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Aktuelles

30.06.2017

Mein FSJ in der Mertensstraße!

Seit nun schon fast einem ganzen Jahr bin ich FSJler bei der Berliner Stadtmission. In diesem Jahr habe ich viele spannende Dinge erlebt und interessante Menschen kennengelernt. Besonderes in meiner Einsatzstelle im Flüchtlingszentrum in der Mertensstraße habe ich ein bunt gewürfeltes Aufgabenfeld, wie ich im Folgenden berichten möchte:

Spaß an der Musik

Das Flüchtlingszentrum in der Mertensstraße ist wie eine kleine Stadt. Es gibt verschiedene Hallen, genannt „Dörfer“, in denen die Geflüchteten, unsere Gäste, untergebracht sind. Die große Halle ist wie ein Marktplatz. Es gibt einen großen Essensbereich mit der Essensausgabe, einen Friseursaloon, eine Textilwerkstatt, einen Fitnessbereich, eine Turnhalle, einen Bereich für Kinder und Jugendliche und eine große Fläche mit Sofas und Tischen. Dorthin setze ich mich jede Woche, mit ein oder zwei anderen Kollegen und einigen Gitarren.

Die große Halle mit Aufenhaltsbereich und Essensausgabe.Die große Halle mit Aufenhaltsbereich und Essensausgabe.

 

Wir spielen etwas auf den Instrumenten, und meistens gibt es zuerst großen Andrang an Kindern. Alle möchten mal eine Gitarre in der Hand halten und einen Ton erzeugen. Vergeht den Kindern den Spaß, trauen sich auch Erwachsenen näher und wollen – ebenfalls sehr interessiert - einen ersten Akkord erlernen. Unbeschreiblich ist dabei die Freude, die den Menschen ins Gesicht geschrieben steht. Teilweise offenbaren sich wahre Talente, ein Mann kann bereits Gitarre spielen, und zupft fröhlich, singt dabei ein Lied. Die Leute stehen um die Couch herum, hören zu, freuen sich, tanzen sogar zur Musik und applaudieren zum Abschluss. Eine junge Frau spielt ihre ersten beiden Akkorde und strahlt über das ganze Gesicht.

Fitnessausweis

Zu meinen Aufgaben gehört auch die Einweisung interessierter Gäste in den Fitnessbereich, wo es einige Geräte zum Trainieren gibt. Nach der Einweisung und dem Erklären der Regeln gibt es einen Fitnessausweis, der den Gast dazu berechtigt den Bereich zu nutzen.

Fast jeden Tag findet in einem separaten Raum ein „hauseigener“ Deutsch-Sprachtreff statt. Dort lernen wir gemeinsam mit einigen Gästen unserer Unterkunft die deutsche Sprache. Das Besondere an unserem Sprachtreff ist der spielerische Aspekt.

Der Deutschraum, mit Pflanzen und vielen Sitzgelegenheiten.Unser Raum zum Deutsch lernen.

 

So machen wir nicht nur gemeinsam Hausaufgaben oder Übungen, sondern spielen Uno, zum Farben und Zahlen lernen, oder mal ein bis zwei Runden Tischtennis oder Tischkicker, einfach um mit den Leuten Spaß zu haben. Und den haben wir - sogar beim Lernen. Denn wenn man mal wieder vom „Kopfsalat“ spricht, wenn alles zu verwirrend ist, oder beim Geburtstaglied „Aprikose in der Hose“ gesungen wird – gelacht wird beim Sprachtreff jede Menge. Doch auch beim Lernen breitet sich Freude aus, gerade bei Frauen, die oftmals nicht einmal in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben können, ist es phänomenal, wenn sie einen Buchstaben schreiben können, oder erste Wörter auf Deutsch sprechen.

Als Sprachtreff sind wir oft nur eine Ergänzung zu einem Deutschkurs. Deshalb helfen wir unseren Gästen bei Hausaufgaben, haben aber auch eigene Übungen, die als Ergänzung zum Sprachkurs oder als Vorstufe für einen solchen bewerkstelligt werden. Dabei variiert die Schwierigkeit von ersten Wörtern, Sätzen bis hin zu schwierigen grammatischen Konstruktionen, Dativ, Akkusativ, Genetiv oder Possessivpronomen, wo selbst wir als Lehrende überlegen müssen.
Das Erlernen der deutschen Sprache ist ein wichtiger Teil der Integration, denn Kommunikation ist meiner Meinung nach unerlässlich.

Harry Potter lesen im Sprachtreff

Motivierend sind die Fortschritte, die unsere Teilnehmer im Sprachtreff machen. Da wäre zum Beispiel Obaid. Obaid ist vor ungefähr 1,5 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, und kommt, seit ich mein FSJ hier in der Mertensstraße mache zu unseren Sprachtreffs. Er spricht schon sehr fließend Deutsch, und man kann sich gut mit ihm unterhalten. Auch Zabiollah, ebenfalls aus Afghanistan spricht schon sehr gut Deutsch. Er hat gerade angefangen in der Zeit des Sprachtreffs Harry Potter zu lesen – für ihn etwas ganz besonderes, da er in Afghanistan noch nie ein Buch gelesen hat, sondern seit er ein Kind ist in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Beide absolvieren neben dem Sprachtreff auch noch einen „richtigen“ Sprach-/Integrationskurs an einer Volkshochschule.

Tim und Zabiollah zusamme in der großen Halle.

Es ist toll zu sehen, wie unsere Teilnehmer im Sprachtreff – vor allem über das eine Jahr gesehen, oft aber auch schon über kurze Zeit – die deutsche Sprache immer besser beherrschen. Klar nicht immer mit voller Motivation (das ist ja ganz normal), aber mit viel Freude und großem Interesse. Ich durfte viele ganz unterschiedliche klasse Menschen kennenlernen und bin sehr dankbar für die Zeit, die ich in der Mertensstraße haben durfte, und auch noch ein bisschen haben werde.

Tim Ahlfeld
FSJler der Berliner Stadtmission