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Aktuelles

31.12.2018

Jeder Mensch benötigt ein Zuhause - Housing first in Berlin

Wir mögen unterschiedlichen Kontinenten entstammen, in verschiedenen Ländern und Städten das Licht der Welt erblickt haben, vielfältigen Religionen angehören, in allerlei Hautfarben gekleidet sein und uns gesellschaftlich in ungleichen „Schichten“ bewegen. Doch was uns Menschen bei all‘ der Vielfältigkeit stets eint, bleibt der Wunsch nach einem Rückzugsort, einer Zuflucht, einer Basis. Einem Ort, an dem wir zur Ruhe kommen, regenerieren, in Sicherheit und ganz wir selbst sein dürfen. Denn jeder Mensch benötigt ein Zuhause.

Dass dies für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit darstellt, auch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland nicht, ist ein Armutszeugnis für Politik und Gesellschaft und in keinerlei Weise akzeptabel. Geringverdienende, Familien, Alleinerziehende, Alte, Studierende, Jugendliche – Menschen, welche von Wohnungslosigkeit bedroht sind, finden sich in der aktuellen Wohnraumsituation in Berlin quer durch die Gesellschaft hindurch. Hinzu kommen all‘ jene bereits wohnungslose und obdachlose Menschen, welche in Notunterkünften, bei Bekannten oder auf der Straße schlafen.

Schild mit Schriftzug: "Nicht genug Geld für meine schöne Welt"

Für diese zuletzt genannte Zielgruppe gibt es seit dem ersten Oktober nun auch in Berlin das erste „Housing First“- Konzept, welches in fünfjähriger Vorarbeit durch Karen Holzinger, Fachbereichsleiterin für Wohnungslosenhilfe bei der Berliner Stadtmission, und Ingo Bullermann, Geschäftsführung von Neue Chance Berlin, erarbeitet und initiiert wurde.

„Housing First“, grob übersetzt „zuerst ein Zuhause (- und dann alles Weitere)“, beschreibt eine Konzeption zur nachhaltigen Vermeidung und Bekämpfung von Wohnungslosigkeit, welche ihren Ursprung in den neunziger Jahren in den USA fand und in den zweitausender Jahren dann nach Europa schwappte. Dort fand der Ansatz des „bedingungslosen Wohnrechts“  über die Jahre in vielen Ländern Anklang, wie beispielsweise auch in Irland, Großbritannien, Schweden, Dänemark, Finnland, der Niederlande und Österreich.

Geringe Hürden

Dabei folgt „Housing First“ generell dem genau gegenteiligen Prinzip der klassischen und bekannten Wohnungslosenhilfe. Denn bei dieser wird bisher noch von einem Stufensystem gesprochen, wie Stefan Laurer, Projektleitung des Berliner Konzepts, im Gespräch erklärt. Das heißt, dass ein wohnungsloser Mensch normalerweise in einer niedrigschwelligen Einrichtung der Wohnungslosenhilfe landet, dort im besten Falle in Kontakt mit einem oder einer SozialarbeiterIn kommt und sich mit jener professionellen Kraft - praktisch Stufe für Stufe - „hocharbeiten“ kann, um am Ende dieses Prozesses, womöglich mit Glück und dem Charakter einer Belohnung gleich, für die Mühen und Anstrengungen eine Wohnung zu erhalten. Dass vielen Menschen auf diesem beschwerlichen Weg die Puste ausgeht, weil sie aufgrund des fehlenden Rückzugsortes gar nicht fähig sind, über so lange Zeit genügend Kraft, Selbstheilungstendenzen und Antrieb aufzubringen, wird dabei jedoch zu wenig bedacht. Viele scheitern, einmal oder mehrmals, und ziehen sich infolgedessen ganz zurück, geben die Hoffnung in Hinblick auf die unüberwindbar scheinende Entfernung ihres Ziels auf, werden antriebslos, kapitulieren und akzeptieren resigniert ihre Situation. Hier setzt der Grundgedanke von „Housing First“ an.

Die einzige Bedingung, welche nämlich zu Beginn an den Menschen gestellt wird, um eine Wohnung zu erhalten, ist es lediglich in die „Zielgruppe“ zu passen. Diese sieht langjährige - mindestens ein Jahr - wohnungslose Menschen als KlientInnen vor, welche neben ihrer Wohnungslosigkeit zusätzlich in mehreren Lebensbereichen Probleme mitbringen und vom bisherigen Hilfesystem nicht erreicht wurden. Außerdem sollte eine grundsätzliche Anspruchsberechtigung zum Leistungsbezug vorliegen, oder wahlweise ein stabiles Einkommen, wie die Rente, zur Verfügung stehen. Somit wirkt das „Housing First“- Projekt in Berlin erst einmal als Ergänzung der bestehenden Hilfen für Wohnungslose in der Stadt.

