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Aktuelles

15.04.2021

Kaltes Berlin - als FSJlerin in der City-Station

Blick in den Aufanthaltsraum der City-Station

Pia Wittrin ist seit September 2020 eine von aktuell 14 FSJler:innen bei der Berliner Stadtmission. In ihrem Freiwilligendienst arbeit sie unter anderem in der City-Station in Halensee. Ihre bisherigen Erfahrungen dort hat sie im Februar niedergeschrieben.

Ein wenig müde von der letzten Nacht gehe ich den verschneiten Ku´damm hinunter. Straßensplitt liegt auf dem Bürgersteig. Der weiße Schnee auf dem Asphalt wird von den rasenden Autos zu grauem Matsch zerfahren. Im Zuge meines FSJ arbeite ich unter anderem in der City-Station, die am Ende vom Ku´damm in einer kleinen Seitenstraße liegt. Die City-Station ist ein kleines Restaurant für obdachlose und bedürftige Menschen. Wegen Corona kann das Restaurant leider nicht komplett öffnen. So bieten wir eine Fensterausgabe an, bei der wir Lunchpakete und Getränke austeilen. Zusätzlich ermöglichen wir Obdachlosen eine Suppenküche: Sie können über den Mittag hereinkommen, sich aufwärmen, eine heiße Suppe essen und sich sozial beraten lassen.

Unter unseren Suppenküchen-Gästen ist Pavel. Ich kenne ihn seit November, als er das erste Mal zu uns kam, seitdem sind er und seine Freunde regelmäßig bei uns. Wir setzen uns gemeinsam an seinen Tisch und quatschen, einer seiner Freunde übersetzt ein bisschen. Um uns herum geht der normale Restaurantbetrieb weiter. Geschirr klappert, Tabletts werden hin und her getragen, neue Gäste kommen an.

Der 37-jährige Pavel kommt gebürtig aus einer Kleinstadt in Polen. Aufgewachsen sei er ziemlich normal, meint er. Pavel ging in die Schule, war bei der Armee, hat eine zweijährige Ausbildung in Technik und Informatik absolviert und schließlich elf Jahre als Steinmetz gearbeitet. Als ich ihn nach seinen Eltern frage, meint er: „Mama tot, Papa keine Ahnung“. Die Mutter ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben. Eine Frau und Kinder habe er auch nicht.

Jeder bringt seine eigene Geschichte mit

Pavel auf einer Straße im winterlichen Berlin

Trotz der Übersetzung fällt es mir nicht immer leicht, alles zu verstehen. Wir schwanken von Deutsch zu Englisch, zeitweise zu Zeichensprache. Ein paar polnische Wörter, die die beiden austauschen, kann ich ebenfalls verstehen. Es ist schön, mit ihm zu reden, etwas über ihn zu erfahren. In Berlin leben schätzungsweise 2.000-4.000 Leute auf der Straße. Dazu kommen etwa 40.000 Wohnungslose. Jeder und jede von ihnen bringt seine und ihre eigene Geschichte mit.

Pavel erzählt mir, dass er sich verschuldet habe und dafür in Polen im Gefängnis gelandet sei. Zurück in seine Heimat kann er nicht, da er sonst wieder dorthin müsse. Nach seinem Gefängnisaufenthalt ist er nach Berlin gekommen. Seit vier Jahren und sechs Monaten lebt er in der Hauptstadt. Die erste Zeit hat Pavel schwarzgearbeitet, dann kam in seiner zweiten Arbeitsstelle eines Tages das Zollamt vorbei. Mit den Beamten gab es Probleme wegen fehlenden Papieren. Was mit der Firma passiert ist, weiß Pavel nicht. An dem Tag wusste er nur, dass er seinen Job verloren hat, kein Einkommen mehr bekommt und bald nicht mehr genug Geld haben wird. Ob Pavel zu diesem Zeitpunkt schon ahnte, dass er auf der Straße landen wird, weiß ich nicht. Heute sitzt er jedenfalls hier in der City-Station, vor ihm der leere Suppenteller und sagt in gebrochenem Deutsch: „Zwei Jahre bin ich obdachlos“.

