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Aktuelles

26.06.2018

Ein Dorf ist aus dem Nichts entstanden

„Ein Dorf ist aus dem Nichts entstanden. Nun ist das Dorf weg. Aber das Größte bleibt: ein Reichtum aus Erfahrungen, Begegnungen, Freundschaften, Liebe und Expertise, welche weiter wirken. In uns, sowie in jeder und jedem, die mit diesem Dorf in Berührung kamen.“

Blick auf den Innenhof im ZaH

Mit diesen Worten beginnt Ortrud Wohlwend, Leitung der Stabstelle Öffentlichkeit der Berliner Stadtmission, am vergangenen Freitagnachmittag die Abschiedsfeier zur Schließung des Flüchtlingszentrums Mertensstraße Ende des Monats. Begleitet wurden ihre Worte von zustimmendem Nicken, schmunzelnden Gesichtern und glänzenden Augen auf Seiten des Publikums. Ein Publikum, in dem sich nicht wenige an die chaotischen Anfänge, die zunächst unvorstellbaren und ungewissen Ausmaße und improvisierten Strukturen des Projekts erinnern. Ein Projekt, das in dieser Größe in solch‘ kurzer Zeit noch nie gestemmt wurde, wie Martin Zwick, kaufmännischer Vorstand der Stadtmission, anerkennend bestätigte.

Fast drei Jahre ist es nun her, dass die Hallen der ehemaligen BAT-Zigarettenfabrik in der Hakenfelder Mertensstraße in Spandau in einer sprichwörtlichen „Nacht-und Nebelaktion“ von zahlreichen freiwilligen und helfenden Händen mit Leben gefüllt wurden. Während Technisches Hilfswerk und Feuerwehr mit über hunderten Mitarbeitenden mindestens genauso viele Betten errichteten, sorgte das Deutsche Rote Kreuz für die Verpflegung. Bereits am folgenden Tag konnten die ersten geflüchteten Menschen einziehen. In den darauffolgenden Monaten und Jahren, bis Juni 2018, würden es über Tausend gewesen sein.

Aufbau über Nacht

Eine Zahl, die bereits früh nach besseren und professionelleren Strukturen und Lösungen für alle Beteiligten verlangte. Das „Dorf“ entwickelte sich. Angestellte und Ehrenamtliche wurden Experten in eigenen Aufgaben- und Verantwortungsfeldern. Die Bewohner und Bewohnerinnen erhielten ein Hygienecenter, eine Kleiderkammer und Sozialarbeitende, und diese wiederum feste Sprechzeiten und Räumlichkeiten. Sprachmittler unterstützen, wo sie gebraucht wurden und Deutschkurse ermöglichten den ankommenden Menschen von Anfang an eine Unabhängigkeit von eben jenen. Kirchengemeinden, politische Akteure und Kollektive, Menschenrechtorganisationen, Besuchergruppen von jeglichen Kontinenten, sowie Anwohnende kamen einmal, zweimal und blieben nicht selten bestehender Teil in der Mertensstraße. Ob durch pädagogische Angebote und Flötenunterricht für die Kleinen oder kulturelle und kreative Programmpunkte für die Gesamtheit der Bewohner und Bewohnerinnen. Darüber hinaus ermöglichte eine eigene Holz-und Textilwerkstatt das Absolvieren von Praktika und das Aneignen neuer Fähigkeiten, sowohl handwerklich als auch sprachlich, um bereits vor Ort Integrationschancen zu schaffen, auf welche sie im Nachhinein zurückgreifen könnten.

