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12. Dezember 2011

Wo ist dein Gesicht?

Die Gäste der Notübernachtungen sind ein buntgemischtes Völkchen mit den unterschiedlichsten Sprachen, Nationalitäten und den individuellsten Wegen, die sie zu uns geführt haben. Es treffen sich dort die besten Märchenerzähler und umstrittensten Mathematiker bis hin zu den „knallharten“ Jungs der Straße, die jeden Tag den Kampf ums Überleben mit ihrer Cleverness und ihrem diebischen Geschick für sich gewinnen.

Jeder dieser Menschen findet einen Platz bei uns.

Weil auf der Straße der Kampf ums Überleben herrscht, werden die ersten Abende Märchen erzählt, über mathematische und politische Themen diskutiert und ein Katz- und Mausspiel gespielt. Doch schnell merken die Gäste, bei uns ist es nicht „die Straße“, das ist nicht der Schauplatz eines verzweifelten Kampfes gegen eines ihrer stärksten Gegner: sie selbst.

Die nächsten Abende sind wie die Enthüllungen nach einem großen Maskenball, wobei es die schönsten aber auch unangenehmsten Überraschungen gibt. Das Gesicht dahinter ist nämlich gezeichnet, wie das Gesicht eines Seefahrers nach langen Jahren auf der stürmischen See. Sie haben Angst vor der Reaktion des Gegenübers, erinnern sich an die letzten Enthüllungen. Die hart erarbeitete Fassade, die durch Verletzungen und Erniedrigungen entstanden ist, muss zurück weichen und das wahre Gesicht muss hervorgebracht werden. Die Fassade ist oft stärker und raubt ihnen doch auch die meiste Kraft, denn die Menschen sind schwer belastet.

Es kommt langsam Unsicherheit auf. Kennt sie überhaupt noch jemand so, wie sie einmal waren? Kennen sie sich selbst überhaupt noch? Werden sie akzeptiert mit den vielen Fehlern, die sie begangen haben und an die sie jeden Tag erinnert werden? Die Fehler, die sie täglich bereuen und dessen Reue nur die Suchtmittel zu betäuben vermag?

Doch bevor die Maske wieder Richtung Gesicht geführt wird, sollte sie jemand aufhalten, um die Energie, die vorher für die Maske draufging, zu nutzen. Er oder sie sollte den Gast darum bitten, noch einen Moment Geduld zu haben, damit er oder sie ihm einen sauberen und rissfreien Spiegel reichen kann, den er mit dieser neu geschöpften Kraft halten kann.

Natürlich sind da die Narben, die teilweise noch fies eiternd dem Spiegel entgegen grinsen. Doch da leuchtet noch etwas anderes, etwas viel Stärkeres.

Wunderschön farbig gestaltete Augen, mit denen er seit seiner Geburt die Welt entdeckt. Der Mund, der mit einer unglaublichen Vielzahl von Muskeln ausgestattet ist und fähig die unterschiedlichsten Gefühle auszudrücken. Dabei kann auch gerade er nur mit einer kleinen Bewegung beider Mundwinkel in Richtung Himmel unglaubliche Wunder an seinem Gegenüber tun.

Auf einmal siehst du ein Leuchten in diesen Augen, denn sie erinnern sich an die wunderbaren Dinge, die sie im Leben entdecken durften und noch entdecken wollen. Die Mundwinkel erinnern sich an die Momente, an denen sie genau diese ebengenannte Bewegung mehr als nur angedeutet haben.

Man kann nicht sagen, woran genau sie sich erinnern, ob es die Kindheit ist oder ein Mensch, den sie lieben.

Aber sollte nicht jeder diese Chance haben? Sollte nicht jeder eine Chance haben, aus seinen Fehlern zu lernen, sie wiedergutzumachen, egal wie schwerwiegend sie bewertet werden? Sollten sie nicht auch eine Hand entgegengestreckt bekommen, die sie vor einer mit Blicken gefühlten Steinigung rettet.

Denn so spricht Jesus: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“
(Die Bibel, Johannesevangelium, Kapitel 8, Vers 7)

- Monica, 20 Jahre, hauptamtliche Mitarbeiterin in der Notübernachtung Johanniterstraße