Menschen und Geschichten
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  • 07.01.2026

„Geil ist, nicht zu erfrieren"

Benjamin Schöler erzählt von einer berührenden Geschichte, die eine lange und anstrengende Schicht im Kältebus abschließt, geprägt von Begegnungen mit Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen.

"Der vorletzte Fahrgast unserer Schicht heißt Michael. Er ist völlig verschüchtert, still, in sich zusammengesunken. Die Polizei hat für ihn angerufen. Wir sammeln ihn in Neukölln ein und bringen ihn in die NÜ.

Unterwegs nehmen wir noch Dennis mit. Auch für ihn kam der Anruf von der Polizei – sie hatten ihn aus einem U-Bahnhof verwiesen. Dennis steht vermutlich unter Drogen, ist stark agitiert. Er redet pausenlos, erzählt aufgekratzt launige Knastgeschichten, steuert auf eine Pointe zu und kündigt sie grinsend an:
„Und wisst ihr, Leute, was wirklich geil ist?“

In diesem Moment meldet sich Michael. Bis dahin hat er kein einziges Wort gesagt. Er hebt den Kopf, schaut nach vorne und sagt ruhig: „Was geil ist? Geil ist, heute nicht zu erfrieren.“

Stille im Bus.

Und genau in diesem Moment, am Ende einer langen Schicht, weiß ich: Jede einzelne dieser 14 Stunden hat sich gelohnt. Auch an einem Tag voller Stress, Koordination, Telefonate und all dem Orga-Kram, der einem zwischendurch den letzten Nerv raubt.

Wenn ich später ein Interview geben müsste – das wäre die Geschichte, die ich erzählen würde. Nicht von den 14 Stunden. Nicht vom ganzen Drumherum. Sondern genau diese."

Zwei Männer stehen am Kofferraum