Angebot soll wohnungslosen Menschen über den Sommer als Sprungbrett bzw. als Möglichkeit dienen, in einem engeren und intensiveren Kontext Perspektiven herauszuarbeiten und mit Unterstützung der Mitarbeitenden und zwei Sozialarbeiterinnen Schritte hinaus aus der Wohnungslosigkeit zu gehen. Dazu können Anliegen gehören wie beispielsweise: „Ich brauche neue Papiere“, „Ich wünsche mir, endlich fest unterzukommen“ oder „Ich möchte wieder Teil eines Krankenkassensystems sein“.

Mehr Regeln als Hilfe

Wer das Angebot der Sommernotübernachtung nutzen möchte, muss jedoch im Kontrast zur Kältehilfezeit mit mehr Regeln und Strukturen konform gehen. Beispielsweise öffnet die „NAC“ zwar früher – ab 18 Uhr – aber jeder und jede muss sich spätestens bis halb 11 wieder in der Halle befinden, und zwar nicht offensichtlich alkoholisiert, um den Menschen eine friedvolle und ruhige Schlafatmosphäre zu gewährleisten. Darüber hinaus ist eine Akzeptanz gegenüber der Hausordnung sowie ein Gespräch mit den Sozialarbeiterinnen nach einer Woche Aufenthalt in der „NAC“ obligatorisch. Das bedeutet, dass neue Gäste jeweils sieben Tage haben, um anzukommen, Ruhe zu finden und ihre Batterien aufzuladen. Doch wer länger bleiben möchte, von dem wird im Gegenzug eine Veränderungsmotivation bzw. das Engagement erwartet, beratende und unterstützende Angebote über die reine Versorgung hinaus in Anspruch nehmen zu wollen. Dadurch soll jenen Menschen eine Chance gegeben werden, für welche im Rahmen der Kältehilfe samt ihrer höheren Anzahl an Gästen und weniger Zeitkapazitäten der Mitarbeitenden, nicht die Ressourcen zur Verfügung standen, auf Veränderungswünsche einzugehen und adäquat sowie einzelfallbezogen mit ihnen zu arbeiten.

Auch wenn diese Regelungen für manche andere wiederum Herausforderungen und höhere Schwellen darstellen, erhofft sich das Team dadurch auch Menschen zum Nachdenken und zu Gesprächen zu motivieren, welche vorher keinen Zugang bzw. keinen Anlass dazu hatten.

Gesprächs-und Beratungstermine im Rahmen von Sozialberatung stehen den Gästen der Notübernachtung von Montag- bis Freitagabend zur Verfügung. Dabei wird, mehr als im Winter, mit anderen Einrichtungen und Beratungsstellen in der Umgebung vernetzt und kooperiert, um im Blick zu haben, wo Gäste vielleicht bereits angebunden sind und welche Organisationen schon mit ihnen arbeiten. In diesem Fall besteht auch die Möglichkeit, einem Gast lediglich einen Schlafplatz anzubieten, während jene andere Organisation die Sozialberatung und Begleitung der Klienten weiterführt und die „NAC“ wiederum darüber auf dem Laufenden hält. Auch mit Ämtern wird zunehmend kooperiert, beispielsweise wenn eine Person aus ihrer Wohnung geflogen ist, aber kurzfristig keine Unterkunft zur Verfügung steht. Über diese Beratungs-und Vermittlungsangebote hinaus gibt es gibt es eine Essensausgabe am Abend und am Morgen, sowie eine Kleiderausgabe. Zwei Mal die Woche wird außerdem medizinische Grundversorgung vor Ort durch zwei Mitarbeitende der Ambulanz für Wohnungslose der Berliner Stadtmission angeboten.

