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Aktuelles

24.04.2019

Wir sind: Wertvoll

Ein wunderbarer Duft, welcher sich seinen Weg aus der Küche in jegliche Zimmer der Wohngemeinschaft gebahnt hat, kündigt eine vielversprechende Mittagszeit an und lässt den Grizzly in meinem Magen angenehm grummeln. Blicke ich aus dem Fenster, erstreckt sich vor mir das weitläufige Grundstück des Hauses, einschließlich eines Wachtelstalls, verschiedenen Werkstätten und des Sommerhauses, in dessen Dachgeschoss gerade zwei Hausmeister am Werkeln und Scherzen sind. Dahinter winken mir die kahlen frostigen Winterbäume des angrenzenden Waldstücks zu und ich freue mich an der Gemütlichkeit und Wärme, in der ich mich befinden darf und welche dieses Haus ausstrahlt. Dieses Haus samt seiner Bewohner-und Mitarbeiterschaft - sowie dem vollwertigen Familienmitglied einer kleinen aufgeweckten Hündin, welche mir um die Beine springt, auf der Suche nach liebevollen Krauleinheiten.

„Wohnstätte Rahnsdorf“ heißt das Haus, in dem ich heute so herzlich empfangen wurde, eine heilpädagogische Einrichtung, welche 27 Wohnplätze für erwachsene Menschen mit einer geistigen oder Mehrfachbehinderung bereitstellt. Träger ist die Berliner Stadtmission, während die jeweiligen Kostenübernahmen im Sinne der Eingliederungshilfe durch das zuständige Sozialamt erfolgen.

Rollstuhlfahrer*in wird in Wohnstätte geschoben

Auf drei Ebenen befinden sich insgesamt drei autonome Wohngruppen mit jeweils eigener Essensversorgung und Alltagsgestaltung. Dabei sind alle Räumlichkeiten rollstuhl-und pflegegerecht sowie behindertenfreundlich ausgebaut. Vorwiegend existieren Einzelzimmer mit separatem Zugang zu Dusche und WC, was für einige Bewohner und Bewohnerinnen zu Beginn überraschendes Neuland darstellte, da sie infolge des Enthospitalisierungsprozesses aus Mehrbettzimmern in Altersheimen, Krankenhäusern oder Psychiatrien nach Rahnsdorf kamen und eine solche Eigenständigkeit und Privatsphäre davor nie erleben durften.

Selbstständigkeit aushalten

Die Selbstständigkeit der Bewohnenden zu erhalten und zu fördern stellt grundsätzlich eins der wichtigsten Ziele in Rahnsdorf dar, nach dem alltäglich gehandelt wird. Zwar teilen sich jeweils sieben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen pro Gruppe im Schichtdienst die 24h-Betreuung untereinander auf, jedoch sollen sie, soweit es möglich ist und individuell abgestimmt auf die Fähigkeiten der jeweiligen Bewohnenden, diesen in erster Linie begleitend zur Seite stehen, ihnen verbal assistieren, anstatt direkt selbst anzupacken.

Dies auszuhalten erfordert von den Fachkräften viel Geduld, Liebe sowie ein Menschenverständnis, welches jeden Menschen selbstverständlich und gleichermaßen als wertvoll erachtet, denn manche Prozesse können sich über Jahre, gar Jahrzehnte erstrecken, wie beispielsweise das tägliche Treppentraining oder das Überwinden von Phobien.  Im Alltag wird dabei geschaut, dass jede und jeder Bewohnende, unter jener heilpädagogischen Begleitung, auf ihn oder sie zugeschnittene Aufgaben übernehmen kann. Vom gemeinsamen Einkaufen, dem Zubereiten der Mahlzeiten, der Körperpflege, der Gestaltung von Zimmern und Gemeinschaftsräumen, dem Saubermachen, der Wäsche  bis hin zur Versorgung der Hof-und Haustiere bieten sich hier für jeden und jede die passenden Möglichkeiten.

Umso bereichernder, dass sich das Team in der Wohnstätte interdisziplinär und multiprofessionell aus Fachkräften der Heilerziehungspflege und der Heilpädagogik, aus Erziehern und Erzieherinnen sowie aus Krankenschwestern und Altenpflegern zusammensetzt, welche zusätzlich durch Ehrenamtliche und Praktikanten entlastet werden.

