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11. Februar 2014

Jürgens Weg

Es ist November und es nieselt. Mit dem Kältebus fahren wir entlang der Weserstraße in Neukölln und entdecken unter einem Vordach eine Person, eingehüllt in einen dunkelgrünen Schlafsack. Das Gesicht ist bedeckt, man kann die Person nicht sehen. Man hört nur lautes Schnarchen.

Wir versuchen die Person zu wecken und rufen laut "Hallo?” Keine Antwort. Wir versuchen es noch einmal. “Hallo? Können Sie uns hören? Wir sind vom Kältebus der Stadtmission. Wie heißen sie?" Der Schlafsack bewegt sich. Ein weißer Haarschopf erscheint, dann ein faltiges Gesicht eines alten Mannes. Seine Wangen sind mit weißen Bartstoppeln übersät.

“Jürgen. Ich heiße Jürgen.” nuschelt er. Wir bringen ihm einen Tee. Er fängt an zu reden. Seine Worte verlassen seinen Mund nur langsam und mit großer Anstrengung. Manchmal wird sein Reden unterbrochen von langen Hustenanfällen. Wir fragen ihn “Es rufen so viele Menschen an wegen dir, weil sie sich Sorgen machen. Sollen wir dich in eine Notübernachtung bringen?” Er entgegnet “Auf keinen Fall! Dort ist es so voll und das letzte Mal habe ich mir dort Läuse geholt. Mein Platz hier ist wenigstens windgeschützt. Viele Leute stellen mir Lebensmittel hin oder geben mir Geld. Der Bäcker bringt mir sogar jeden Tag Brötchen.” Nach dem ersten Gespräch wissen wir - Jürgen hat seinen eigenen Kopf. Und er ist 82 Jahre alt.

Von der Straße ins Übergangshaus

In den nächsten Wochen besuchen wir Jürgen mehrmals pro Woche und bringen ihm Tee und Schokolade. Am liebsten mag er Minz-Schokolade “Die macht meine Nase frei, dann kann ich besser schlafen.” Unsere Gespräche werden vertrauter und Jürgens Hustenanfälle länger. Einmal, als ich seine Frage nach Zigaretten wieder mit einem Nein beantworte, ruft er mir hinterher “Du Gauner!” und wir müssen beide lachen.

Wir hören, dass ein Platz im Übergangshaus der Stadtmission frei geworden ist und fragen Jürgen, ob er dort für einige Monate einziehen will. Er sagt ja und wir vereinbaren einen Termin mit einem Sozialarbeiter. Nach zwei Wochen Terminen, Gesprächen und Telefonaten zwischen den Ämtern darf er einziehen. Das Bezirksamt wird vorerst die Kosten übernehmen. Jürgen hat eine eigene kleine Wohnung. Endlich.

„Ein bisschen trockener“

Einen Tag nach seinem Einzug besuche ich ihn. Ich klingle im Büro des Sozialarbeiters, der Türöffner summt, dann gehe ich die Treppen hoch und den langen Flur entlang bis zu seinem Zimmer. Ich klopfe an. Aus dem Zimmer höre ich ein verschlafenes "Ja?". Ich öffne die Türe. Jürgen sitzt auf seinem Bett und reibt sich die Augen. Offensichtlich habe ich ihn geweckt.

Als er wacher wird, erzählt er von früher. Zuerst hat er als Kupferschmied in Berlin gearbeitet und dann 40 Jahre lang als Förster in der Lüneburger Heide. Er war verantwortlich für 20.000 Hektar. Seitdem seine Frau gestorben ist, lebt er alleine. Ich frage ihn, ob ihm die Wohnung gefällt. “Naja, ist schon ein bisschen trockener hier.” sagt er. Vielleicht vermisst er das Draußensein und die Weite.

“Ein bisschen trockener” heißt, dass Jürgen jetzt eine eigene kleine Wohnung hat mit einem Bett, Tisch und Stuhl, eine halbe Küche mit Spüle, eine Toilette und ein Waschbecken. Er hat sogar einen eigenen Schlüssel und ein Klingelschild mit seinem Namen. Er hat Nachbarn auf dem Gang und zusammen können sie eine Bibliothek, eine große Küche und ein Bad benutzen.

Nach einem Monat besuche ich ihn wieder. Hinter meinem Rücken habe ich ein Geschenk für ihn. Er ruft “Na komm lass sehen!” Ich Strecke meine Hand aus, es sind Zigaretten. Er muss lachen und steckt sich gleich eine an. Er erzählt “Weißt du wo ich heute war? Ich war in Neukölln, bei meiner alten Schlafstelle. Ich musste dort ja mal nach dem Rechten sehen! Ich habe den Bäcker besucht, der mir immer die Brötchen brachte.” Und dann sagt Jürgen “Aber meinen Schlafplatz dort, den vermisse ich nicht mehr.”