Schild mit Schriftzug: Frauenbereich

Das Team der „NAC“ setzt sich aus sowohl festen Mitarbeitenden, als auch rein Ehrenamtlichen jeder Altersklasse und unterschiedlichster Fähigkeiten zusammen. Da auch die Gäste aus den verschiedensten Ländern kommen und jegliche Sprachen vertreten sind, ist es eine Bereicherung für alle, dass das Team mehrsprachig aufgestellt ist, unter anderem durch polnische, türkische, rumänische, lettische, französische und spanische Kenntnisse. Gerade weil Menschen, die die Notübernachtung aufsuchen, meist bereits unerfreuliche oder traumatische Erfahrungen mit Gewalt, Missbrauch, Ausgrenzung und Diskriminierung gemacht haben, psychisch oder körperlich belastet oder abhängig sind bzw. waren, sind vertrauensvolle und verlässliche Teamstrukturen sehr wichtig im alltäglichen Zusammenarbeiten, sowie die Beziehungsarbeit mit den Klienten und Klientinnen. Denn diese haben auch in Bezug auf das Hilfesystem oft Ausgrenzung und Stigmatisierung erlebt, sodass es viel Motivation, Sensibilität und Vertrauensaufbau von Seiten der Mitarbeitenden bedarf, jene Betroffene wieder an Strukturen des System heranzuführen.

„Manchmal hat man das Gefühl, wir sind eine Art Auffangbecken, ein Parkplatz für Leute, die überall anders rausgeflogen sind. Und manchmal fühlen auch wir uns, als wären uns die Hände gebunden“,

gibt Sabrina Bieligk zu bedenken. Denn letztlich könne innerhalb der „NAC“ noch so viel Beratung und Weitervermittlung angestrebt werden, ohne das Mitwirken der Ämter und Behörden würden alle Bemühungen erfolglos bleiben. Beispielsweise wenn nicht ausreichend soziale Wohnhilfen zur Verfügung ständen oder wenn psychisch Erkrankte gar nicht in der Lage wären manche Schritte zu gehen und das System diesen wiederum nicht entgegenkomme. Hier formuliert Sabrina den Mangel an Psychologen und Psychiatern, an aufsuchenden Arbeitsansätzen, weiteren adäquaten Angeboten sowie Geldern, um beispielsweise im Falle der „NAC“, die Öffnungszeiten im Sinne einer Tagesanlaufstelle auszuweiten. Generell bedürfe es, laut Sabrina, im Sommer an mehr Angeboten, besonders mehr Übernachtungsplätzen für Wohnungslose. Denn statt der Kälte, wären die geschätzt 4000 bis 8000 wohnungslose Menschen in Berlin, welche ja mit Anbeginn des Sommers nicht plötzlich verschwunden wären, nun der Hitze ausgesetzt, sowie weiterhin ungeschützt vor Übergriffen und anderen Witterungsbedingungen.

Und auch vonseiten der Behörden und anderen Organisationen würde der Bedarf bzw. der Mangel an Unterkunftsplätzen für Wohnungslose im Sommer durch viele Anrufe und Nachfragen deutlich gemacht werden, da lediglich insgesamt fünf bis sechs Übernachtungsmöglichkeiten, darunter drei ausschließlich für Männer, zur weiteren Vermittlung von wohnungslosen Menschen zur Verfügung ständen. Was sie trotz der Grenzen und Hürden motivieren würde, sagt Sabrina, wären die alltäglichen Begegnungen mit so vielen unterschiedlichen Menschen, sowohl Mitarbeitenden als auch Gästen, von denen sie stets viel lerne. Außerdem das Arbeiten und die gemeinsame Power im Team mit Mitarbeitenden, welche sich leidenschaftlich für die Arbeit einsetzten und Lust hätten, etwas für andere zu bewegen. Als letzten Punkt formuliert sie darüber hinaus die Arbeit mit Menschen - in dem Fall den Klienten und Klientinnen - welche „supergrundehrlich“ wären, da sie keine Maske aufsetzen würden, um ihr ein schönes Leben vorzugaukeln, sondern die Stärke hätten, ehrlich zu zeigen, dass sie es nicht alleine schaffen.

Wer nun neugierig geworden ist, die Arbeit und den Alltag in der Sommernotübernachtung am Containerbahnhof kennenzulernen, ist stets eingeladen den „Tag der offenen Tür“ wahrzunehmen, vorbeizuschauen oder einfach mitzumachen. Denn neben der Essens- und Kleiderausgabe sucht die „NAC“ des Weiteren nach Ehrenamtlichen, welche Lust haben Angebote zur Beschäftigung und Unterhaltung der Gäste zu schaffen, seien es Sprachkurse, kreative und sportliche Workshops oder andere Ideen und Projekte. Hierzu darf sich gerne unter gemeldet werden. 

Lissy Kraft

Website Notübernachtung am Containerbahnhof