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04. Dezember 2013

Wenn Nora lacht

Anders als die Wochen zuvor, sollte ich heute auf eine andere Weise der Kältehilfe dienen. Anstatt mich in der Notübernachtung selbst einzusetzen, war ich privilegiert, den Kältebus zu unterstützen. Zusammen mit Matze präparierten wir den Bus mit Kaffee, Tee, Schlafsäcken und verschiedener Kleidung. Bereits kurz nachdem wir losfuhren, erhielten wir schon den ersten Anruf. Meine Aufgabe als Beifahrerin war es, diese Anrufe entgegenzunehmen - mit dem Ergebnis: Am Ostbahnhof befinden sich drei Personen, die in eine Notübernachtung möchten. Wir fuhren hin, holten sie ab und brachten sie in die Notübernachtung in der Johanniterstraße. Das war eher unspektakulär.

Kurz darauf erreichte uns schon der nächste Anruf: In einem Copy-Shop in der Wrangelstraße sei eine alkoholisierte, verwirrte und hilfsbedürftige Frau, die in eine Notübernachtung gebracht werden sollte. Matze und ich machten uns auf den Weg zu ihr. Ein hilfsbereiter Mitarbeiter des Ladens hatte sie kurz schlafen lassen, ihr Essen und Trinken gegeben und den Kältebus alarmiert.

Hinweiszettel und Schlagstöcke

Der Name der obdachlosen Frau war Nadja, aber sie wollte Nora genannt werden. Nora freute sich sehr, dass wir sie mitnehmen wollten. Sie verstand viel Deutsch, konnte es aber nicht so gut sprechen. Wir halfen ihr in den Bus und starteten den Wagen. Es stellte sich heraus, dass Nora einen Zettel bei sich hatte, auf dem stand, dass sie in der Notübernachtung der Lehrterstraße einen Ort zum Schlafen finden könnte. Woher dieser kleine Zettel stammte, wusste sie nicht mehr. Nora war sehr gesellig und erzählte uns eine Menge. Wir verstanden zwar nur einen Bruchteil, aber allein der Aspekt, dass ihr jemand zuhörte und ihr ein Lächeln schenkte, stimmte sie glücklich.

Während der Fahrt mit Nora erhielten wir den nächsten Anruf. Es handelte sich um die Polizei, die beim U-Bahnhof Osloer Straße einen obdachlosen Mann mit Schmerzen im Nierenbereich ausfindig gemacht hatte. Wir entschieden, ihn abzuholen und in die Notübernachtung in der Lehrterstraße zu bringen, damit seine - durch Schlagstöcke entstandenen - Nierenschmerzen dort vom Arzt untersucht und behandelt werden können. Sein Name war Jürgen.

Tränen der Dankbarkeit

Jürgen und Nora verstanden sich prächtig. Sie redeten miteinander und doch nur mit sich selbst. Nora erzählte und erzählte, während Jürgen sie immer wieder bat, aufzuhören. Manchmal erzählten sie gleichzeitig etwas und dann war es wieder still. Plötzlich fing Nora an zu lachen und wir alle mussten einfach mit einstimmen. Während einer Raucherpause wurde Nora bewusst, dass wir uns wirklich um sie kümmern wollen. Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und als ich ihr sagte, dass ich es toll finde, sie kennenzulernen und dass es schön ist, dass es sie gibt, bekam sie glasige Augen. Sie zog mich in ihre Arme, küsste meine Hände und versuchte ihre Tränen zu verbergen. Dieser Anblick brachte mich unweigerlich zum Lächeln und ich strich ihr über den Rücken, um Geborgenheit zu vermitteln.

Nachdem wir die immer wieder aus unergründlichen Ursachen lachende Nora und den unter Schmerzen leidenden Jürgen in der Notübernachtung in der Lehrter Straße untergebracht hatten, setzten wir unsere Tour fort. Wir hatten auch einige Kontakte zu Obdachlosen, die nicht mit uns mitkommen wollten, den Tee und warmen Pullis aber gern annahmen.

Besuch in einem Tipi-Dorf

Ein besonderes Highlight für mich war der Besuch in einem Tipi-Dorf zwischen einer ehemaligen Eis-Fabrik und der Spree. Hier leben etwa 15 Menschen in kleinen Tipi-Zelten und führen ein kommunistisches Leben miteinander. Eine "Gemeinschaftsküche" unter freiem Himmel, eine "Lounge" mit Sofas auf einem Podest und viele Windspiele sorgten für ein faszinierendes Ambiente. Wir sprachen mit den Menschen, gaben ihnen etwas Warmes zu trinken und versorgten sie mit warmer Kleidung.

Letzteres schien mir sehr wichtig, denn einer der Männer trug lediglich ein T-Shirt, während ich mit dickem Pulli und Winterjacke fror. Sein merkwürdiges Wärmeempfinden hängt wahrscheinlich auch mit seinem derzeitigen Drogenkonsum zusammen, denn es schien, als hätte er sich gerade erst eine Ladung gegeben. Trotz allem alles sehr nette, offene und unerwartet zivilisierte Menschen dort. Wir wurden gleich zu ihrem Cinema-Day am Sonntag eingeladen.

Abfuhr auf dem Straßenstrich

Ein weiterer Anruf ging aus der Kurfürstenstraße ein. Eine Frau will in die Frauennotübernachtung gebracht werden. Bis 12 Uhr würde ihr Platz dort freigehalten werden. Da sie es so schnell allerdings nicht zu Fuß schafft, sollten wir sie doch bitte fahren. Matze hegte gleich die Vermutung, dass es sich bei der Frau um eine Prostituierte handelte, da die Straße als Frauenstrich bekannt ist. Und er sollte recht behalten. Zu unserem Ärger entschied sich die Frau plötzlich um und wollte noch weiterarbeiten und doch noch nicht in die Notübernachtung gebracht werden. Wir machten sie darauf aufmerksam, dass später keine andere Möglichkeit besteht, rechtzeitig in der Frauen-Notunterkunft anzukommen. Sie war sich dessen bewusst, lehnte dennoch ab. Hier konnten wir also nichts weiter ausrichten.

Nach ein paar weiteren Transporten, übernahmen wir noch die Fahrt von zwei Gästen aus der Notübernachtung in der Johanniterstraße, die wegen Platzmangel in die Notübernachtung Lehrter Straße gebracht werden sollten. Schon nach wenigen Metern schliefen die beiden Männer eng aneinander gekuschelt ein. Dieses süße Bild hielt bis zum Eintreffen am Ziel an. Es war alles andere als einfach, die Zwei aufzuwecken. Nach einigen Minuten hatten wir es dann doch geschafft und begleiteten sie in die Notübernachtung in der Lehrterstraße.

Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits 3:00 Uhr war und unsere Dienstzeit damit beendet. Ich bin froh, einmal mitgefahren zu sein dürfen. Danke an Matze für die tolle Gesellschaft und Anleitung und danke an die Berliner Stadtmission, die so eine Arbeit überhaupt möglich macht.

Maike Ahlers, Freiwillige der Berliner Stadtmission

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