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Aktuelles

02.01.2018

Willkommensbüro - Ort der Ankunft

Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus Syrien, wurden tagtäglich vom Krieg verfolgt und haben jetzt Ihr großes Ziel „Deutschland“ erreicht. Doch nach einigen Tagen und Wochen fällt Ihnen auf, dass es gar nicht so einfach ist, einen Neuanfang in Deutschland zu unternehmen. Wie finde ich eine Wohnung? Woher bekomme ich Geld, um meine Unterkunft zu bezahlen? Wie komme ich an einen Personalausweis? Wie finde ich eine Arbeit? Was ist mit meinen Kindern? Wie lernen sie und ich Deutsch? Wer hilft ihnen bei den Hausaufgaben und bei alltäglichen Fragen? Wie passe ich mich an die Gesellschaft an?

Fragen über Fragen kommen auf und machen den Alltag eines Geflüchteten in den ersten Jahren sehr schwierig. Viele Hindernisse sind zu überwinden. Aus diesem Grund gibt es das Willkommensbüro der Berliner Stadtmission für Geflüchtete im Lupsteiner Weg. Mit zwei Hauptamtlichen, einer FSJlerin und drei weiteren Mitarbeitenden ist man dort eine Anlaufstelle für die geflüchteten Familien, die in der Hilfswerksiedlung wohnen.

Fenster des Willkommensbüros

Den beleuchteten Eingang sieht man schon aus einiger Entfernung und mit der „Willkommensdeko“  am Fenster wird jeder willkommen geheißen und in das Büro eingeladen. Genau so ging es mir: Ich machte mich vor einigen Tagen auf den Weg nach Zehlendorf um Alina Reger, eine FSJlerin (FSJ=Freiwilliges Soziales Jahr) der Berliner Stadtmission, bei der Arbeit in ihrer Einsatzstelle zu begleiten. Schon am Eingang wurden wir von einigen Kindern, die hier täglich zu Besuch sind, begrüßt.

Obwohl sie oft einen schwereren Alltag als wir haben, fragten sie, wie es uns geht und ob alles okay ist. Wenige Minuten später saß Alina schon mit einigen Schulkindern am Tisch und half ihnen bei den Hausaufgaben, einer ihrer Hauptaufgaben. Zwei Tage in der Woche arbeitet die 18-Jährige hier und betreut Kinder und bringt ihnen alltägliche Dinge bei. Teilweise hilft sie auch bei gemeinsamen Aktionen des Frauen- und Kinderprogrammes, zum Beispiel sangen alle vor einem Monat zusammen St.-Martins-Lieder.

Alinas Lieblingsaufgabe ist die Gestaltung des Kinderprogramms. Obwohl es wirklich schwierig ist, alle Kinder ruhig zu bekommen, um das Programm zu gestalten, macht es ihr sehr viel Spaß. Es macht sie auch selbst glücklich, wenn die Kinder etwas schaffen und stolz auf sich selbst sind.

Für jeden ist was dabei

Das Büro bietet aber noch viel mehr für Geflüchtete, erklärt Alina. Hauptsächlich dient es zur Beratung und Vermittlung bei Rechnungen, Krankenhausbesuchen und bei der Wohnungssuche. Ziel ist die Integration ins unmittelbare Umfeld, damit, wenn es das Büro in einigen Jahren nicht mehr gibt, die Geflüchteten in Zukunft bei Problemen und Fragen auf deutsche Nachbarn zugehen. Außerdem gibt es wöchentlich ein Frauen-, Männer- und auch ein Nachbarschaftscafé, bei denen man miteinander ins Gespräch kommt und sich austauscht. Dabei wird Deutsch gesprochen und gelernt, jede und jeder erzählt von der eigenen Kultur und man hat Spaß, wie zum Beispiel beim Singen.

Robin bei der Hausaufgabenhilfe

Zusätzlich bietet das Büro auch Sprachkurse an. Die Deutschkurse sind für alle da, die Arabischkurse sind eher für Kinder gedacht, die ihre Muttersprache lernen möchten. Teilweise organisiert das Büro auch Ausflüge für Groß und Klein: Vor einigen Wochen ging es beispielsweise zum Hertha-Spiel, an anderen Tagen zum Schlittschuhlaufen und auf Spielplätze. Um Fahrradfahren zu lernen, gibt es manchmal Besuche von Verkehrsschulen.

Seit Neuestem gibt es für Kinder ein Mentorenprogramm, bei dem sie Familien oder einzelnen Personen zugeteilt werden, um gemeinsame Ausflüge zu unternehmen, sich aber auch zwischen den Familien austauschen, um den Alltag zu erleichtern.