"Kein gutes Leben"

Um uns herum sitzen Leute, die drei, vier, sieben Jahre obdachlos sind, sie essen, trinken und reden zusammen. Zwei schnarchen friedlich vor sich hin. Die Belüftungsanlage läuft. Alles wirkt ruhig und einträchtig, obwohl so viele traurige Geschichten an diesem Ort gebündelt werden. Manchmal fällt es mir gar nicht mehr auf, mit welchem Leid ich Tag für Tag konfrontiert werde. Noch vor einem Jahr saß ich in der Schule, in einer heilen Welt. Wenn ich nach dem Unterricht Zuhause ankam, hat mich unser Hund begrüßt, ich habe mit Mama und Papa Mittag gegessen und dann irgendetwas gemacht. Das war eine tolle Zeit, doch trotzdem bin ich froh, dass ich jetzt hier bin. Hier bei den Obdach- und Wohnungslosen und nicht in irgendeinem Onlineseminar an irgendeiner Universität. Ich bin froh, dass ich jetzt in Berlin lebe, Neues sehe und neue Erfahrungen mache.

Natürlich ist das nicht immer leicht. Wenn ich mit den Leuten rede, kommen oft Dinge dabei heraus, die ich auch selbst verarbeiten muss. Heute erzählt Pavel von seinem Leben auf der Straße. Nachts schläft er mit seinen Freunden in einer Notübernachtung. Früh um sieben müssen sie raus. Dann geht es weiter mit Pfandflaschen suchen und betteln. Um zwölf Uhr kommen sie in die City-Station, essen, trinken und wärmen sich auf. Danach suchen sie wieder Flaschen, betteln oder sitzen in den etwas wärmeren U-Bahn-Stationen, bis sie von der Bahn-Sicherheit wieder hinaus auf die kalte Straße geschickt werden. Wenn ich an den Alltag eines Obdachlosen denke, denke ich an genau das. In dem Gespräch mit Pavel habe ich mir allerdings mehr erhofft. Ich dachte, dass in dem Leben noch mehr drinstecken könnte, irgendetwas, das man auf den ersten Blick nicht sieht. Doch da scheint nichts zu sein. Auf Englisch sagt Pavel mir: „Ich weiß, dass das kein gutes Leben ist“.

Blick auf die Fassade der City-Station

Dazu kommt, dass Pavel Alkoholiker ist. Jeden Tag trinkt er zwei Flaschen Wodka. Auf der Straße ist das leider nichts besonders, zu viele trinken. Trotzdem hat es mich bei Pavel überrascht. Auf mich wirkt er immer sehr klar und ausgeglichen. Das ist er in meinen Augen auch noch. Doch er hat sich selbst aufgegeben. Als ich ihn nach seiner Zukunft frage, sagt der 37-Jährige zu mir: „No stop Alkohol, no stop Pfandflaschen“. Es folgt ein langer Monolog auf Polnisch, den sein Freund übersetzt. Ein Satz ist: „Das ist alles kaputt“, ein anderer: „Mein Ende ist auf der Straße“. Ich frage ihn, ob er wirklich keine Hoffnung mehr habe. Er schüttelt den Kopf.

Wenn unterschiedliche Welten zusammensitzen

Dennoch ist nicht alles schlecht. Zum Beispiel meint Pavel, dass er sehr froh sei, hier in Deutschland zu leben. „Poland, Katastrophe“, meint er. Dort gebe es nicht so große Organisationen wie die Stadtmission, die sich um Obdach- und Wohnungslose kümmern. Außerdem erzählt er mit einem Lächeln, dass er jeden Tag mit seinen Freunden trinken könne.

Es ist schön, Menschen wie Pavel lachen zu sehen. Es ist schön, dass Pavel lachen kann, obwohl er kein Zuhause hat, zwei Flaschen Wodka am Tag trinkt, bettelt und Pfandflaschen sucht. An unserem Tisch treffen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Wann musste ich denn mal Pfandflaschen suchen gehen? Wann musste ich betteln? Nie. Und trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen sitzen wir zusammen am Tisch und reden. Draußen ist es kalt, aber hier ist es warm. Für kurze Zeit kann ausgeruht werden. Ausgeruht von der Kälte, dem ständigen Suchen und Betteln, bis es wieder hinaus geht - in das kalte Berlin.

Weitere Infos zur City-Station gibt es hier. Informationen zum Freiwilligendienst bei der Berlinerstadtmission gibt es hier. Ausserdem schreiben wechselnde FSJler:innen das FSJ-Monatsbuch.