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14. Januar 2014

Die Bulgaren in der alten Eisfabrik

Fast 20 Jahre ist es her, dass wir als Mitarbeiterteam der City-Station aus einem konkreten Bedarf heraus den „Kältebus“ ins Leben gerufen haben. Inzwischen bin ich als Leitung für die Arbeit verantwortlich und versuche, wenigstens hin und wieder mitzufahren, um mitzubekommen, wie sich die Situation in Berlin und damit auch die  nächtlichen Begegnungen verändern.

In kalten Nächten steht nach wie vor das „Abarbeiten“ der Hinweise besorgter Mitbürger im Vordergrund, die auf dem Kältebus-Handy anrufen.


Die "alte Eisfabrik"

Am letzten Donnerstag war es eher warm, das Telefon blieb ruhiger als sonst. So fanden wir Zeit, auch wohnungslose Menschen aufzusuchen, bei denen im Moment nicht zu erwarten ist, dass sie mit uns kommen. Den Kontakt zu ihnen zu halten ist uns wichtig, und manchmal wächst im Laufe der Zeit so viel Vertrauen, dass doch Veränderung möglich wird.

Notdürftig eingerichteter Raum

Ein Anruf, der uns in der Nacht erreichte, führte uns die die „alte Eisfabrik“. Dort lebten bis vor kurzem ca. 25 Bulgaren, einige in prekären Arbeitsverhältnissen oder mit Gelegenheitsjobs. Wegen der Baufälligkeit des Gebäudes waren sie vor einigen Tagen vom Bezirksamt vertrieben worden. Von diesem Besuch möchte ich berichten, da er mir eine neue Dimension von Armut in Berlin vor Augen geführt hat.

Das an der Spree gelegene Gelände ist mit einem Zaun („Achtung Lebensgefahr!“) gesichert. Schon von Weitem sahen wir aus dem Schwarz des Eingangsbereiches den Schein eines Feuers leuchten. Zwei junge Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma hatten es angezündet, um Dunkelheit und Ratten zu vertreiben. Nachdem sie sichergestellt hatten, dass wir ihnen nichts Böses wollten, ergriffen sie die Gelegenheit beim Schopf, uns – quasi als Begleitschutz - zu einem Rundgang durch das leerstehende Fabrikgebäude einzuladen.

Bild eines alten Steinofens

Öfen in Eigenkonstruktion

Mit Hilfe von Taschenlampen fanden wir unseren Weg durch die riesigen Hallen auf mehreren Etagen. Die Wände über und über mit Graffiti bedeckt. In den Ecken hatten sich die ehemaligen Bewohner kleine Verschläge gebaut und mit Sofa, Bett, Tisch und Stuhl so wohnlich wie möglich eingerichtet. Auch selbstgebaute Öfen sahen wir und zahlreiche Alltagsgegenstände, wie Geschirr, Radiorecorder, Kerzenständer. In einem mit Teppich ausgelegten und mit bunten Stoffen ausgehängten Raum fanden wir Kinderspielzeug. In der Ecke einer Halle traf das Licht unserer Taschenlampe auf einen geschmückten Weihnachtsbaum. Der Wind blies durch die kaputten Fenster, in einem hing ein Pullover, der sich immer wieder aufblähte, als sei er belebt. Das helle Fiepen der allgegenwärtigen Ratten mischte sich mit anderen seltsamen Geräuschen und undefinierbaren Gerüchen. Auf einer Treppe kam uns aus der Finsternis eine Ratte entgegen, die völlig ungerührt von unseren Fußtritten ihr Hausrecht in Anspruch nahm.

Unser Sicherheitsmann war davon überzeugt, dass hier Geister wohnen.

Kaum vorstellbar, dass hier bis vor kurzem Menschen gelebt haben. Durch unser Eindringen in ihre Privatsphäre, wurden die ehemaligen Bewohner, die offensichtlich sehr abrupt vertrieben worden waren, „die Bulgaren“, die seit vielen Tagen Thema der Berliner Nachrichten sind, für mich plötzlich zu Individuen. Dass in unserem reichen Land Menschen so hausen, geht mir sehr nahe.

Karen Holzinger