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4. November 2011

Kältebus: Ein ganz normaler Arbeitsbeginn

** Die Namen der vom Kältebus betreuten Menschen wurden vom Autor geändert.**

Es war schon ein seltsames Gefühl, nach dem schönen Sommer in diesem Jahr, zur ersten Nacht der Kältesaison 2011/2012 aufzubrechen. Zumal es in dieser Nacht mit neun Grad plus nicht bedrohlich kalt war. Wobei diese Temperatur relativ zu bewerten ist, denn für Menschen, die ohne Dach über dem Kopf auf den Straßen Berlins leben, können auch neun Grad plus empfindlich kalt und im schlimmsten Fall sogar tödlich sein. Man bedenke, wenn wir gemütlich vor dem Fernseher sitzen, haben wir in unseren Wohnzimmern meist eine Temperatur von rund 22 Grad und oftmals noch eine kuschelige Decke über den Beinen.

Meine Kollegin Katja und ich fahren bereits im dritten Jahr zusammen als ehrenamtliche Kältebusfahrer/-in nachts den Kältebus der Berliner Stadtmission. Im Sommer hatten wir uns nur einmal kurz beruflich gesehen, wobei ich sie bei diesem zufälligen Treffen ohne Mütze und dicke Jacke erst gar nicht erkannt hatte! Während wir den Kältebus mit heißem Tee und Kaffee, einen Korb voller Süßigkeitsspenden und warme Winterjacken beluden, sprachen wir über die Orte, die wir im vergangenen Jahr angefahren waren und erinnerten uns an die Menschen, denen wir in den Winternächten der vergangenen Saison begegnet waren. Wir fragten uns natürlich, was aus diesen Menschen das ganze Jahr lang widerfahren war, wie sie den Sommer über mit dem Leben auf der Straße klar gekommen waren und ob wir sie in diesem Winter wieder treffen würden.

Vor einigen Wochen hatte ich im Radio gehört, dass im Schillerpark im Wedding früh morgens eine tote Frau aufgefunden worden war und ich dachte sofort an "Birgit" , die mit ihrem Partner zwei Jahre lang im Schillerpark gelebt hatten. Alle Kollegen des Kältebusses hatten sich Sorgen um das Überleben der beiden gemacht, obwohl der Kältebus das Pärchen nachts regelmäßig besuchte und mit warmer Kleidung und Schlafsäcken versorgt hatte. Ich erinnerte mich auch noch sehr gut daran, dass ich vor zwei Jahren mit Karen in der Heiligen Nacht mit der Taschenlampe in der Hand, im finsteren Schillerpark gestanden und gemeinsam mit "Birgit" und "Stephan" gemeinsam Weihnachtslieder gesungen hatten.

Obwohl ich in der Zeitung gelesen hatte, dass es sich bei der Toten nicht um eine Obdachlose gehandelt hatte, hätten wir gerne gewusst, wie es "Birgit" und "Stephan" momentan geht. Aus diesem Grund führte uns die erste Fahrt in unserer ersten Nacht in den Weddinger Park. Im Schein der Taschenlampen suchten wir die uns bekannten Orte im Park ab, an denen sich das Paar immer aufgehalten hatte - leider erfolglos. Wir trafen zwar im Dunklen auf eine Gruppe Jugendlicher, die wir nicht mit unseren Taschenlampen bedrängen wollten und wechselten ein paar freundliche Worte mit ihnen ins Dunkle hinein. Von dem obdachlosen Pärchen fanden wir allerdings keine Spur. Ebenso erfolglos war unsere Suche in den Büschen auf dem Gelände des Bürgeramtes, wo sich im letzten Jahr obdachlose Menschen zum Schutz gegen die bittere Kälte Höhlen aus Pappkartons gebaut hatten.

