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Aktuelles

25.09.2019

„Einmal Hauptgericht mit einer Prise Würde, bitte!“

Eine kleine Vorgeschichte: Freitagabend. Nur noch schnell in den Rewe – und dann nach Hause. Ich rausche das Untergeschoss des Hauptbahnhofes entlang, der roten Leuchtreklame am Ende des Ganges entgegen. Gemessen an meiner Geschwindigkeit bin ich wohl der ICE unter den Passanten, versuche Trubel und Touristen um mich herum auszublenden. „Entschuldigen Sie“, dringt es dennoch an mein Ohr.

Fensterscheibe City Station

Es ist dieser Sekundenbruchteil, in dem man entscheiden muss, ob man reagiert, mit dem Risiko sich in zeitaufwendige Interaktion zu verstricken und womöglich zwischenmenschliche Verantwortung zu übernehmen, oder den komfortablen Weg der Ignoranz wählt. Mein Gewissen lässt mich zögern – glücklicherweise einen Moment zu lange. Ich drehe mich um und finde mich einem älteren wohnungslosen Herrn gegenüber, die eine Hand an der üppig beladenen Sackkarre, die andere tätschelt den Kopf eines freudig dreinblickenden Mischlingshundes. Ob ich so nett wäre, ihm und seinem treuen Begleiter etwas mitzubringen. „Aber ja doch“, nicke ich und frage ihn nach seinen Wünschen. Als ich mich umdrehen möchte, drückt er mir seinen einzigen Zehn-Euroschein in die Hand: „Für den Einkauf“. Ich bin gerührt. Am liebsten hätte ich ihm ein großartiges buntes Fresspaket zusammengestellt, ganz auf Kosten meiner raren Studentenersparnisse. Doch weiß ich, dass ich dadurch nur meinem Gewissen und eigenen Gefühl geholfen hätte, nicht aber dem meines Gegenübers. Denn keine Almosen annehmen und nicht betteln zu müssen, sich selbst Dinge leisten zu können, das kann einem Menschen unsagbar viel Selbstwertgefühl, Wertschätzung und Würde zurückgeben.

Portrait Frau die Cocktails ausschenkt

Und genau dem ist sich auch die „City Station“, das „Restaurant für Leib und Seele“ der Berliner Stadtmission vollkommen bewusst. Seit 1975 in der Joachim-Friedrich-Straße nahe des Ku’damm angesiedelt, bietet es Menschen mit und ohne Wohnung sowohl preiswertes Essen an, als auch - kostenlos und anonym - soziale Beratung und Seelsorge durch Sozialarbeitende und Diakon/innen. Des Weiteren stehen den Gästen eine Kleiderkammer sowie Wasch- und Duschmöglichkeiten gegen einen kleinen Obolus zur Verfügung. Die einzigen Hausregeln? Kein Alkohol, keine Drogen und keine Gewalt. Geraucht werden kann vor der Tür. Die Preise für Speis und Trank sowie Hygieneangebote liegen zwischen 20 Cent und 2 Euro. Klein genug für den kleinen Geldbeutel. Doch groß genug, um jene Gefühle von Almosen, Scham und existenzieller Abhängigkeit zuvermeiden und stattdessen Ich-Stärke, Selbstachtung und das Gefühl von Augenhöhe, Würde und gesellschaftlicher Teilhabe zu fördern. Neben den alltäglichen Angeboten werden außerdem Film- und Vortragsabende, Computer- oder Sprachkurse, Konzerte und sonstige Aktivitäten in den Räumlichkeiten der „City-Station“ organisiert, um Menschen die Chance auf kulturelle und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Und wenn die kalten ungemütlichen Winternächte ab November an die Türen des Restaurants klopfen, so verwandelt sich die „City-Station“ über die Kältehilfesaison außerdem bis März in ein Nachtcafé, das abendlich von Montag bis Freitag etwa 25-30 Schlafplätze für wohnungslose Menschen zur Verfügung stellt.

Übersicht Schild

Ein Ort der Begegnung – das soll die „City-Station“ darstellen. Ein Wohnzimmer zum austauschen, auftanken, ausruhen, verweilen, spielen, gemeinsam schweigen und lachen, sich unterstützen, unter die Arme und an die Hände fassen, verstehen, nicht einsam sein. Dabei wird die „City-Station“ in ihrer Arbeit immer wieder von Ehrenamtlichen unterstützt, deren Vielfalt und Bandbreite an Fähigkeiten stets frischen Wind ins Restaurant wehen. Wie Elena, die bei meinem Besuch ihre Kenntnisse an Berliner Bars spontan dafür nutzt, um bei über 30 Grad aus diversen zufälligen Spenden aufregende alkoholfreie Cocktails für die Gäste und das Team zu mixen – und dafür lachende Gesichter, dankbare Handschläge und strahlende Augen erntet.

Ich stehe hinter dem Tresen und lasse meinen Blick durch das Restaurant schweifen. Da ist das alte und gebrechliche Rentnerpärchen, das bereits wohlbekannt und  immer da zu sein scheint, höflich und liebenswürdig. An der Bar tauschen sich Mitarbeitende und Gäste über ihren Arbeitstag, ihre Wohnsituationen und Alltagssorgen aus, während in der Sitzecke gegenüber Zeitungen gelesen, Karten gespielt und politische Diskussionen geführt werden. Ein Herr am anderen Ende des Raumes durchstöbert gemütlich die Buchrücken an der Wand und lässt sich dann mit einem Exemplar zu Kaffee und Dessert am Tisch nieder. Ein anderer führt lautstark Konversation – mit sich selbst. Doch keiner schaut, zeigt auf ihn oder lacht gar. Willkommen ist hier der Mensch, so wie er ist. Denn schließlich ist das hier die „City-Station“, in der es um Wohlergehen für „Leib und Seele“ geht, und das merkt Mensch!

 

Lissy Kraft