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Aktuelles

16.07.2019

Zu Besuch bei „Lehrter Plus“

„Wir alle haben schlechte oder traumatische Erfahrungen gemacht, Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit, dem Leben auf der Straße, Abhängigkeiten, psychischen und körperlichen Belastungen, Ausgrenzung. Somit wünsche ich mir gegenseitiges Verständnis und einen bewussten sowie respektvollen Umgang miteinander“.

Während die Sozialarbeitenden Wojciech Greh und Sandra Hörth Sergejs* Worte für die restlichen sieben Projektteilnehmenden auf Polnisch, Rumänisch sowie Englisch übersetzen, wandert der Gesprächsball – diesmal muss eine Orange herhalten – bereits weiter zu Dariusz. Auf die einleitende Frage, was sich jeder Einzelne der Gruppe hinsichtlich der Gestaltung ihres alltäglichen Zusammenlebens wünschen würde, wird das Wort „Respekt“ noch häufig fallen, außerdem Werte wie „Teilen“ oder der Grundsatz „keine Gewalt – auch nicht verbal“. Denn darin sind sich alle einig: „Lehrter Plus“ soll die nächsten Wochen ein Schutzraum für sie darstellen, ein Ort zum Kraft und Unterstützung tanken, zum Wohlfühlen, gemeinschaftlichen Leben und Perspektiven gestalten.

Und damit liegen die acht Männer, deren Projektalltag ich heute beiwohnen darf, absolut richtig. Denn das Angebot „Lehrter Plus“ soll wohnungslose Unionsbürger und -bürgerinnen, schwerpunktmäßig aus Osteuropa und mit einem Bedarf an Beratung in Fremdsprachen, perspektivisch und nachhaltig dabei unterstützen sie in die Hilfe- und Leistungssysteme sowie den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dadurch sollen Wohnungslosigkeit und Prekarität beseitigt und ihnen gesellschaftliche sowie soziale Teilhabechancen ermöglicht werden. Hierfür wird den acht Teilnehmenden jeweils acht Wochen lang ein Schlafplatz bereitgestellt, um eine Basis zu schaffen, von der aus in Ruhe mit den Menschen gearbeitet werden kann. Meist erfolgt der Zugang bzw. die Vermittlung in das Projekt durch andere Notübernachtungen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Mit jedem bzw. jeder Interessierten wird dabei im Vorfeld ein Gespräch geführt, um das Konzept vorzustellen und zu sehen, ob das Projekt für die jeweilige Person geeignet ist. Wichtige Aspekte hierbei stellen beispielsweise eine vorhandene Motivation bzw. ein Veränderungswunsch, Fähigkeit zur Selbstversorgung, das Einhalten von Regeln und das Einbringen in die Wohngemeinschaft dar. Neben den acht stationär angebundenen Teilnehmenden existieren darüber hinaus weitere Klienten und Klientinnen, welche ambulant von den beiden Sozialarbeitenden des Projekts betreut werden.

„Lehrter Plus“ findet von Mai bis Oktober in den Räumlichkeiten der Notübernachtung Lehrter Straße statt. Im Winter werden diese dann wieder für die Kältehilfe genutzt. Name und Standort dieser Notübernachtung haben darüber hinaus den Projektnamen „Lehrter Plus“ begründet, während das „Plus“ symbolisieren soll, dass es um mehr als lediglich eine grundlegende Versorgung geht. Bei „Lehrter Plus“ soll Menschen in einem engen Kontext und mit ausreichend zeitlichen, personellen und sprachlichen Kapazitäten sowie professionellem Know-How durch Einzelberatung, Gruppengespräche und -aktivitäten sowie Beziehungsarbeit klientenzentriert und langfristig weitergeholfen werden. Dabei stellt das Angebot ein Teilprojekt innerhalb der Trägerkooperation „TRIA“ dar, welche zwischen dem Caritasverband, der GEBEWO pro und der Berliner Stadtmission geschlossen wurde. Alle drei Träger arbeiten mit derselben Zielgruppe, jedoch auf unterschiedliche Weisen. Um dennoch voneinander zu lernen, aneinander zu wachsen, sich zu unterstützen, zu reflektieren und auszutauschen, gibt es monatliche Teamsitzungen der Mitarbeitenden aller drei Projekte, sowie jedes Vierteljahr ein Treffen auf Leitungsebene. Im Gegensatz zu „Lehrter Plus“ laufen die Projekte der Caritas und der GEBEWO pro ganzjährig und stellen auch dadurch ein wertvolles Netzwerk für „Lehrter Plus“ dar sowie gegebenenfalls die Möglichkeit zur Anbindung bzw. Weitervermittlung von Klienten nach Ablauf der eigenen Projektzeit. „TRIA“ wird durch das „Integrierte Sozialprogramm“ des Senats finanziert. Weitere Bedarfe von „Lehrter Plus“ werden durch Spenden der Berliner Stadtmission und anderen Unterstützern wie beispielsweise der Berliner Tafel gedeckt.

