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3. Februar 2013

Nicht nur 10 Kilo zugenommen

Tot! Mausetot könnte er sein. Und dann hätten wir ihn bestattet. Kleine Feier in der Bahnhofsmission, einige Weggefährten, berührende Andacht durch unseren Wohnungslosenpfarrer, traurige Geschichten über ihn, sicher wären Tränen geflossen. War ja auch ein netter Kerl, hübsches Lächeln, immer ein netter Spruch auf den Lippen – Typ Kumpel halt.

"Zu jung…", hätten viele gesagt. Und dann wären wir vor die Tür getreten und hätten ein neues Bändchen an unserem Abschiedsbaum für verstorbene, wohnungslose Menschen angebracht. Den pflanzten wir im letzten April. Einige Bänder sind schon daran. Dann wäre es weiter gegangen.

Es kam anders.
"Hermann aus dem Grunewald" ist schon eine kleine Berühmtheit in der Stadt. Zeitungen und Fernsehen berichteten über ihn: "Der glückliche Einsiedler aus dem Wald – freiheitsliebend und unabhängig." Fast konnte man neidisch werden. Dann kam der 6. Dezember des letzten Jahres, dann waren da morgens plötzlich die erfrorenen Füße und es kam die Erkenntnis: "Verdammt, ich hätte sterben können."

Das Krankenhaus half gut, aber nur 6 Tage und man entließ Hermann zur weiteren, ambulanten, ärztlichen Nachbetreuung. Es hätte klappen können, mit Ausweis, Krankenversicherung und 10.- Praxisgebühr. Hatte Hermann aber nicht. Auch kein Sofa, auf dem der sich ausstrecken konnte, um die Füße zu schonen. Und die wurden wieder wund, schließlich blutig. Hermanns Entsetzen war groß, als beim Ausziehen der Socken die Haut daran klebte. Größer, als ihm weder der herbeigerufene Krankenwagen, noch später das Krankenhaus half. "Sie sind doch kein Notfall."

Das glaubte Hermann dann schließlich auch und zog sich für 3 Tage auf eine Friedhofstoilette zurück, versuchte an der Heizung, seine  nässenden, eiternden Füße zu trocknen. Als das nicht klappte, blieb der Fußweg zur Bahnhofsmission Zoo. Hermann sah erbärmlich aus, abgemagert, schwach, krank. Und unser Schrecken war groß, wähnten wir ihn doch im Krankenhaus, immerhin hatten wir den Krankenwagen für ihn gerufen. Was tun? Unser Vertrauen in die ärztliche Versorgung wohnungsloser Menschen hatte Schiffbruch erlitten. Wir wussten, es gibt gute ambulante Notversorgungen – was uns fehlte, war ein Bett und fürsorgliche Betreuung für Hermann.

Nun hat die Bahnhofsmission Zoo 3 kleine Hinterstübchen, die wir bahnreisenden Menschen, die in Not geraten sind, zur Verfügung stellen und die oft, aber nicht immer ausgelastet sind. Und so zog Hermann kurzfristig bei uns ein.

Der Rest ist schnell erzählt: Hermann fand in Sonja, sie ist eine unserer 85 ehrenamtlichen Helferinnen, eine echt gute Pflegerin, die ihn mehrfach täglich versorgte, sich um ihn kümmerte, Verbände wechselte, freundliche Gesprächspartnerin war, Zeit und Liebe für Hermann aufbrachte. Einige Profis gab es auch noch im Hintergrund (danke an Jenny De la Torre und die Caritas Arztambulanz für wohnungslose Menschen!!!).

Kein Wunder, sondern eben normale gute Fürsorge für einen Menschen. Hermann macht richtig gute Fortschritte, seine Genesung ist weit voran geschritten, die Füße heilen, neue Hautschichten haben sich gebildet, die kleinen "Hamsterbäckchen" stehen ihm gut.

Und weil die Tage so lang sind, konnten sie genutzt werden: der Personalausweis ist wieder vorhanden, Hermann ist erneut krankenversichert, ist beim Jobcenter gemeldet (danke, Ralf!). Selbstverständlichkeiten für viele - aber nicht für wohnungslose Menschen.

Hermann und ich sind einen Deal eingegangen. Bald besuchen wir ein Wohnprojekt im Betreuten Wohnen und dann heißt es Abschied nehmen. Und danach möchten wir Hermann hier nicht mehr am Bahnhof Zoo sehen. Höchstens einmal im Jahr auf einen Kaffee.

Nachtrag: Wenn Hermann ausgezogen ist, soll in der Bahnhofsmission Zoo etwas umgebaut werden, wird ein kleines Krankenzimmer entstehen, für die Psychotischen, die Unverträglichen, die "Nicht-Wartezimmer-Tauglichen", die Kranken und Geschwächten.

 

Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission

 

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