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14. März 2014

Helfen auch ohne Pille und Pflaster

Ein angenehmes Erlebnis hatte ich vor Kurzem im Behandlungsraum der Notübernachtung in der Lehrter Straße.

Ins Sprechzimmer stürmte mit kleinhirnreduziertem, koordinationslosem Gang ein älterer rumänischer Herr mit grauem Vollbart. Die Gelbverfärbung seiner Barthaare verriet den Hintergrund seines mächtigen Geschreis "Respiration, Respiration ..." Ich fürchtete schon, um eine Mund-zu-Mund-Beatmung nicht herumzukommen, als mir glücklicherweise einfiel, dass man zuvor noch Salbutamol probieren könnte. Ich war gerade schon dabei, ihm das Spray in den gequälten Bronchien zu verteilen, als er erneut aufschrie, "kein Spray, kein Spray..." Es war klar, das ist ein Fachmann!
Er verlangte so etwas Ähnliches wie "Miophillin", zog 50 € aus der Hosentasche und verlangte ein Rezept.

In meiner Not, die Mund-zu-Mund-Beatmung war noch immer nicht aus dem Spiel, rief ich meine Lungenfachärztin an. Die meinte, es könne sich nur um Theophyllin handeln. Sie mahnte, bitte sei vorsichtig mit der Dosierung, bei zu viel könne er einfach tot umfallen. Das war sehr hilfreich.

Medikamenten-Suche

Glücklicherweise war im Medikamentenschrank von diesem Teufelszeug nichts vorrätig. Der Lungenfachärztin war aber eingefallen, in der Ambulanz gibt es das rettende Zeug. Meine Assistentin Anna rannte los. Der alte Herr wurde in Anbetracht nahender Rettung ruhiger. Er war begleitet von einer rumänischen Schönheit mit Englischkenntnissen, die auf ihrem linken Unterarm etwa 100 fein säuberlich angeordnete parallel verlaufende Narben wie einen Ausweis vor sich hertrug. Sie war aber im Kopf vollkommen clean und eine echte Hilfe. Die Pause bis zum rettenden Theophyllin überbrückte sie mit der vollkommen harmlosen aber bitterernsten Frage "wie alt bin ich?". 

Unumgehbares Fettnäpfchen

Ich habe hinreichende Erfahrung mit Frauen, um zu wissen, dass ich bereits mitten auf dem Glatteis war. Sicherheitshalber zog ich 10 Jahre ab und antwortete ängstlich 35! Ihr entsetzter Blick ließ mich ahnen, ich schwimme bereits mitten in einem riesigen Fettnapf. Aus ihrer Verzweiflung heraus öffnete sie ihre schönen langen schwarzen schulterlangen Haare und fragte erneut, wie alt bin ich jetzt? Ich wollte weder übertreiben, noch weiter im Fettnäpfchen schwimmen und zog weitere 5 Jahre ab. Es gelang mir aber nicht, ihre Enttäuschung zu mildern.

Mitten in diese tiefe Depression hinein platzte meine Assistentin Anna mit der frohen Botschaft der Medikamentenschrankschlüssel sei weg. Für dieses Problem gibt es zwei Lösungen, erstens Navina, sie hat auf alles eine Antwort und notfalls Florian, der es wissen müsste.

Nach 110% Stadtmission erhob aber Navina Anspruch auf 1% Privatleben - sie ging einfach nicht an ihr Handy. Florian wusste die Lösung, wollte aber in Anbetracht dieser erdrückenden Öffentlichkeit nicht verraten wo sich der Schlüssel befindet.

Der Graubart aus Rumänien hatte inzwischen im Speisesaal Platz genommen, war zufrieden, dass wir ihn verstanden hatten und erstaunt, dass die Respiration nach dem Gefühl man kümmere sich um ihn schon wesentlich besser geworden war. Die schwarzhaarige Schönheit war nicht zu retten, sie wird wohl nie wieder ihre hilfreichen Übersetzungskünste anbieten…

Pr. Dr. Wolfgang Rutsch, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notübernachtung und Ambulanz

 

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