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Aktuelles

19.03.2019

Was uns verbindet...

Wir sitzen am Tresen. Mal zu viert, dann wieder zu sechst. Drehen uns in den Barhockern um die Wette. Lauschen Musik der späten 90er und frühen 2000er. Musik wie Uncle Kracker, Eamon, Eagle-Eye Cherry, Mattafix oder Coolio. Jene Musik und Lieder, die im Alltag bereits längst in Vergessenheit geraten sind, aber auf ihre Art doch so einprägsam waren, dass deren erste Töne und Beats ausreichen, um jeden und jede von uns mit einem Schmunzeln zurück zu befördern. Zurück zu Liebeskummer, ewigen und endlichen Freundschaftsschwüren, Autofahrten im Sommer und anderem verknüpften Zeitgeschehen.  Ja, Musik verbindet, da ist was dran. Und so sitzen wir hier - nicht in einer Bar oder Kneipe - sondern in einer der größten Notübernachtungen Berlins, Mitarbeitende und Gäste, teilen Erinnerungen zur gleichen Musik und wippen dazu gemeinsam mit Kopf und Füßen.

Zeichnung von Tresen, Musik, Menschen

Wer hier arbeitet und wer das Angebot nutzt, spielt in diesem Moment keine Rolle. Von Bedeutung ist lediglich wieder mal die schlichte Erkenntnis: So verschieden sind wir gar nicht. Selbstverständlich werde ich die Notübernachtung in der nächsten halben Stunde verlassen können, und zwar nicht um noch eine Runde Flaschen zu sammeln oder meine Platte aufzusuchen – denn meine Platte ist glücklicherweise ein kleines, aber doch gemütliches Schuhkarton-Zimmer in einem Studentenwohnheim. Und natürlich sind meine Alltagsprobleme absolut nichts im Vergleich zu den schweren Koffern aus existenzieller Not, physischen Gebrechen, psychischem Leiden und gesellschaftlicher Exklusion, welche zu viele unserer Gäste allabendlich die Treppen unserer Notübernachtung hinunter hieven. Doch was wir darüber leider oft vergessen, ist den einfachen Menschen hinter dem Koffer zu sehen, einen Menschen, wie du und ich, mit Träumen, Wünschen, schlechten Scherzen und Bedürfnissen, und nicht nur den Betroffenen vor Augen zu haben, den Nutzer niedrigschwelliger sozialer Angebote, den Träger von allerlei Problemen, den Kranken oder aus der Bahn Geworfenen.

Denn dann würden wir bemerken: Da ist ein Mensch, der früher vielleicht auch lediglich mit „Alltagsproblemen“ zu tun hatte, der ein Zimmer besaß - womöglich sogar größer als ein Schuhkarton. Ein Mensch, der damals dieselben Freundschaftsschwüre und Liebesbunde zur gleichen Musik geschlossen hat, zu der wir da so fröhlich wippen. Und womöglich ist zu irgendeinem Punkt in dessen Leben etwas gehörig schief gelaufen. Aus einfachem Liebeskummer wurde eine schwere Depression. Aus ewiger Freundschaft und gemeinsamen sommerlichen Autofahrten der alljährliche Besuch auf dem Friedhof. Trauer wurde ertränkt in Tränen und Alkohol. Die Belastung im Job zu groß und der Selbstwert zu klein. Vielleicht wurde die Miete angehoben und der Schuhkarton zu teuer. Vielleicht wurden Erfahrungen mit Gewalt und Missbrauch gemacht, mit der Familie gebrochen. Das Leben kann zu jedem Zeitpunkt absolut schlimm mit uns spielen, uns den Boden unter den Füßen entreißen und uns jegliche, auch so sicher scheinende, Stabilität nehmen. Warum? Weil wir letztlich alle einfache Menschen sind, verletzlich und endlich, weil wir in Systemen leben und unterschiedlichsten Anforderungen unterstehen, weil uns der Trubel der großen Welt, mitunter auch unserer Kleinen, manchmal zu viel wird, weil wir zweifeln, scheitern und bisweilen liegen bleiben, wenn uns keiner die Hand entgegenstreckt. Das kann uns allen passieren, das verbindet uns, das haben wir gemeinsam.

Und deshalb sitzen wir da, drehen unsere Barhocker und wippen zusammen zum selben Beat. Als Einheit, als Gruppe von Menschen auf Augenhöhe, welche für diesen Moment mehr verbindet als sie trennt. Wir sind einfach Menschen, die zusammen Musik hören. Die die gleichen alten Lieder ausgraben, die gleichen Texte mit summen, dasselbe Gefühl teilen. Die ihre unterschiedlichen Lebenssituationen, Probleme und Sorgen für einen kleinen Augenblick vergessen und ablegen. Und die sich dabei schrecklich wohl zusammen fühlen.

Lissy Kraft