Deutsch lernen im Sprachcafé
Im Refugio in Kreuzberg kommen Menschen aus aller Welt zusammen
Tagsüber verputzt er Fassaden und streicht Häuserwände. „Zeit für Kurse in Sprachschulen habe ich nicht“, sagt Fatih Baysöz. Deshalb besucht der Geflüchtete aus der Türkei regelmäßig das Refugio der Berliner Stadtmission. Menschen mit und ohne Fluchterfahrung leben dort unter einem Dach. Zudem gibt es zahlreiche Angebote, die eine echte Integration auf Augenhöhe ermöglichen.
Immer mittwochs von 17.30 bis 19.30 Uhr findet dort, im großen Festsaal in der Lenaustraße in Neukölln, das Sprachcafé statt. An 16 Tischen sitzen dann bis zu 160 Menschen verschiedener Nationalitäten, um gemeinsam Deutsch zu lernen oder ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.
Briza steht am Einlass. Die Psychologie-Studentin aus Peru fragt einen Ankommenden: „Wie heißt du? Und wie gut sprichst du Deutsch?“ Danach schreibt sie den Vornamen auf ein Klebeband und heftet es ihm an die Brust. Der Teilnehmer sucht sich einen Platz im Saal. Dort sind die Tische mit Sprachniveaus gekennzeichnet: Am Tisch „A1“ kommen Anfänger:innen zusammen und lernen, alltägliche Ausdrücke und Sätze zu verstehen.
Yama, Luba, Rashed, Walta und Sophia sitzen am Tisch „A2“. „Ich bin 36 Jahre alt, komme aus Berlin und Deutsch ist meine Muttersprache“, stellt sich Keshia vor. Die 36-jährige Organisationsentwicklerin engagiert sich ehrenamtlich im Sprachcafé.
„Ich möchte dem Rechtsruck in der Gesellschaft entgegensteuern und den Leuten hier begegnen“, sagt sie und übernimmt die Moderation. Reihum stellen sich die Teilnehmenden vor: Ein Dokumentarfilmer aus Frankreich, eine Umwelt-Ingenieurin aus Russland, eine Studentin aus der Ukraine, ein Ingenieur und ein angehender KFZ-Mechaniker aus Afghanistan. „Die meisten sind aus ihrer Heimat geflüchtet“, weiß Kevin Walker, der das Sprachcafé für die Stadtmission organisiert. Der Kanadier weiß, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen. „Die Menschen hier vertrauen uns, denn es ist wichtig, dass sie in einem geschützten Raum die Sprache üben können und niemand lacht, wenn sie einen Fehler machen“, sagt er. „Es ist mir nicht peinlich, hier zu sprechen“, bestätigt Fatih Baysöz, „alle machen Fehler und fühlen sich unsicher.“
Der 24-Jährige hat in der Türkei als Journalist gearbeitet. Weil er kritisch über einen Bürgermeister berichtet hat, landete er im Gefängnis. Seit knapp zwei Jahren ist er nun in Deutschland. Wenn Fatih Baysöz nicht auf dem Bau arbeitet, beschäftigt er sich mit deutschen Philosophen und schreibt Bücher. Zudem ist er ehrenamtlich aktiv.
Denn das Refugio ist offen für alle, die sich einbringen möchten: Im Hof reparieren sie gemeinsam Fahrräder. Menschen aus ganz Berlin kommen, um im Gospelchor mitzusingen, der zu Weihnachten und Ostern sein Repertoire präsentiert. Und auf dem Dach pflegen Bewohnende wie Riziq Darwish gemeinsam den Garten. Der Syrer bewohnt ein Zimmer im Refugio.
„Seit 2015 leben und arbeiten bei uns auf sechs Etagen Neu- und Altberliner:innen zusammen“, erklärt Projektleiterin Anna Pass. Im Erdgeschoss und in der ersten Etage gibt es Veranstaltungsorte wie den Fest- und Konferenzsaal sowie die Tagungsetage. Im zweiten Stock befinden sich 17 Ateliers: Dort arbeiten Fotografen, Kostümbildner:innen oder Tischler. „Ein Kalligraph veranstaltet manchmal Workshops“, erzählt Anna Pass. Auch Vereine haben Büros im Haus gemietet. Dazu zählt die Initiative „Give Something Back To Berlin“, mit der die Stadtmission gemeinsam das Sprachcafé betreibt. Der Refugio-Chor probt regelmäßig im Festsaal und die Stadtmissionsgemeinde „Kreuzberg-Projekt“ feiert dort sonntags ab 17 Uhr Gottesdienst.
In den drei oberen Etagen wohnen 40 Menschen aus elf Nationen zusammen – 26 davon mit Fluchtgeschichte. Auch Riziq Darwish hat dort ein Zimmer plus Bad. „Diese WG ist ein Traum“, sagt er. Zum Kochen geht Riziq Darwish in die Gemeinschaftsküche, dort trifft er nach der Arbeit Mitbewohnende. Er erinnert sich: „Als ich krank war, haben mir die anderen Medikamente aus der Apotheke geholt.“
Auf seiner Etage leben Menschen aus Deutschland, Frankreich, der Türkei, Jordanien, Palästina und Somalia. Nicht immer ist das konfliktfrei, weiß auch Anna Pass. „Wenn der Flur nicht gewischt ist oder die Küche nicht aufgeräumt, dann wünschen sich manche, dass ich autoritär durchgreife“, sagt sie. Das sei aber nicht ihre Aufgabe. „Die Menschen hier sollten verstehen, dass sie miteinander reden müssen, weil das Refugio auf demokratischem Verständnis fußt.“ Die Idee ist es, gemeinsam zu leben, zu arbeiten und Dinge zu teilen. Anna Pass ergänzt: „Dabei ist ein rücksichtsvolles und achtsames Miteinander unabdingbar.