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01. Januar 2014

Unruhe weicht stiller Betroffenheit

Der erste Abend der Kältehilfe im Jahr 2014. Da es sich um einen Feiertag handelt, waren nur wenige Mitarbeiter, hauptsächlich Frauen, anwesend. Viele waren müde und ausgelaugt von der zurückliegenden Silvesternacht. 

Hausverbot durch Systemfehler

Mein heutiger Einsatzort: Am Computer. Hier werde ich die Namen der Gäste registrieren. Blöd nur, dass durch einen Fehler im System alle Gäste des heutigen Abends manuell in eine Excel-Tabelle eingetragen werden müssen. Das bedeutet für mich mehr Aufwand und trifft bei vielen Gästen auf Unverständnis. Bei Kai kam es sogar so weit, dass er sehr aggressiv wurde und mich beschimpfte. Dies lag daran, dass er normalerweise lediglich  sein Geburtsdatum angeben muss und dann durch das System, in das er bereits registriert worden war, gefunden wird.  Peter, der mit mir an der Tür stand, versuchte ihn zu beruhigen, beschloss aber schließlich sein Verhalten mit Hausverbot zu bestrafen. Das Aussprechen des Rausschmisses gab Kai den Rest. Er hob seine Fäuste und wollte auf Peter und ich glaube auch auf mich losgehen, doch zum Glück stellte sich Pavel, der Security-Mann, zwischen die Zwei. Er begleitete, das Wort ist wahrscheinlich etwas nett für die Art, wie er hinausbefördert wurde, Kai hinaus. Für mich war das eine seltsame Situation. Ich hatte schon öfter mitbekommen, wie einem Gast Hausverbot erteilt wurde, sogar zwei Saisonverbote habe ich schon miterlebt, jedoch war ich noch nie selbst darin involviert. Eigentlich hätte ich einen Moment gebraucht, um mich von diesem Schock-Moment zu erholen und zu verarbeiten, dass auch ich mich in diesem Moment in Gefahr gebracht habe, aber dazu blieb keine Zeit, denn die nächsten Gäste standen bereit zum ‚Check-In‘.

Ich hatte Angst

Einige Zeit später betrat ein nur englisch sprechender Nordire, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann, die Notübernachtung. Zuerst hatte ich den Eindruck, er sei ‚ganz normal‘, doch ein wenig später sollte ich meine Einschätzung grundliegend ändern. Er sah die Menschen mit sehr durchdringenden, aber dennoch leeren Blicken an. Und er sagte Dinge, die mir eine Gänsehaut bereiteten. Er stand einfach neben Chrissy und mir und sprach leise und monoton auf Englisch Morddrohungen aus und dass die Welt schlecht sei. Das wiederholte er einige Male und gab auch sonst eher gruselige Formulierungen von sich. Ich empfand das alles als sehr unheimlich und die Art, wie er sich bewegte und welche Blicke er den Menschen zuwarf, brachten mich zum Erschaudern. Ich bekam Angst vor ihm. Das war das erste Mal, dass ich mich richtig vor einem Gast gefürchtet habe.

Stille statt Chaos

Wie jeden Abend gab es auch heute um halb elf eine Andacht für die Gäste. Diesmal hielt Daniela sie. Ich bewundere ihre Ehrlichkeit und war sehr ergriffen von ihren Worten. Sie sprach von Gregory, ein Gast, der einen Tag zuvor im Aufenthaltsraum eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht war. Normalerweise ist es bei der Andacht sehr unruhig und viele warten nur darauf, dass die Essensausgabe weitergeht, diesmal jedoch war es still. Andächtiges Schweigen durchflutete den Raum und Betroffenheit zeichnete die Gesichter der Zuhörer. Daniela erzählte von dem Tod ihrer Oma im letzten Jahr und die Art, wie sie Abschied nahm. Auch das schien viele zu berühren. Auch mich.

Auch, wenn viele Gäste scheinbar sehr aggressiv, undankbar und psychisch krank sind, darf man sie nicht als eine leblose Hülle abstempeln. Im Gegenteil. Sie haben viel erlebt, sind dadurch traumatisiert und wissen ihre Emotionen zu verstecken oder mit einem gewalttätigen Verhalten zu überspielen. Zwar kann man auch das nicht pauschalisieren, aber oftmals werde ich in dieser Vermutung bestätigt.

Dieser Abend hat mir gezeigt, wie individuell jeder Gast, der in die Notübernachtung kommt, ist und wie vorgefasst meine Meinung zu oft ist. Ich habe mir vorgenommen, das in nächster Zeit zu ändern und den Menschen mit mehr Offenheit zu begegnen.

Maike Ahlers, Freiwillige der Berliner Stadtmission

 

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