Menschen und Geschichten
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  • 05.01.2026

„Ich helfe gerne“

Engagierte sorgen in den Notunterkünften für Schutz und Geborgenheit

Mann untersucht Obdachlosen auf dem Kopf
Steve Eulenstein behandelt Marina gegen Kopfläuse, bevor sie in den Gemeinschaftsraum der Notübernachtung geht.

Vorsichtig mustert Steve Eulenstein die Kopfhaut von Marina und sucht nach Nissen. Beim Eintritt in die Notübernachtung Lehrter Straße haben Mitarbeitende bei ihr Läuse gefunden. Nun wird
Marina behandelt. Steve Eulenstein ist seit neun Jahren regelmäßig ehrenamtlich in der Notübernachtung Lehrter Straße tätig. Er unterstützt obdachlose Menschen bei der Körperhygiene und erklärt: „Ich behandele die Gäste mit Läusemittel und helfe ihnen auch beim Duschen.“ Stark alkoholisierte Menschen schaffen es zwar noch in die Notunterkunft, sind aber oft nicht mehr in der Lage, aufrecht zu stehen und sich selbstständig zu waschen. Steve Eulenstein sagt: „Ich helfe gerne dabei.“

Er selbst war früher auch Gast in der Notunterkunft der Berliner Stadtmission. Das war, nachdem er zu Unrecht einer Straftat beschuldigt wurde. Doch durch die Untersuchungshaft und die falschen Vorwürfe geriet sein Leben aus den Fugen. „Als meine Unschuld endlich erwiesen war, lag meine Ehe in Scherben und der Kontakt zu meinen Kindern war nicht erwünscht“, erinnert er sich. Bei Steve Eulenstein brannten die Sicherungen durch: Er verkaufte seine Wohnung, verschenkte das Geld und landete mittellos auf der Straße.

Männer unterhalten sich gemeinsam an einem Tisch
Für viele obdachlose Gäste sind die Stunden in der Notübernachtung die einzige Zeit des Tages, in der sie entspannen können

„Ich weiß, wie schlimm es ist, wenn man betrunken ist und sich nicht mehr um sich selbst kümmern kann“, erinnert sich Steve Eulenstein. Geduldig hilft er Menschen Steve Eulenstein behandelt Marina gegen Kopfläuse, bevor
sie in den Gemeinschaftsraum der Notübernachtung geht.

aus ihren teils verkoteten Hosen und unterstützt sie im Bad, wenn die Gäste es wünschen. „Jetzt, wo es mir gut geht, kann ich denen etwas zurückgeben, die meine Hilfe brauchen“, erklärt der 45-jährige Kranfahrer. Auch Marina kennt Steve Eulenstein schon länger. Oft unterhalten sich die beiden. Die Transfrau ist froh, zusammen mit Hund in der Lehrter Straße übernachten zu dürfen. Als Teil einer besonders schutzbedürftigen Minderheit ist es immer schwierig, einen sicheren Schlafplatz zu finden.

Zusammen mit Steve Eulenstein sind pro Abend 19 weitere ehrenamtlich Engagierte sowie zwei festangestellte Schichtkoordinator:innen und eine Sozialarbeiterin in der Notunterkunft Lehrter Straße tätig. Wer dort mit anpacken möchte, kann sich bei Ehrenamtskoordinator Daniel Pittner melden. Er sagt: „Erwachsene, die Lust haben, obdachlose Menschen zu versorgen, sich mit ihnen zu unterhalten, Salat vorzubereiten, frisch gekochten Eintopf auszugeben oder den Einlass zu managen, sind herzlich willkommen.“

Daniel Pittner selbst war früher auch ehrenamtlich in der Notunterkunft Lehrter Straße tätig und weiß, wie bereichernd aber auch herausfordernd diese Arbeit sein kann. „An einem Abend hat der Kältebus einen extrem verwahrlosten Mann zu uns gebracht. Er hatte offenbar jede Hoffnung verloren und wirkte dem Tod viel näher als dem Leben“, erinnert sich Daniel Pittner. Er war damals tief verunsichert. „In so einem Moment ist es wichtig, sich nicht überwältigen zu lassen und schnell unmittelbare Hilfe zu leisten.“

Gemeinsam sorgt das Team der Notübernachtung unter der Regie der neuen Leiterin Anna Großmann zwischen November und März jede Nacht dafür, dass 125 Menschen sicher und im Warmen übernachten können. Auch in der Kopenhagener Straße im Bezirk Reinickendorf und in der Traglufthalle am Containerbahnhof können Gäste schlafen. Mit 250 Betten für obdachlose Menschen ist die Berliner Stadtmission die größte Anbieterin von Notübernachtungsplätzen in Berlin. Mobilitätseingeschränkte Gäste, die nicht allein in eine Notübernachtung kommen können, werden von den Kältebussen der Berliner Stadtmission gefahren. Auch Steve Eulenstein wurde schon mal in die Lehrter Straße gebracht. Jede Nacht sind – ausschließlich aus Spenden finanziert – bis zu drei Busse von 20 bis 2 Uhr morgens in der Stadt unterwegs, um obdachlose Menschen zu befördern oder mit Tee oder Suppe zu versorgen. Bei Eis und Schnee kommen beispielsweise Justin Guthe und Jana Grösche mit dem blauen Gefährt, wenn jemand die 030 690 333 690 wählt. Beide sind bei der Stadtmission angestellt und fahren in ihrer Freizeit Kältebus – so wie weitere 60 ehrenamtlich Engagierte. Sie geben zum Schutz vor Kälte auch Schlafsäcke an Menschen auf der Straße aus. 

Die sind auch in der Kleiderkammer in der Lehrter Straße sehr nachgefragt. Dort werden wochentags bis zu 180 Menschen mit Socken, Unterwäsche, Hoodies, Hosen und warmen Winterjacken versorgt. Saubere, intakte Wintersachen können Spender:innen täglich in die Kleider-Container in der Lehrter Straße nahe des Hauptbahnhofs werfen. Montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr ist auch eine persönliche Spendenabgabe am Empfang in der Lehrter Straße 68 möglich sowie im Textilhafen in der Storkower Straße 139 D in 10407 Berlin – nahe des S-Bahnhofes Landsberger Allee. Dort erfolgt die Annahme immer montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 15 Uhr.

Die gespendeten Sachen werden vor allem in der Kleiderkammer ausgegeben. In den Notunterkünften gibt es so genannte „Notfallkleiderkammern“. Steve Eulenstein sagt: „Es ist gut, dass wir immer in jeder Größe Kleidung haben für Gäste, denen ihre Anziehsachen gestohlen wurden oder die sich eingenässt haben.“ Dann holt er eine Hose für Jaroslaw, den er gerade frisch geduscht hat.

Zwei Menschen stehen vor einem Kältebus der Berliner Stadtmission
Justin Guthe (links) und Jana Grösche (rechts) unterstützen ehrenamtlich die Kältehilfe der Stadtmission.