Auch ist es wahrlich kein leichtes Unterfangen für Hunderte von Menschen wenigstens ein Mindestmaß an Privatsphäre zu gewährleisten, wenn die immensen Hallen so weitläufig, wie auch hellhörig sind und keine räumlichen Abgrenzungen oder Unterteilungen existieren. Doch selbst dieser gewaltigen strukturellen und finanziellen Problematik stellte sich das Team der Mertensstraße, darum bemüht denjenigen „ein kleines Stückchen Menschenwürde, ein kleines Stückchen Selbstermächtigung“ zu bewahren, welche bereits so vieles hinter sich lassen mussten, so Mathias Hamann, erster Einrichtungsleiter des Flüchtlingszentrums. „Während andere darauf beharrten, dass die Gesellschaft inzwischen völlig durchgeknallt und in zwei oder drei Lager gespalten sei, haben wir bewiesen, dass es machbar ist!“

Leiter Mathias Hamann vor der Präsentation

Dabei hält er schmunzelnd einen „Innocent“-Smoothie nach oben, welcher das Team symbolisieren soll. Denn - so Hamann - ein bisschen Heiligenschein hätte ja jeder verdient, der sich in Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe anderen zuwendet und der fehlende Mund auf den Flaschen sei ein treffendes Bild für all‘ die Momente der Sprachlosigkeit, in denen die Ausmaße von Fluchtgeschichten und Familienschicksalen die Herzen der Mitarbeitenden zu überwältigen drohten. Außerdem wären jene schon ein Stück weit „freche Früchtchen“ gewesen, welche einerseits gutes Vitamin B, Humor und Sonnenschein verteilt hätten, aber verständlicherweise bisweilen auch „Matsch“ waren, schlichtweg wenn Herausforderungen auf den ersten Blick wieder „too much“ – also zu viel – zu sein schienen.

In der Notunterkunft wurde eine Holz- und Nähwerkstatt entwickelt.

Wirft man einen Blick in das Kühlregal diverser Supermärkte, so wird einem die immense Auswahl an unterschiedlichsten Sorten und Namen dieser „Innocent“-Fruchtsäfte offenbart. Eine Vielfalt, welche sich auch im Alter, den beruflichen und biografischen Werdegängen, der Herkunft, Motivation, sowie in den Aufträgen der einzelnen Teammitglieder widerspiegelt. Gemeinsam arbeiteten sie aktivierend, indem sie durch ihren eigenen Elan und ihre Liebe Besucher und Besucherinnen, Bekannte und Neugierige ansteckten und in ihnen den Anreiz säten, sich auch über die Mertensstraße hinaus zu engagieren, oder Ideen mit in andere Länder und Projekte zu tragen.

Darüber hinaus wurde antioxidierend gearbeitet. Ernst genommen werden von Stadt und Polizei. Tumulte und Konflikte in eigenen Reihen von innen heraus gemeinsam bewältigen. Mit Netzwerkarbeit, Informationsveranstaltungen und selbstinitiierten Festen gegen Hetze, Zweifel und Angst in Presse, Nachbarschaft und Gesellschaft ankämpfen. „Und wenn Kartoffeln und Böller über den Zaun geworfen wurden, fragten wir uns nur: Was sollen wir mit Kartoffeln, wir haben doch noch gar keine Küche?“, erinnerte sich Mathias Hamann an eine beispielhafte Situation, die den unüberwindbaren Optimismus der Mitarbeitenden treffend charakterisiert. Eine Situation, welche gleichzeitig auch Zeugnis der energetischen Wirkung dieses Teams ist: „Denn wir waren bei Zeiten zwar geschafft, aber haben wiederum mit unheimlich viel Energie auch viel geschafft!“

Grafik: Menschen als Innocent-Drink

Bis Ende Juni, wenn die Mertensstraße außer Betrieb genommen wird, bleibt den Mitarbeitenden nun eine finale Herausforderung: das Auszugsmanagement und die Verabschiedung.

„Ein Dorf ist aus dem Nichts entstanden. Nun ist das Dorf weg.“ Was bleibt, sind Trauer und Neuanfang zugleich, sowie die Chance und Hoffnung, dass all‘ seine ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen ein neues Dorf finden, in dem ihnen mit ebenso viel Liebe, Fleiß, Disziplin, Geduld und Hingabe begegnet wird wie in der Mertensstraße.

Lissy Kraft