Zwei Damen beim Töpfern

Um ihre Mitarbeitenden so gut wie möglich in ihren täglichen Aufgaben und Herausforderungen zu unterstützen und ein Arbeitsklima zu schaffen, in welchem sich Bewohnerschaft und Team wohl und sicher fühlen, vermittelt die Wohnstätte Weiterbildungsmöglichkeiten bei anderen Trägern zu bestimmten Themen. Dazu gehören beispielsweise ein dreiwöchiges Rückentraining für die Arbeit und Pflege am Bett oder Schulungen zur Sensibilisierung im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Außerdem gibt es regelmäßig eine externe Supervision. Diese sichtbare Wertschätzung der Einrichtung gegenüber ihrem Team äußert sich wiederum positiv in der niedrigen und kaum vorhandenen Fluktuation der Mitarbeiterschaft, welche dadurch inzwischen spürbar familiäre Strukturen besitzt und somit dauerhafte Vertrauensbeziehungen und Bezugspersonen für die Bewohnenden ermöglichen kann.

Denn auch die Bewohner und Bewohnerinnen leben teilweise bereits seit Anbeginn, also seit 22 Jahren, in der Wohnstätte Rahnsdorf. Der älteste Bewohner des Hauses ist momentan stolze 82 Jahre alt – und immer noch „fit wie ein Turnschuh“, wie mir Annette Bartusch, Leiterin der Einrichtung, schmunzelnd erzählt. Generell gilt, wer einen Platz in der Wohnstätte bekommen hat, der darf hier bleiben, solange er oder sie dies möchte und es für alle zu bewerkstelligen ist. Denn auch das gehört zum Grundsatz der Wohnstätte: Für die Bewohnenden ist dies keine Einrichtung, keine temporäre Unterbringung. Es ist ihr Zuhause, seit Monaten, Jahren, Jahrzehnten. Und wenn ein Mensch alt und womöglich gebrechlich und pflegebedürftig wird, so ist es doch zumeist der Wunsch eines und einer jeden, trotzdem noch so lange ‚Zuhause‘ bleiben zu können, wie der Zustand es ermöglicht. Und so wird es auch in Rahnsdorf gehandhabt.

Förderung der Begabungen

Um die Menschen über die Wohnstätte hinaus zu fördern und die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen, gibt es für die Bewohnenden unterschiedliche Möglichkeiten der Beschäftigung. Ein Teil von ihnen verlässt das Haus morgens, um in einer geschützten Behindertenwerkstatt zu arbeiten, wie beispielsweise dem „Ulmenhof“. Ein anderer Teil partizipiert im „BFB am Mühlenfließ“ – jenem Beschäftigungs-und Förderbereich, welcher im selben Haus wie die Wohnstätte ansässig ist. Und selbst für jene Bewohnenden, welche aufgrund ihrer körperlichen oder psychischen Situation an keinem der externen Beschäftigungsangebote teilnehmen können, wurde das sogenannte „Modul A“ konzipiert, welche individuelle Einzelbeschäftigung ermöglicht.

Im „BFB“ können trotz der geografischen Lage, nicht nur Bewohnende der eigenen Wohnstätte teilnehmen, sondern auch Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung, welche aus anderen ambulanten oder stationären Wohnangeboten, der eigenen Wohnung oder der Familie kommen und (noch) nicht werkstattfähig sind. Momentan nutzen fünfzehn Männer und Frauen das Angebot.

gemeinsames Musizieren

Somit wird für jeden und jede stets ein individueller Wochenplan herausgearbeitet, der unterschiedliche Aktivitäten, wie beispielsweise Sport-, Wander-, Garten-, Koch-, Musik-, Fotografie-, Theater- oder Waldgruppen beinhalten kann, kreative und künstlerische Programmpunkte in der Keramikwerkstatt oder der Ergotherapie anbietet, Sprachschulungen oder Gesprächsrunden über Themen wie Selbstwertgefühl und Glück fördert, sowie die Teilnahme im projekteigenen Chor „KUNTERBUND“ samt Auftritten ermöglicht. Außerdem gibt es einen täglichen freiwilligen Morgenkreis, bestehend aus gemeinsamem Musizieren oder einer kleinen Andacht, Feste, Ausflüge Oster-und Weihnachtsbasare, Stammtischrunden sowie eine selbst geführte hausinterne Zeitschrift.

Lissy Kraft