Begeistert - Gedanken zu Pfingsten
Als ich vor einigen Wochen im Berliner Dom die Mittagsandacht gehalten habe, kam danach eine Frau
auf mich zu und meinte: „Der Segen am Ende wäre ja ganz schön männlich geprägt: der Vater, der
Sohn, der Heilige Geist. Hat Gott denn keine weibliche Seite?“ Und ja, ich musste ihr Recht geben.
Unsere deutsche Sprache hat an dieser Stelle wenig Spielraum für Vielfalt.
Ganz am Anfang der Bibel, in der Schöpfungserzählung, stellen wir jedoch fest, dass der Geist Gottes
über dem Wasser schwebte. Das hebräische Wort hier ist die Ruach – die Gotteskraft, die mit einem
weiblichen Artikel versehen ist. Und gerade weil die Entstehung der Bibel und die Kirchengeschichte
bis heute sehr männerdominiert sind, freut es mich, wenn es auf Pfingsten zugeht, die Betonung auf
die weibliche Seite Gottes zu legen: die Ruach, die Gotteskraft, die uns als der Heilige Geist bekannt
ist.
Eine ganze Zeit lang konnte ich mit dieser Seite Gottes nur sehr wenig anfangen. Da war einerseits
der Vater, der Schöpfergott, der die Welt gemacht hat. Da ist Jesus, der das Zentrum unseres
Glaubens ist und mir als Mensch am nächsten kommt. Und dann ist da der Heilige Geist – die heilige
Gotteskraft, die Ruach… irgendwie ungreifbarer, flüchtiger und schwer zu definieren.
Dabei bedeutet „Ruach“ so viel wie Wind oder Hauch. Wenn ich die Ruach in der Bibel entdecke, tritt
sie manchmal auch in Form einer Taube auf. Andererseits begabt sie und energetisiert. Und sie ist die
Stellvertreterin Gottes hier auf der Erde, die nach der Himmelfahrt Jesu eingesetzt wurde, um uns
eine Trösterin zu sein und eine Kraft, die uns immer wieder an Gott erinnert und uns in eine tiefe,
liebevolle Beziehung mit ihm führen möchte.
Aber auch das wirkte für mich lange sehr theoretisch. Bis ich in einem Vortrag eine wunderbare
Möglichkeit bekam, den Heiligen Geist besser zu verstehen. Der Begriff der Ruach ist für den damals
lebenden Hebräer nämlich das Natürlichste der Welt und kein mystischer Gottesaspekt. Ruach steht
auch für den Atem – den Atem, den Gott dem Adam eingehaucht hat und der ihn zu einem lebendigen
Wesen machte.
Wir brauchen unseren Atem, um zu überleben. Wir atmen ein, und unsere Lungen füllen sich mit
Leben und Energie. Wir atmen aus und lassen los, geben ab. Ich atme, um zu leben. Wenn ich das auf
meinen Glauben übertrage, stelle ich fest, dass Gott in jedem Atemzug meines Lebens da ist. Ich
nehme ihn auf und atme ihn. Ich lasse ihn los, gebe davon ab, teile mit anderen.
Wenn ich mir das bewusst mache, ist die Ruach nicht nur eine Idee, an die ich an Pfingsten denke,
sondern eine Realität, die fester Bestandteil meines Lebens ist. Eine Realität, die ich nicht nur in mich
aufnehme, sondern die ich auch abgeben und weitergeben kann. Ein Gott, der sich atmen lässt und
lebensbringender Bestandteil meines Lebens ist.
Ich wünsche euch zu Pfingsten diese Erfahrung: dass ihr euch bei jedem Atemzug bewusst machen
könnt: „Gott ist da.“
Euer Daniel Scharf
Daniel Scharf ist Stadtmissionar der Gemeinde Tegel. Nach der Ausbildung zum Theologen war er zwölf Jahre als Jugendreferent in der Ev. Kirchengemeinde Oberrahmede Lüdenscheidseit tätig und absolvierte während dieser Zeit nebenberuflich sein Studium der Sozialen Arbeit in Bochum. Seit Januar 2022 ist er Pastor in der Stadtmissionsgemeinde Tegel und arbeitet zusätzlich auch als Sozialarbeiter.