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03. April 2013

Wann hört es endlich auf zu schneien?

Am Karfreitagabend startete ich in meinen letzten Nachtdienst der Saison – dachte ich. Gott sei Dank wurde die diesjährige Saison aufgrund des ungewöhnlich lange andauernden Winters kurzfristig auch für den Kältebus verlängert. Wie viele meiner Kollegen meldete auch ich mich freiwillig, damit der Kältebus auch in den kommenden Nächten wie gewohnt durch Berlin rollen kann.

Zwar bedeutet eine Saisonverlängerung für den Kostenträger der Kältehilfe zusätzliche, nicht unerhebliche Kosten und für die Teammitglieder zusätzliche Arbeitsstunden. Allerdings sind diese Aufwendungen im Vergleich zu den harten Lebensumständen wohnungsloser Menschen, die auf der Straße den eisigen Winter erleiden müssen, aus meiner Sicht eher als gering einzustufen. Gerade in den letzten Wochen fiel mir wieder besonderes auf, dass das Leben auf der Straße den Menschen heftig zusetzt. Die bekannten Gesichter der wohnungslosen Menschen, denen ich regelmäßig in meinen Nächten begegne, erscheinen mir abgekämpfter, müder und hoffnungsloser als noch zu Beginn der Kältesaison im vergangenen November.

Die langen, kalten Nächte, die kurzen, dunklen Tage, der ständige Schneefall und der eisige Wind setzen allen Berlinern zu. Ganz besonders aber den Menschen, die ohne Dach über dem Kopf auf der Straße, in Parks, in Erdlöchern oder unter Brücken leben. Es sind ja nicht nur die Witterungsverhältnisse, unter denen wohnungslose Menschen leiden. Es sind auch übermütige oder alkoholisierte Mitmenschen, die besonders an den Wochenenden die Menschen, die im Schlafsack im U-Bahnhof liegen, anpöbeln, mit Schneebällen oder leeren Flaschen bewerfen. Es ist der tägliche Kampf ums Überleben, das Betteln um ein par Cent, sich mal mit warmem Wasser die Hände waschen zu dürfen, ein bisschen Tabak und ja, auch die Not an Alkohol zu kommen, wenn man alkoholkrank ist und ohne seine Tagesportion nicht klarkommt. Musik hören, fernsehen, ein Buch lesen, an den Kühlschrank gehen zu können, sich im Warmen auf ein Klo setzen zu können, im Trockenen die Füße behaglich hochlegen und die Tageszeitung durchblättern – purer, unerreichbarer Luxus für die Menschen auf der Straße.

In dieser Nacht traf ich wieder auf Menschen, die uns erzählten, wie sie von Jugendlichen mit Schneebällen beworfen worden waren. Ich traf einen Mann, der schmerzverkrümmt im Rollstuhl unter einer Brücke saß und erzählte, dass die Ärzte ihm sein offenes Bein wahrscheinlich abnehmen werden. Eine Frau erzählte mir, dass sie nie richtig schlafen kann, weil sie immer auf der Hut sein muss, damit sie nicht von alkoholisierten Männern bedrängt wird. Und ich sprach in dieser Nacht lange mit einem Paar, dass - nur mit dem nötigsten bekleidet - seit Jahren auf einer Parkbank lebt und die mir, Wohlstandsbürger, bei unserer Verabschiedung gute Besserung wünschten, weil sie von meinen Bandscheibenproblemen wissen.

Unser Bewusstsein für die Menschen, die auf der Straße leben, sollte nicht mit dem Schnee schmelzen, wenn der Frühling doch noch irgendwann kommt. Es wird auch im Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße entbehrt, gelitten und gestorben – nicht nur im Winter. Gehen wir auch in den wärmeren Monaten des Jahres auf die Menschen zu, die ohne Wohnung auf der Straße, in U-Bahnschächten oder Hauseingängen leben. Plaudern wir ein bisschen mit Ihnen, bieten wir Ihnen an, Ihnen ein Brötchen oder ein Kaffee zu kaufen – oder hören wir Ihnen einfach nur ein paar Minuten zu.

Vergessen wir sie bitte nicht bis zum nächsten Winter, bis die Plakate der Kältehilfe wieder auf die wohnungslosen Menschen auf der Straße aufmerksam machen.

Dirk Trost, Kältebusfahrer

 

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