Während unserer weiteren Tour, die uns in die Oranienburger Straße, zum Hackeschen Markt und den Kurfürstendamm entlang führte, suchten wir Hauseingänge, Bushaltestellen und die Vorräume von Banken und Sparkassen nach wohnungslosen Menschen ab. Wir machten in der Hälfte der Nacht eine kleine Pause und gönnten uns bei Curry 36 eine Currywurst um uns dann auf den Weg zum Innsbrucker Platz zu machen. Wir wollten nachschauen ob "Harry" noch wie in den Jahren zuvor im Vorraum "seiner" Sparkasse "wohnte."

Schon von weitem sahen wir "Harrys" Einkaufswagen vor der Sparkasse stehen. Der Sparkassenvorraum war gut geheizt und Harry hatte nicht so tief geschlafen, als dass wir ihn gestört hätten. Offensichtlich freute er sich über ein paar Gesprächspartner, denn er wollte uns unbedingt wieder die Geschichte erzählen, dass er mal mit Bubi Scholz geboxt hatte und Jean Claude van Dame persönlich kannte, den er für den besten Vollkontaktboxer der Welt hielt. Ich gab zu bedenken, dass er wohl Chuck Norris vergessen hätte und wir einigten uns dann darauf, dass beide die besten Karatekämpfer der Welt seien. "Harry" ließ uns ungern weiterziehen, er hätte viel lieber noch ein bisschen von Bubi Scholz erzählt.

Im vergangenen Jahr hatte uns Wolfgang - der Kältebusfahrer der ersten Stunde - erzählt, dass wir, wenn wir eine ruhige Nacht hätten, auch mal zum S-Bahnhof Grunewald fahren sollten, weil dort gegen 1 Uhr Nachts immer wieder Fahrgäste, die den Anschlusszug verpasst haben, stranden würden. So fuhren wir in dieser Nacht den S-Bahnhof Grunewald an, der aufgrund seiner historischen Bedeutung ein sehr denkwürdiger Ort ist.

Kurz nachdem wir das Mahnmal für die deportierten Menschen passiert hatten, die vom Gleis 17 des Bahnhofs in die Konzentrationslagern des Naziregimes transportiert wurden, bemerkten wir in dem kleinen Birkenwäldchen direkt am Gleis 17, eine regungslose Gestalt stehen. Zuerst hielten wir die Silhouette ebenfalls für ein Mahnmal, beim näher kommen aber hockte sich die Gestalt hin und verbarg ihr Gesicht vor uns. Wir liefen dann noch den Bahnsteig ab und da die Person offensichtlich nichts mit uns zu tun haben wollte, sprachen wir sie auch auf unserem Rückweg vorsichtshalber nicht an. Da uns sowohl das Verhalten der Gestalt als auch Zeitpunkt und Ort unserer nächtlichen Begegnung mehr als merkwürdig vorkam und wir weder eine Eigen- oder Fremdgefährdung ausschließen konnten, riefen wir vom Kältebus aus die Polizei an und baten sie um eine Kontrollfahrt.

Am Ostbahnhof machte uns die Bundespolizei auf einen redseligen Mann aufmerksam, der noch keine Bleibe für die Nacht hatte und sich sehr über unser Angebot einer warmen Suppe und einem Nachtquartier in der Notübernachtung sehr freute. Beim Eintreffen in der Notübernachtung in der Lehrter Straße, verabschiedeten wir uns von unserem Fahrgast und beendeten unsere erste Nacht der neuen Kältesaison. Die Nacht war ruhig gewesen und wir sind schon jetzt auf die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen, denen wir in den kommenden Nächten begegnen werden, sehr gespannt. Auf unserer Suche nach dem Besten der Stadt* werden alle Kolleg/-innen vom Kältebusteam in den kommenden Winternächten auch die noch so entlegenen Winkel Berlins absuchen.

* Bibelzitat: "Suchet nach dem Besten der Stadt und betet für sie zum Herrn." - Jeremia 29,7

- Dirk, ehrenamtlicher Kältebusfahrer