„Ich finde es richtig cool mal eine andere Kultur kennenzulernen“

Alina bei der Hausaufgabenhilfe

„Ich finde es richtig cool mal eine andere Kultur kennenzulernen“, erzählte Alina mir am Dienstag. Hundert Geflüchtete, hauptsächlich Familien, gehören zum Einzugsbereich des Willkommensbüros im Lupsteiner Weg. Ungefähr 70 % davon sind Syrier, 25 % Afghanen und 5 % Iraker. Der interkulturelle Austausch gehört also zu Alinas FSJ täglich dazu. Als sie einige Bewohner in den vergangenen Wochen und Monaten zuhause besuchte, bewunderte sie die Offenheit und Gastfreundschaft der geflüchteten Familien.

Eine große Herausforderung für die Mitarbeitenden bieten jedoch die kulturellen Unterschiede, vor allem wenn es um die Unterschiede zwischen Frauen und Männern beziehungsweise Mädchen und Jungs geht. Was bei uns oft so normal erscheint, ist in anderen Kulturen ganz anders. Vor allem beim Jahresfest vor einigen Tagen ist aufgefallen, dass die Männer sich beim Tanzen vergnügt haben, während die Frauen nur daneben saßen. Außerdem achten viele Kinder, wie es ihnen beigebracht wurde, selbst darauf, dass Mädchen und Jungs zum Beispiel beim Kinderprogramm nicht nebeneinander sitzen.

Aber auch wenn es immer noch einige kulturelle Unterschiede gibt, fällt Alina beim Vergleich mit ihrer anderen Einsatzstelle im Flüchtlingszentrum in der Mertenstraße auf, dass die Geflüchteten hier in Zehlendorf schon besser an die Gesellschaft angepasst sind. Sicher auch, weil sie in Wohnungen zwischen Einheimischen leben.

Eingansbereich des Willkommensbüros

Wenn man die Situation jedoch auch mal von der Seite der Neuankömmlinge betrachtet, kann man diese auch verstehen. Sie kommen und müssen erst einmal eine komplett neue Sprache lernen, bevor sie lernen können mit den neuen Werten und Normen von hier zu leben, zumal der deutsche Alltag im Hinblick auf Behörden, Gesetze und Regeln oft schwierig ist.

Um die Flüchtlinge darüber aufzuklären, Missverständnisse zu klären und beide Kulturen gegenseitig kennen und verstehen zu lernen, hat das Büro von montags bis freitags jeden Nachmittag für jeden offen und mittwochs können zusätzlich Beratungstermine vereinbart werden.

Ehrenamt führt zu Ehrenamt

Da einige der Geflüchteten sehr dankbar für diese Hilfe sind und sich auch selber sozial engagieren möchten, arbeiten sie ehrenamtlich mit im Willkommensbüro. So auch die 33-jährige Iman aus Aleppo in Syrien. Zwischen dem lauten Toben der Kinder erzählt sie mir, dass sie bereits seit zwei Jahren mit ihren drei Kindern und ihrem Ehemann hier, in Deutschland, lebt.

In neun Monaten hat sie viel Deutsch gelernt und somit nach kurzer Zeit schon das Sprachniveau A2 erreicht. In Zukunft wird sie weiterhin Deutschkurse besuchen. Trotzdem gelingt es ihr schon sehr gut, im Willkommensbüro zu arbeiten. Dort hat sie häufig die Rolle des Übersetzers, hilft aber auch im Büro, vor allem bei der Organisation von Feiern und Veranstaltungen. Außerdem gibt sie einigen Kindern Nachhilfe und arabischen Unterricht, damit diese ihre Muttersprache nicht verlernen. Aber nicht nur zum Arbeiten kommt Iman in das Büro, auch so kommt sie häufig vorbei und besucht donnerstags das Frauencafé.

Bilderwand im Willkommensbüro

Mohammed erzählt, dass er in Syrien täglich mehrere Stunden lernen musste, während hier nur circa eine Stunde zum Lernen reicht. Er besucht die siebte Klasse eines Gymnasiums und kommt in alles Fächern, außer Englisch, sehr gut zurecht. Auch Abudi gefällt es in der Schule sehr gut und er hat fast nur Einsen auf dem Zeugnis.

In der Schule und auch in der Umgebung haben beide Jungs schon viele Freundschaften geschlossen und genießen es fast immer, nun in Deutschland zu leben. Da tragen die tollen Angebote des Willkommensbüros im Lupsteiner Weg bestimmt zu bei!

Anna Junginger