Armut kann jeden treffen
Das Netzwerk für Familien mit Weit.Blick hat ein viertes Büro eröffnet
Hausbesuch: Sozialarbeiter Walter Wegert sitzt im Wohnzimmer von Pauline Celan*. Die 57-jährige Mutter leidet seit 2001 am chronischen Fatigue Syndrom (CFS). Die neuroimmunologische Erkrankung führt schon bei einfachen Tätigkeiten zu extremer Erschöpfung. Deshalb ist Pauline Celan an schlechten Tagen sogar zuhause auf einen Rollstuhl angewiesen. So wie heute. Im Wohnzimmer sitzt sie Walter Wegert gegenüber. Er arbeitet beim „Netzwerk für Familien mit Weit.Blick“. Das Projekt richtet sich an Paare und Alleinerziehende, die mindestens ein Kind haben, das jünger als 25 ist und die von Armut bedroht oder betroffen sind.
„Ich bin eine schwerbehinderte Frührentnerin“, sagt die 57-jährige Pauline Celan, die ihren Beruf als Künstlerin nicht mehr ausüben kann. „Heute kosten mich bereits Stehen und Gehen viel Kraft. Und ich benötige Hilfe im Alltag. Für Unterstützung vom Staat muss ich mich im Dschungel der Bürokratie zurechtfinden.“ Walter Wegert ist ihr Lotse. Er kennt das Hilfesystem: „Die Bürokratie, mit der sich in Not geratene Menschen auseinandersetzen müssen, ist oft undurchsichtig.“ Von der Antragstellung für Grundsicherung bis zur Auszahlung auf Pauline Celans Konto dauerte es zehn Monate – eine Katastrophe für eine Familie mit wenig Geld.
Ein Mal pro Halbjahr organsiert das Netzwerk deshalb ein Treffen mit Mitarbeitenden aus Behörden und Jobcentern. Die Sozialarbeiter:innen bringen dann die Herausforderungen ihrer Klient:innen aus ihrer Arbeit mit. So soll ein besseres Bewusstsein für Menschen geschaffen werden, die in Not sind.
Familie Celan konnte mit Hilfe von Walter Wegert rückwirkend Grundsicherung beantragen. „Obwohl wir beide studiert haben, leben wir seit meiner Erkrankung am Limit, knapp über der Hartz-IV-Grenze“, sagt Pauline Celan. „Armut kann jeden treffen. Auch als informierte Person kann man bei dieser Bürokratie an seine Grenzen stoßen. Das ist uns passiert“. Jetzt sei erst mal die Existenzbedrohung gebannt. „Ich weiß nicht, wie wir das psychisch und physisch ohne Hilfe des Netzwerks geschafft hätten“, sagt die Mutter.
„Besonders wertvoll finde ich das ganzheitliche Konzept. Die Familien- und Lebenssituation steht im Fokus.“ Es wird an verschiedenen „Stellschrauben“ gleichzeitig gedreht – eine Lösung, die sich von ähnlichen Angeboten unterscheidet. So kümmern sich die Mitarbeitenden des Netzwerks um einzelne Familienmitglieder, tauschen sich aus und bearbeiten unterschiedliche Aspekte der Armutsgefährdung. Zusätzlich zur Sozialberatung machen die Kolleg:innen von Walter Wegert noch Familienberatung, Gesundheitsberatung und Jobcoaching.
Die Familienberatung hat Pauline Celan und ihrem Mann sehr geholfen, als sie beschlossen, sich zu trennen. Denn sie wollten weiter gemeinsam gute Eltern für ihren Sohn im Teenageralter sein. Durchschnittlich zwei Stunden pro Woche waren Mitarbeitende vom Netzwerk da. „Es war wunderbar – das gesamte Team hat uns in dieser schwierigen Zeit meiner Krankheit, unserer Trennung mit einem jugendlichen Kind und dazu noch ohne Geld geholfen, nicht den Überblick zu verlieren. Ohne das Netzwerk hätten wir das nicht geschafft.“