Mit einem Schlüssel wird eine Tür geöffnet

 

Und wie sieht das dann in der Praxis aus? Nach den Bewerbungsverfahren, welche bereits vor offiziellem Start des Projekts erfolgten, wurde eine Auswahl an potenziellen BewohnerInnen getroffen und anhand einer überschaubaren Warteliste festgehalten. Wurde eine Wohnung gefunden, steht also die bedingungslose, unbefristete sowie dauerhafte Wohnraumversorgung an erster Stelle, bevor überhaupt irgendwelche anderen Themen oder Probleme aufbereitet werden. Denn ist der Wohnraum gewährleistet, dann ist auch das erste große Problem, nämlich die alles bedingende Wohnungslosigkeit nachhaltig beseitig – so der Gedanke. Und damit hat eben jener Menschen den Kopf frei, sich zu sortieren, Problemfelder zu benennen, und weitere adäquate Hilfen anzunehmen, ohne permanent die existenzielle Sorge tragen zu müssen, wo er oder sie die Nacht unterkommen und Schutz vor Witterungsbedingungen oder Angriffen finden kann.

Die weiteren Hilfen erfolgen dann ebenso durch das Team des „Housing First“- Projekts in Form von Hausbesuchen. Auch hierbei wird sich an der Dynamik und den Spuren langjähriger Wohnungslosigkeit orientiert. Die Menschen müssen keine komplizierten Wege in Angriff nehmen, um zu bestimmten Terminen in der Einrichtung zu erscheinen. Sondern die Gespräche erfolgen in vertrauter Umgebung, was den Vorteil hat, das Vertrauensverhältnis zwischen den Bewohnenden und den Helfenden zu begünstigen. Bei diesen Besuchen bestimmt der Klient bzw. die Klientin dann selbst die Themen sowie das Tempo, was Überforderungen, Versagensgefühle und damit einhergehende Rückfälle vermeiden soll. Außerdem versprechen sich Stefan Laurer und sein Team durch diese Herangehensweise, dass jene Hilfen, die im Anschluss angenommen werden, auch wirklich effizient und nachhaltig wirken werden, da sie selbst aus dem Menschen heraus entstanden sind.

Aktuell besteht das Team aus drei Mitarbeitenden, darunter zwei sozialarbeiterische Kräfte mit zusätzlicher Leitungsfunktion sowie einem Kollegen, welcher für die Wohnungsakquise zuständig ist und die Vernetzung mit Wohnungsbaugesellschaften, Privatmietern, sowie Genossenschaften herstellt und pflegt. Ziel ist es, bis Januar mindestens fünf bis sechs Wohnungen akquiriert und Bewohnende untergebracht zu haben. Außerdem wird ab sofort eine Art SozialhelferIn gesucht, welcher bzw. welche jedoch keine formalen Qualifikationen mitbringen muss. Diese Kraft soll praktische Hilfen in den Wohnungen anbieten, um Menschen, welche über Jahre oder womöglich noch nie eine eigene Wohnung hatten und gewohnt waren von Tag zu Tag zu (über-)leben, alltagstaugliche Tipps im selbstständigen Wirtschaften und Kalkulieren zu geben: Wie viel kaufe ich ein, dass es ausreicht, um auch einen kleinen Vorrat bereit zu halten? Welches Putzmittel ist von Nöten? Was bedeuten bestimmte Briefe oder Formulare? Als weitere Idee möchte das Projekt in Zukunft auch ehemals Betroffene im Team aufzunehmen, welche zusätzlich wertvolle Sichtweisen und Erfahrungswerte mitbringen und den Austausch mit neuen Bewohnenden, sowie deren Einleben vereinfachen und bereichern sollen.

Modellprojekt in Berlin

Momentan finanziert sich das Projekt durch pauschale Zuwendungsfinanzierungen der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Diese Voraussetzung ermöglicht den Mitarbeitenden – im Gegensatz zu einer einzelfallbezogenen Abrechnung – erst ein solch‘ freies und flexibles Arbeiten, da die Hilfen theoretisch zeitlich unbefristet ausgelegt sind und dadurch mit jedem Menschen individuell in einem ihm angemessenen und nicht von außen vorgeschriebenen Tempo gearbeitet werden kann. Da das „Housing First“ in Berlin aktuell jedoch noch als Modelprojekt gilt, dessen Zuwendungen erst einmal auf drei Jahre angesetzt worden sind, bleibt abzuwarten, in welcher Form es danach weitergeht.

Vergleichsuntersuchungen und Evaluationen aus den USA haben jedoch bereits aufzeigen können, dass „Housing First“- Konzepte die Allgemeinheit im Schnitt weniger kosten, als wenn Menschen auf der Straße gelassen werden. Zu den Berechnungen zählen beispielsweise Feuerwehr-, Notarzt-und Polizeieinsätze, Straffälligkeit wie das Fahren ohne Ticket aufgrund mangelnder Ressourcen, Gefängnisaufenthalte und Weiteres. Ist ein Mensch dagegen in einer Wohnung untergebracht, in der er sich stabilisieren kann, würden sich diese Folgekosten erfahrungsgemäß stark verringern. Ob sich diese Erkenntnisse beim „Housing First“- Konzept der Berliner Stadtmission, sowie der Neuen Chance ebenso bestätigen, wird dessen Evaluation durch die Alice-Salomon- Hochschule Berlin und Prof. Dr. Susanne Gerull zeigen. Außerdem wird das Projekt durch die Gesellschaft für innovative Sozialforschung, Bremen, wissenschaftlich begleitet.

Es bleibt also abzuwarten, wie sich das „Housing First“- Modelprojekt in Berlin über die nächsten drei Jahre weiterhin entwickeln wird und zu hoffen, dass vielen wohnungslosen Menschen dadurch in Zukunft die Chance auf ein Zuhause geboten werden kann.

                                                                                                                                                            Lissy Kraft