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  • 30.10.2025

„Das werde ich so schnell nicht vergessen" Berliner Stadtmission schult Sicherheitskräfte der BVG

Die zukünftigen Sicherheitskräfte der BVG üben den  respektvollen Umgang mit obdachlosen Menschen
Die zukünftigen Sicherheitskräfte der BVG üben den respektvollen Umgang mit obdachlosen Menschen

„Hallo, BVG-Sicherheit, hallo, junger Mann. Haaallo, aufstehen!“, eine Gruppe von Sicherheitskräften der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) steht einem Mann gegenüber. Er liegt auf dem Boden in einem Schlafsack, eine glänzende Alu-Decke verhüllt sein Gesicht. „Alles okay? Stehen Sie mal bitte auf jetzt! Sie dürfen hier nicht schlafen“, sagt einer der Männer bestimmt, während er sich hinunterbeugt. Der Schlaftrunkene steht auf und fragt: „Wer sind Sie denn überhaupt?“

Diese Szene ist nicht echt. Sie ist Teil eines Rollenspiels, bei dem angehende Sicherheitskräfte der BVG bei der Stadtmission den respektvollen Umgang mit obdachlosen Menschen üben. Bildungsreferentin Susann Apelt hatte zuvor unterschiedliche Rollen an die sieben Männer verteilt – von ungeduldig bis verständnisvoll.

Nach dem Anspiel wertet sie die Szene aus: „Es war sehr gut, dass ihr euch auf Augenhöhe zu dem obdachlosen Mann begeben habt.“ Kursteilnehmer Akin ergänzt: „Eure Körperhaltung war freundlich und hilfsbereit.“ Und sein Kollege Samet erklärt: „Man muss den Menschen Zeit lassen, damit sie aufwachen und sich orientieren können.“„Genau“,bestätigt SusannApelt,„denn vor dem obdachlosen Mann stehen vier große Männer in Uniform. Das kann bedrohlich wirken.“ Damit sich die am Boden liegende Person nicht eingeengt fühlt, rät sie, den Menschen nicht einzukreisen, ihm einen Ausweg zu lassen.

Durch die Kooperation zwischen BVG und Stadtmission entsteht  ein Netzwerk, um obdachlose Menschen zu unterstützen.
Durch die Kooperation zwischen BVG und Stadtmission entsteht ein Netzwerk, um obdachlose Menschen zu unterstützen.

Dann stellt sie Thesen auf, denen die Männer, indem sie nach rechts gehen, zustimmen können. Ein Schritt nach links bedeutet, „stimme nicht zu“. Auch eine neutrale Haltung in der Mitte ist möglich. „Obdachlose Menschen sind selbst an ihrer Situation schuld“, sagt Susann Apelt und die Männer gehen alle in die Mitte. „Kann, muss aber nicht“, sagt einer von ihnen. „Obdachlose Menschen sind häufig drogenabhängig und stellen eine Gefahr dar“. Oliver, der früher im Rettungsdienst tätig war, geht nach links und sagt: „Man kann sie nicht alle über einen Kamm scheren.“

Dann schlägt Susann Apelt vor, dass es allen obdachlosen Menschen erlaubt sein sollte, ohne Ticket zu fahren. Plötzlich werden die Herausforderungen sehr deutlich: Einerseits ist das keine gute Idee, denn die BVG erhält von zahlenden Kunden Beschwerden wegen schmutziger Waggons, Geruchsbelästigungen oder wegen Drogenkonsums. Andererseits wünschen sich Fahrgäste, Sicherheitsmitarbeitende und die Verantwortlichen von der BVG einen wertschätzenden Umgang mit allen Berliner:innen. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir unsere Kollegen dahingehend sensibilisieren, dass sie menschenfreundlich mit der Szene umgehen“, sagt BVG Schulungskoordinator Andreas Ahl. Er hat die Kooperation mit der Stadtmission im vergangenen Herbst organisiert. Seitdem wurden alle neuen Sicherheitskräfte der BVG im Zentrum am Zoo geschult, nur einen Steinwurf entfernt von der Bahnhofsmission am Zoo. „Ich finde es gut, dass wir hier praktisch arbeiten und miteinander diskutieren“, sagt Teilnehmer Akin. Franziska Brauer von der BVG erklärt: „An manchen U-Bahnhöfen, wo viel Müll entstanden ist und suchtkranke Menschen viel konsumiert haben, wurden unsere Reinigungskräfte bedroht.“ Seit diesem Frühjahr sind Teams aus je zwei Reinigungskräften und zwei Sicherheitsmitarbeitenden gemeinsam als Reinigungsstreife unterwegs.

„Wir schulen gerne die Kolleg:innen von der BVG“, sagt Michael Kraft. Er leitet die Bahnhofsmissionen der Stadtmission und freut sich über das durch die Schulungen wachsende Netzwerk an Unterstützer:innen – auch auf Seiten der BVG-Mitarbeitenden: „So ein Netzwerk brauchen wir, um obdachlose und von Armut betroffene Menschen adäquat und empathisch unterstützen zu können.“ So gibt es inzwischen auch regelmäßig in den U-Bahnhöfen gemeinsame Kleidersammel-Aktionen von BVG und Stadtmission.

Die Kleiderkammer, eine Notübernachtung, die Ambulanz für nicht krankenversicherte Menschen – all das besuchen die Sicherheitsmitarbeitenden am zweiten Workshop-Tag und werden dabei selbst aktiv:Sie verteilen am Bahnhof Zoo Essen an Bedürftige. Johannes hat vor allem die große Dankbarkeit der obdachlosen Gäste überrascht. „Viele von ihnen haben sich mehrfach bedankt, weil wir ihnen zu essen gegeben haben. Das wirkt nach. Das werde ich so schnell nicht vergessen.“