Grundlegend gestaltet sich der Alltag der Teilnehmenden von „Lehrter Plus“ auf zwei Ebenen. Gemeinsam mit den Sozialarbeitenden sollen in den acht Wochen durch Beratungsgespräche Ziele und Perspektiven formuliert und erste Schritte gegangen werden. Dabei gilt es bei den vielfältigen Problemlagen anzusetzen, sich einen Blick über die Situation des Menschen zu verschaffen und Ressourcen bzw. Möglichkeiten herauszuarbeiten. Dies kann die Unterstützung beim Formulieren von Lebensläufen, bei der Suche von Stellenangeboten oder der Vermittlung in gesundheitliche Angebote beinhalten. Außerdem die Begleitung in Behörden, Hilfe bei Leistungsanträgen, Informationen über rechtliche Ansprüche, kostenfreie Sprachkurse und weitere adäquate Anlaufstellen. Dabei geht es Sandra und Wojciech vor allem darum, die Menschen darin zu befähigen und zu unterstützen sich selbst helfen zu können – und nicht die Schritte für sie zu gehen. Ihnen sollen Informationen, Netzwerke und andere Ressourcen an die Hand gereicht werden, welche ihnen einen Zugang und die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen, anstelle eines weiteren Winters in einer Wohnungslosenunterkunft oder auf der Straße.

Die zweite Ebene beinhaltet das alltägliche und gemeinsame Leben mit den anderen Teilnehmenden in der Wohngemeinschaft. Acht zuvor fremde Menschen unterschiedlicher Nationalität und Sprache, welche allesamt darüber hinaus durch ihre Lebensgeschichten Erfahrungen mit Stigmatisierungen und Ausgrenzung gemacht haben, psychischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, teilen nun ihren Alltag auf engstem und vor allem geschlossenem Raum miteinander. Man müsste meinen, dass Konflikte und Missverständnisse dabei vorprogrammiert wären. Doch was ich bei meinem Besuch bei „Lehrter Plus“ stattdessen erlebe, ist ein strukturiertes, buntes und respektvolles Miteinander, dem kulturelle und sprachliche Barrieren bzw. Differenzen nicht so wichtig sind wie ein funktionierendes Gemeinschaftsleben.

Obgleich das Frühstück – dem Mitarbeitende und Teilnehmende gleichermaßen beiwohnen – stets erst um neun Uhr stattfindet, stehen bereits seit halb neun liebevoll fertig gerichtete Teller auf dem Esstisch mit Gemüsesticks und zugeschnittenem Käse.

„Die Leute sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern umeinander. Gegenseitige Wertschätzung und Hilfe werden großgeschrieben. Und du bemerkst die Dankbarkeit, durch das Projekt eine Chance auf bessere Perspektiven und Unterstützung erhalten zu haben, bestätigt Sandra Hörth meine Beobachtungen. Auch für das gemeinsame Mittagessen um 13 Uhr sind stets zwei Personen zuständig, welche unter kreativem Einsatz der Spenden und Vorräte für die gesamte Gruppe kochen. Dabei werden alle Essensgewohnheiten berücksichtigt und respektiert, ob vegetarisch oder salzarm. Bis 16 Uhr herrscht eine theoretische Anwesenheit der Teilnehmenden, um für Rücksprachen, Termine und Gespräche erreichbar zu sein sowie für Gesprächsgruppen. Ausnahme hierbei sind natürlich vorher abgesprochene Erledigungen und Behördengänge. Ab 16 Uhr unter der Woche sowie am Wochenende sind die Teilnehmenden auf sich alleine gestellt, haben Freizeit und können sich selbst oder als Gruppe beschäftigen. Außerdem besteht durch den Standort auf dem Zentrumsgelände der Stadtmission samt seiner vielen Projekte und Einrichtungen die Möglichkeit sich auf dem Gelände mit zu engagieren oder sich beispielsweise um die hauseigenen Gartenbeete zu kümmern.

Einen Tag habe ich bei „Lehrter Plus“ verbringen dürfen. Wurde umsorgt wie ein willkommener Gast, habe Karten gespielt, Sprachbarrieren überwunden, mit Händen und Füßen gestikuliert, Deutschunterricht gegeben, etwas Polnisch gelernt, Gemüse geschnitten, Lebensgeschichten gelauscht und bürokratische Systeme hinterfragt. Ich habe zwei Handvoll Menschen kennengelernt, denen lediglich aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Staatszugehörigkeit, dem zufälligen Ort ihrer Geburt, Hilfen, Leistungsansprüche und reale Teilhabeperspektiven in der Gesellschaft abgesprochen werden – und damit grundlegende Menschenrechte. Menschen, welche dadurch gezwungen werden Ausbeutung, Ausgrenzung, Armut und Wohnungslosigkeit zu erfahren - denn gäbe es Perspektiven im Herkunftsland, wäre wohl kaum einer von ihnen hier. „Lehrter Plus“ bietet diesen Menschen in ihrer prekären Lage Hoffnung, Motivation, Informationen und die Unterstützung Perspektiven zu kreieren. Perspektiven auf ein Leben in Würde.

Lissy Kraft

 

*Namen von Klienten und Klientinnen wurden geändert