Aus Nairobi nach Bestensee
Ann Wanjiru Ng`ang`a ist Pflegefachkraft im Seniorenzentrum
Vor acht Jahren arbeitete sie noch an einer Hotelrezeption im quirligen Nairobi, heute kümmert sich Ann Wanjiru Ng`ang`a um hochbetagte Frauen und Männer im Seniorenzentrum Bestensee. „In meiner Heimat Kenia betreuen neun Kinder, die Enkel und die Schwiegerkinder meine 74-jährige Oma. Seniorenheime gibt es dort nicht“, sagt sie und schiebt den Rollstuhl mit Brunhilde Koch in ihr Zimmer. Die 87-Jährige hat gerade am wöchentlichen Gedächtnistraining teilgenommen.
„Welchen Tag haben wir heute? Und welchen Monat und welches Jahrhundert?“, hat dabei Betreuungsassistentin Heidi Schulze gefragt. Die Damen und Herren im Stuhlkreis, antworten flink. Gemeinsam rezitieren sie anschließend ein Gedicht und drehen einzeln am Glücksrad, auf dem alle Buchstaben des Alphabets vertreten sind. „N wie Nordpol“, verkündet ein älterer Herr, als er an der Reihe ist. „Was fällt Ihnen noch zu N ein?“, fragt Heidi Schulze. „Narzissen“ und „Nelken“ schallt es aus dem Saal.
„Der christliche Glaube und auch der gute Zusammenhalt im Team haben mir geholfen.“
Eine der wichtigsten Aufgaben für die Mitarbeitenden im Seniorenzentrum Bestensee ist es neben der Pflege, die Senior:innen zu aktivieren. Einige müssen immer wieder aufs Neue dazu motiviert werden. Brunhilde Koch macht gerne mit, wenn gemeinsam gesungen, gebastelt oder gerätselt wird. Nach dem Mittagessen braucht sie aber eine Pause. Ann Wanjiru Ng`ang`a hat sie deshalb in ihr Zimmer gebracht. Die Liebe zu ihrem Partner hatte sie aus Kenia nach Brandenburg geführt. „Nachdem ich Mutter geworden bin und zwei Jahre Deutsch gelernt hatte, wollte ich meine Sprachkenntnisse verbessern, indem ich täglich rede“, sagt sie. Darum hat sie vor vier Jahren ehrenamtlich begonnen, den Bewohnenden im Seniorenzentrum Bestensee Gesellschaft zu leisten. „Danach hat Ann gefragt, ob sie bei uns eine Ausbildung zur Pflegefachkraft machen kann“, erinnert sich Mandy
Müller. Sie hat fast zehn Jahre lang Auszubildende im Seniorenzentrum angeleitet und ist nun Pflegedienstleiterin. Sie riet Ann zu einem dreiwöchigen Praktikum in der Pflege. Auch das hat ihr gefallen: „Ich habe gemerkt, wie glücklich und zufrieden die Bewohnenden sind und habe durch meine Arbeit viel Dankbarkeit erfahren. Das hat mich motiviert.“ Drei Jahre später ist Ann Wanjiru Ng`ang`a ausgebildete Pflegefachkraft und freut sich über die vielen schönen Momente mit den älteren Menschen.
„Aber es war auch nicht immer leicht. Am Anfang der Ausbildung musste ich mich von einer verstorbenen Bewohnerin verabschieden, die ich sehr gemocht habe. Das fiel mir schwer und ich habe danach lange überlegt, ob ich diesen Beruf wirklich machen kann“, sagt Ann Wanjiru Ng`ang`a. Mit einer Kollegin hat sie später für die Verstorbene gebetet. „Der christliche Glaube und auch der gute Zusammenhalt im Team haben mir geholfen, meine Zweifel zu besiegen.“
Mandy Adam hat ihr ebenfalls Mut gemacht: „Wir unterstützen unsere Auszubildenden, damit sie alles lernen, was sie brauchen, um später ihren Beruf erfolgreich ausüben zu können.“ Die Nachwuchsförderung liegt der neuen Leiterin des Seniorenzentrums Bestensee am Herzen. So konnten sich im vergangenen Jahr vier Kolleg:innen, die bereits seit längerem dort gearbeitet haben, in einem dreimonatigen Schnellkurs zu Pflegehelfer:innen qualifizieren.
Zusammen mit ihrer Vorgängerin hat Mandy Adam auchAnn Wanjiru Ng`ang`a durch den Bürokratiedschungel begleitet. „Als Ann mit der Pflegefachschule begonnen hat, hatte sie nur eine Ausbildungsduldung, aber noch keine Aufenthaltsgenehmigung. Deshalb durfte sie zwar zur Berufsschule gehen, aber in den ersten drei Monaten den praktischen Teil der Ausbildung bei uns nicht antreten“, erinnert sich Mandy Adam. Auch nach der Ausbildung konnte die Kenianerin nicht gleich loslegen, obwohl sie einen nahtlosen Anschlussvertrag bekam. „Sie durfte drei Wochen nicht arbeiten, weil ihre Sachbearbeiterin Urlaub hatte und die Papiere für die Aufenthaltsgenehmigung noch nicht ausgefüllt waren.“ Manchmal denkt Ann Wanjiru Ng`ang`a noch an die jahrelange Behördenodyssee zurück. Trotzdem hat sie sich nicht entmutigen lassen und macht nun ihren Traumjob, um für sich und ihre siebenjährige Tochter eine gute Zukunft aufzubauen.
Kurz vor Dienstschluss bettet Ann Wanjiru Ng`ang`a Brunhilde Koch zum Mittagsschläfchen: Sie hilft ihr ins Bett, legt ihr noch ein Kissen zwischen die Knie, deckt sie zu und reicht ihr die Klingel. „Das ist nett“, sagt
die 87-Jährige. Brunhilde Koch hat im Seniorenzentrum einen neuen Freund gefunden und kennt fast alle Mitbewohnenden mit Namen, weil sie früher eine Gärtnerei in Bestensee hatte. Die Seniorin lebt gerne
in der Einrichtung der Berliner Stadtmission: „Das schönste Zuhause nützt ja nichts, wenn man nicht mehr kann. Ich bin hier zufrieden.“ | BB
Arbeiten bei der Stadtmission
Die Berliner Stadtmission hat mehr als 1.200 Mitarbeitende und bietet vielfältige Karriere-
chancen. Ob für Auszubildende in der Pflege, Erzieher:innen, Verwaltungskräfte oder Küchenhilfen, als Sozialarbeiter:in oder Pflegefachkraft – der evangelische Verein sucht Unterstützung für Teams in verschiedenen Einrichtungen.