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27. Februar 2012

Auf in die Pampa!

Vollgepackt bis zur Decke sitzen Schulter an Schulter sieben Gäste der Notübernachtung im Kältebus. Lächelnd und scherzend winken sie, während der Kältebus langsam losfährt. Es geht nach Gussow, einem kleinen Ort in Brandenburg am Dolgensee. Für drei Tage fahren sieben Gäste in eine vollkommen andere Welt - weg von der lauten, sich immer bewegenden Stadt Berlin hin zur ruhigen Seeidylle Gussow.

Angekommen laden wir den Bus aus. Es offenbaren sich langersehnte Lebensmittel und Dinge des alltäglichen Lebens. Jeder Gast packt beim Einsortieren mit an. Für die meisten der Gäste ist dieses Bild bizarr. Gestern noch schliefen sie teilweise auf dem Fußboden und holten sich wie gewöhnlich einen Teller Suppe. Heute stehen sie in einem Haus mit Wohnküche, haben ein eignenes Zimmer mit eigenem Bett und räumen so viele Lebensmittel ein, die sonst nicht einmal ihre Vier- oder Achtwochenration wären.
Gemütlich, mit Kaffee in der Hand genießen sie ihr Glück.

Am ersten Tag herrscht Ankommens- und Entdeckungsstimmung. Diese schägt jedoch schnell in ein großes Bedürfnis an Ruhe und Schlaf um. Unsere Gäste müssen sich erst einmal von der Straße erholen. Nahezu augenblicklich brechen grippale Infekte aus. Wenn der Körper zur Ruhe kommt, bricht das aus, was sich die ganze Zeit angestaut hat.

"Darf ich das Foto haben?", fragt ein Gast augenblicklich, nachdem wir das Fotoprojekt gestartet und die ersten Bilder auf Polaroid und Digitalkamera festgehalten haben. Ein älterer Herr steht vor mir. Sein Alter sehe ich ihm nicht an. Er ist 76 Jahre alt. Er liebt es bunte Sachen zu tragen, da Buntes viel lebensfroher ist. Und er möchte nicht in Vergessenheit geraten, daher sind ihm die Bilder von ihm so wichtig.

Zusammen mit dem Fotoprojekt bieten wir am zweiten Tag auch andere Workshops an: Schnitzen, Kartenschreiben an seine Verwandten, Malen auf Leinwand, Kochen, Backen.
Die Freizeit steht unter dem Thema "Veränderung". Daher zeigen wir unseren Gästen einen anderes Leben während dieser drei Tage auf und versuchen sie außerdem zum Nachdenken anzuregen über ihr Leben und ihre Situation. Durch Andachten und Aktionen wollen wir zur Veränderung herausfordern.
Während der Workshopzeit sitzt ein junger Gast neben mir und erklärt mir, dass Malen nicht Kopfsache sei, sondern dass man es einfach fließen lassen solle. Dabei lächelt er verschmitzt und malt schwarze Umrandungen auf seine Leinwand. Er ist gerade erst 22 Jahre alt und hat eine Tischlerausbildung abgeschlossen. Nach seiner Ausbildung arbeitete er für eine Zeitarbeitsfirma. Diese zahlte seinen Lohn nicht aus, so konnte er Verpflichtungen, wie Miete, Versicherungen, etc. nicht mehr nachgehen. Nun sitzt er hier. Gerade für solche jungen, potentialbepackten Männer hoffe ich, dass dieser Prozess der Veränderung, den wir versuchen während dieser drei Tage anzustupsen, zum Ausstieg aus dem Leben auf der Straße führt.

Bei allen breitet sich eine Stimmung des Nachdenkens aus. Ich vermute, dass viele sich an ihr Leben in einer Wohnung zurückerinnern und die Ereignisse reflektieren, die sie nun in ihre Lage gebracht haben. Besonders bei unseren älteren Gästen (45 aufwärts) ist viel Verbitterung gegenüber dem Leben zu sehen.

Andererseits blühen ein paar der Mitfahrenden in den alltäglichen Beschäftigungen total auf. Diskussionen über Kochrezepte und Kuchenbewertungen brechen aus. Die Anfrage auf einen Krimiabend wird gestellt und lösungsorientiert werden Dusch- und Heizschwierigkeiten analysiert. Es scheint, als würden Gäste zu einer Gruppe zusammenwachsen. Einzelgänger werden auf einmal integriert.

Der Dolgensee ist teilweise noch eingefroren. Ein frühlingsversprechender Wind weht durch die Bäume. Der Himmel ist durchzogen mit großen, grauen Wolken. Aufeinmal erstreckt sich eine Kolone an buten Punkten über den doch tristen Himmel. Bunte Luftballons wirbeln durch die Luft, bleiben hier und da in einem Baum hängen, kämpfen aber weiter. Diese Heliumballons sind die Wünsche und Träume der sieben Verreisten. Zum Schluss der Freizeit sind alle gen Himmel geschickt worden.
Dann heißt es wieder Koffer packen und nach Berlin zurück, zurück in den Alltag.

Anne, Freiwillige