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02. April 2014

Das war sie. Meine erste Saison in der Kältehilfe der Berliner Stadtmission. Kaum zu glauben, dass es schon wieder vorbei ist. Fünf Monate lang arbeitete ich mindestens einmal die Woche in der Notübernachtung in der Lehrter Straße mit und bekam mehr als nur einen Einblick in eine andere Welt.
Da, wo ich herkomme, gibt es nicht viele Obdachlose. Ich wurde kaum bzw. fast gar nicht mit ihnen konfrontiert. Hier, in Berlin, ist das anders. In der S-Bahn, an großen öffentlichen Plätzen und auf dem Heimweg begegne ich ihnen. Mittlerweile kenne ich viele beim Namen, unterhalte mich mit ihnen, wenn ich sie am Tag und außerhalb des Stadtmissionsgeländes sehe. Und ich mache dies nicht, weil es zu meiner Arbeit gehört, sondern weil ich mich für sie interessiere und weil ich weiß, dass es ihnen guttut, mit jemandem reden zu können.

5 Monate Leid

Während der letzten fünf Monate habe ich gemerkt, dass es sehr viel Leid auf dieser Welt gibt. Früher schien dies immer so fern, doch jetzt weiß ich, dass es direkt vor unserer Haustür liegt. Wir verschließen nur die Augen davor. Wir sind so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir gar nicht mitbekommen, wie viele Menschen auf unsere Hilfe angewiesen sind.
Dem ein oder anderen wird dies sicher Überwindung kosten und es ist nicht immer einfach, aber es lohnt sich.

5 Monate Frust

Während der letzten fünf Monate habe ich viel Frust mit nach Hause genommen. Gäste, bei denen ich überzeugt war, dass sie es schaffen würden, von der Straße wegzukommen, enttäuschten mich. Gäste, die mir versprachen, keinen Alkohol mehr zu trinken, konnten einen Abend später kaum noch gerade laufen. Gäste, die mir von einem bevorstehenden Gespräch für die Aufnahme in einem betreuten Wohnheim erzählten, gingen nicht hin. Gäste, denen ich niemals Gewalt zugetraut hätte, schlugen schwache Frauen bewusstlos. Es gibt vieles, was ich nicht verstehe oder begreife, aber das macht nichts. Ich habe gelernt, damit umzugehen und mir zu sagen, dass es einfach nicht in meiner Macht steht, jedem helfen zu können.

5 Monate lernen

Während der letzten fünf Monate habe ich meine Grenzen austesten können. Ich habe mich manches Mal überschätzt, bin dafür aber in manchen Situationen auch über mich hinausgewachsen. Durch das verlieren der Hemmschwelle gegenüber den Gästen habe ich auch meine Vorurteile abgelegt. Oftmals habe ich mich ertappt, wie ich einen Menschen sah und ihn versucht habe einzuschätzen, ihn in eine Schublade zu stecken. Manchmal hat diese Schublade auch gepasst, aber viel zu oft, lag ich völlig falsch. Wenn ich jemanden als völlig zerbrochenen, in Mitleid ertrinkenden Mann eingeschätzt habe, wurde mir einige Wochen später erst bewusst, dass eben dieser arme Mann sehr gefährlich ist.

Ich weiß, dass ich ihm und einigen anderen Gästen nicht helfen kann. Das übersteigt meine Kompetenzen. Dies einzusehen, frustriert enorm, aber zu wissen, dass ich dies in eine große, mächtige Hand, nämlich die Hand Gottes, legen kann und es ihm überlassen kann, ihm zu helfen, stimmt mich zufrieden.


5 Monate Team

Während der letzten fünf Monate habe ich gelernt, wie wichtig es ist, ein Team zu sein. In vielen Momenten war es gut zu wissen, nicht allein zu sein. Wenn ich von Gästen beschimpft wurde oder eine Diskussion kein Ende nehmen wollte, stärkten mir andere Mitarbeiter den Rücken und unterstützen mich. Außerdem konnte ich mit jeder Frage – und war sie noch so banal und lächerlich – und jedem Anliegen zu den Hauptamtlichen und Abendverantwortlichen kommen.


5 Monate Wertschätzung

Während der letzten fünf Monate habe ich gelernt mein Leben wertzuschätzen. Ich habe mich bei den kleinsten Problemen in Selbstmitleid gebadet ohne zu wissen, wie gut es mir tatsächlich geht. Ich will nicht sagen, dass ich kein Recht habe, traurig, enttäuscht oder auch mal wütend zu sein, ich will eher klarstellen, dass die guten Dinge in meinem Leben überwiegen sollten. Viele der Gäste, die kommen, haben nichts außer ihrem Rucksack voll mit Pfandflaschen, die sie in mühsamer Arbeit den ganzen Tag über gesammelt haben. Sie haben keine Wohnung, keine Familie, keine Freunde, keine Verständigungsmöglichkeiten und oftmals nicht einmal mehr die Kontrolle über ihren Körper und Verstand. Ich dagegen habe so viel. Und dies wurde mir in letzter Zeit immer mehr bewusst.

 

Die letzten fünf Monate werden mir in Erinnerung bleiben und ich bin mir sicher, dass es nicht das letzte Mal war, das ich in der Kältehilfe der Berliner Stadtmission mitgearbeitet habe.

Maike Ahlers (18), Freiwillige der Berliner Stadtmission