Spenden-Button
Button Mission
Button Gästehäuser
Mit Link unterlegter Newsletter-Button

Aktuelles

30.04.2019

Ende der Kältehilfe

Zeichnung von Helferin und Obdachlosem

Wir sitzen beisammen und lassen die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf Gesicht und Rücken scheinen.  „Und nu‘?“, fragt Matthias in die Runde: „Wie geht’s nun weiter?“ Nachdenkliche Gesichter. „Unsere Vermisstenanzeigen bei Familie und Freunden abhängen, dem sozialen und gesellschaftlichen Leben nach Sonnenuntergang wieder beiwohnen, mal vor 1 Uhr schlafen gehen, nachts nicht mehr literweise Kaffee trinken und unseren treuen Wegbegleitern von Augenringen ‚Adieu‘ sagen, so in der Art…“, witzelt Sarah und zuckt dabei mit den Schultern. Wir lachen, fühlen uns befreit und verstanden.

Es ist die interne Abschlussfeier für Mitarbeitende der Kältehilfesaison 2018/2019, die uns heute vorerst ein letztes Mal als Team zusammengeführt hat und zurückblicken lässt. Die letzten fünf bis sechs Monate haben uns wahrlich geschafft, emotional als auch körperlich. Und doch fühlen und wissen wir alle: Wir werden unsere Abend- und Nachtschichten im Rahmen der Kältehilfe für Wohnungslose vermissen. Fremde - Gäste und Mitarbeitende - welche uns zu allabendlichen Vertrauten wurden, emotionale und berührende Begegnungen sowie Gespräche, herzliches gemeinsames Lachen aufgrund des gewohnten Chaos und der Skurrilitäten, die geschehen, wenn über hundert Menschen jeglicher Nationalitäten und Sprachen aufeinandertreffen, Gradwanderungen zwischen Leid und Freude, sehen, wie Menschen abbauen, aber auch Hoffnung erhalten, Gedankenkarussells beim Schlafengehen, Teamwork und Mannschaftssport, Wärme spenden in kalten Nächten. Das alles hieß für uns „Notübernachtung“.

Lissy in der Notübernachtung

Nun im April hat die Kältehilfe in den meisten Einrichtungen und Projekten ein Ende gefunden. Doch nicht nur uns Mitarbeitenden wird die Kältehilfe fehlen. Nicht nur wir müssen uns verabschieden, uns neu orientieren, auf Veränderungen einstellen und uns nach anderen Beschäftigungen oder Aufgaben umsehen. Denn wen das Saisonende besonders trifft, wem die Hilfeprogramme des Winters vor allem fehlen werden, das sind unsere Gäste. Während die Angebotsspanne aus Suppenküchen und Tagesstätten in Berlin ganzjährig recht gut ausgebaut ist, fehlt es gerade im Sommer an Schlafmöglichkeiten in der Stadt, da hunderte Plätze der Kältehilfe im Frühling wegfallen. „Laue Sommernächte unter freiem Himmel“ mögen in unserer Vorstellung romantisch klingen. Für wohnungslose Menschen bedeutet dies in der Realität jedoch keinen Schutz vor Witterungsbedingungen und gewaltvollen Übergriffen, keine Privatsphäre, gesellschaftliche Stigmatisierung, Verdrängungsmechanismen durch Behörden und Anwohnende sowie gesundheitliche Folgeerscheinungen durch körperliche und psychische Belastungsfaktoren.

Dennoch werden aufgrund fehlender Alternativen hinsichtlich des Hilfesystems viele Wohnungslose den Sommer auf der Straße oder in Parks verbringen. Was können wir also im Kleinen tun, jeder und jede von uns, um jene vulnerable Zielgruppe durch die Sommermonate zu begleiten, um die Kältehilfe mit ihrem Engagement, Herzblut und ihren vielen Unterstützenden auch über die „warmen“ Monate in den Herzen und Köpfen der Gesellschaft weiteratmen zu lassen?

Achtung. Ich bin auch ein Mensch.

An erster Stelle können wir aufmerksam sein. Mit offenen Augen durch die Straßen laufen und unsere Umgebung bewusst wahrnehmen. Wir können mutig sein, Berührungsängste überwinden und auf hilfebedürftige Menschen zugehen. Wir können mindestens nette Worte wechseln und jedem Menschen, unabhängig seiner Situation, auf Augenhöhe und in Würde begegnen. Wir können nachfragen, ob etwas gebraucht wird, mit dem wir womöglich aushelfen können. Seien es Hygienemittel, etwas aus der nächsten Bäckerei oder dem Späti an der Ecke, oder seien es der Schlafsack und die Isomatte, welche in so manchen Schränken gewiss bereits seit Jahren vergeblich auf ihren Camping- oder Yogaeinsatz warten.

Zeichnung vom Kältebus am Alex

Im Weiteren können wir uns informieren, belesen und unser Wissen mit Betroffenen teilen. Wo gibt es im Sommer Schlafmöglichkeiten für wohnungslose Menschen? Wo können sie essen, womöglich ihre Wäsche waschen? Die Bahnhofsmission am Zoologischen Garten bietet beispielsweise ganzjährig drei Mal am Tag Essensausgaben für wohnungslose und bedürftige Menschen an. Außerdem gibt es eine Notfallkleiderkammer und ein Hygienecenter zum Duschen.

Genauso bieten Wohnungslosentagesstätten wie der „Warme Otto“ in Moabit oder das Restaurant für Wohnungslose und Bedürftige „City Station“ nahe des Ku‘damm Essens-, Aufenthalts- und Hygienemöglichkeiten an. Die Notübernachtung am Containerbahnhof der Berliner Stadtmission nächst der Frankfurter Allee öffnet seit Juni 2018 auch im Sommer ihre Unterkunft über Nacht für etwa 60-70 Personen und ergänzt somit die Anzahl an Schlafplätzen außerhalb der Kältehilfe. Und ebenso stellt die Notübernachtung Franklinstraße in Charlottenburg das ganze Jahr über etwa 70 Schlafmöglichkeiten zur Verfügung.

Verschiedene Anlaufstellen und Hilfeeinrichtungen sind folglich – wenn auch nicht ausreichend - vorhanden. Doch ist bereits der Zugang zu jenen für viele wohnungslose Menschen nicht zu bewältigen. Hier spielen sprachliche Barrieren, fehlendes Wissen und fehlende Informationsquellen, Scham, psychische Erkrankungen und Abhängigkeiten sowie körperliche Einschränkungen eine Rolle. Um zu helfen, können wir den Menschen also übersetzend zur Seite stehen, unsere längst vergrabenen Sprachkenntnisse wiederbeleben, informieren, aufklären, vernetzen und begleiten. 

Informieren, begleiten, helfen

Ja, die Kältehilfesaison mag in vielen Einrichtungen zu Ende sein. Doch trotz dessen können wir alle im Einzelnen dazu beitragen, dass jenes zugehörige Bewusstsein auch über den Sommer in unserer Stadt weiterlebt. Dass zwar kein Kältebus mehr auf den Straßen unterwegs ist, aber dafür viele achtsame Menschen, welche stattdessen aufsuchen, ansprechen und sehen, wo in ihrer Umgebung Hilfe benötigt wird.

Lissy Kraft
arbeitet selbst seit Jahren in der Kältehilfe
und schreibt Artikel dazu