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21. Dezember 2011

Berlin kann auch hässlich sein…

In dieser Nacht sahen wir den ersten Schnee des Jahres. Die Temperaturen in dieser Dezembernacht fühlten sich kälter an, als es sich am Thermometer ablas. Eigentlich sind 3 Grad Celsius auch nicht so kalt. Wenn einem die starken Sturmböen den nassen, schweren Schnee ins Gesicht klatschen, fühlt sich das allerdings mehr als unangenehm an.

Offensichtlich war das scheußliche Wetter auch der Grund dafür, dass wir im Verlauf dieser Freitagnacht nicht allzu viele obdachlose Menschen auf der Straße antrafen. Denn wer kann, zieht sich bei solch einem Wetter am besten in Hauseingänge, Torbögen oder sonstige Unterkünfte zurück, die ein bisschen Schutz vor der Nässe bieten. Mein Kollege Thomas stellte auch recht schnell telefonisch fest, dass viele der umliegenden Notübernachtungen bereits zu recht früher Stunde voll belegt waren.

Wir fuhren uns bekannte Orte an, an denen wir hilfebedürftige Menschen vermuteten, die auf der Straße leben. Aber meistens fanden wir leere Unterkünfte vor, weshalb wir uns in den „Untergrund“ begaben und U-Bahnhöfe absuchten. Wir trafen dann auch an verschiedenen Orten obdachlose Menschen, die zwar gerne einen heißen Becher Tee annahmen, aber ansonsten lieber im U-Bahnhof blieben, als mit uns zu kommen und zu einer Notübernachtung zu gelangen.

In dieser Nacht riefen viele Menschen das Kältebus-Telefon an und meldeten hilfebedürftige Menschen, die sie beobachtet haben. In allen Fällen konnte Thomas die Anrufer beruhigen und Ihnen mitteilen, dass dem Kältebus die Personen und die Orte bekannt sind und diese Menschen vom Kältebus-Team intensiv betreut werden.

Gegen 2 Uhr morgens wurden wir mit einer hässlichen, für unsere Hauptstadt wenig schmeichelhaften Situation konfrontiert. Am Hauptausgang des U-Bahnhofs Alexanderplatz sahen wir einen am Boden liegenden Menschen, der von sieben Polizisten und sechs Bundesbahn Security Mitarbeitern umringt war. Ein Rettungswagen der Feuerwehr war gerade eingetroffen und kümmerte sich offensichtlich um den am Boden liegenden Mann. Unzählige Menschen liefen geschäftig umher, hauptsächlich Jugendliche, die aus Clubs und Bars kamen oder zu selbigen unterwegs waren. Die ganze Szenerie wurde vom Blaulicht eines Rettungswagens ausgeleuchtet.

Thomas und ich sahen, dass sich momentan genug professionelle Helfer um den am Boden liegenden Mann kümmerten und wir suchten erst einmal die Bahnsteige nach obdachlosen Menschen ab. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen begaben wir uns wieder zum Haupteingang und sahen, dass Polizei und Rettungswagen mittlerweile abgezogen waren und der vormals am Boden liegende Mann mit dem Rücken gelehnt an der gläsernen Eingangstür stand.

Der Mann war Ausländer und wurde von einer Gruppe offensichtlich angetrunkener Jugendlicher außerordentlich aggressiv und rassistisch angepöbelt, provoziert und beschimpft. Zwar standen noch immer sechs Bundesbahn Security Mitarbeiter im Eingangsbereich herum, machten aber keine Anstalten, entschärfend auf die Jugendlichen einzuwirken. Ich fragte einen der Bundesbahn Mitarbeiter, ob der am Eingang stehende Mann ein Gast für uns sein könnte und bekam zu hören, dass dieser Mann nichts für uns sei, außerdem sie er viel zu aggressiv.

Da der Mann sich aber gegen die pöbelnden Jugendlichen nicht zur Wehr setzen konnte und auch einen hilfebedürftigen Eindruck machte, gingen wir in die Gruppe rein. Während Thomas die Jugendlichen auf Abstand hielt, sprach ich den Mann an, der nur ein paar Brocken Deutsch sprach und aus Polen kam. Als er in mir einen Menschen erkannte, der ihm nichts Böses wollte, ließ auch seine Aggressivität schlagartig nach. Erst jetzt sah ich, dass der Mann nur Socken und Sandalen an den Füßen trug und keinerlei Habseligkeiten bei sich hatte. Zwar war der Mann angetrunken, trotzdem konnte ich mich gut mit ihm verständigen und er war auch einverstanden mit uns mitzukommen.

Während Thomas den Kältebus zum Haupteingang holte, bot ich dem Mann Tabak an, der sich dankbar eine Zigarette drehte. Thomas und ich halfen dem Mann in den Bus und suchten eine Notübernachtung auf, die zwar auch schon voll belegt war, die ihn aber im Eingang auf dem Fußboden schlafen ließen. Vorher bekam der Mann noch einen heißen Teller Suppe und wir gaben ihm noch ein paar warme Winterstiefel aus einer Kleiderspende, die wir im Kältebus hatten.

Thomas und ich fühlten uns von den rassistischen Pöbeleien der Jugendlichen und der Untätigkeit der Bundesbahn Security sehr betroffen und brauchten auch eine gewisse Zeit, um wieder runterzukommen. Aber so ist es eben hier in Berlin – die einen rufen nachts das Kältebus-Telefon an und melden hilfebedürftige Menschen, die anderen machen wehrlose Menschen hilfebedürftig.

- Dirk, ehrenamtlicher Kältebusfahrer