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26. November 2013

Eine Nacht im Schlafhaus Zwei

Am Dienstag-Abend arbeite ich immer in der Notübernachtung. Es ist halb acht, es ist schon dunkel und vor der Notübernachtung warten schon gut 50 Menschen auf den Einlass, der um neun Uhr beginnt. An diesem Abend habe ich unsere neue Freiwillige aus Ungarn, das erste Mal mit dabei, um ihr alles zu zeigen. Denn Maria wird nämlich auch, wie wir alle, einen Abend in der Woche in der Notübernachtung arbeiten. Heute ist zusätzlich noch ein Fernsehteam der ARD ist mit da, um Ausschnitte für einen Dokumentationsfilm zu drehen.

Wir beginnen zunächst wie immer mit den Vorbereitungen für den Abend, füllen Seife und Papierhandtücher nach, überprüfen die Betten, sprich bezogenen Isomatten, leeren die Mülleimer, und so weiter. Um halb neun, eine halbe Stunde vor Beginn, gehen wir zur Mitarbeiterandacht. Wir wollen den Abend in Gottes Hände legen, uns bewusst machen, wie wir den Gästen begegnen wollen und uns als Mitarbeiterteam stärken. Danach werden die Aufgaben verteilt. Da gibt es zum Beispiel den Küche- und Tresendienst, die Arbeit im Gepäckraum, wo die Gäste ihre Taschen und Rucksäcke abgeben können, das Abtasten an der Tür, die Aufsicht in den Schlafhäusern, die Unterstützung des Arztes oder der Ärztin, die jeden Abend da sind, und noch ein paar andere.

Notübernachtung für Familien

Maria und ich sind diesen Abend zum ersten Mal im Schlafhaus zwei. Seit ein paar Wochen gibt es in der Notübernachtung in der Lehrterstraße zwei Schlafhäuser. In Schlafhaus eins schlafen nur Männer, in Schlafhaus zwei in der ersten Etage nur Frauen und Familien und in der zweiten Etage Männer, wenn Schlafhaus eins voll belegt ist. Seit ein paar Tagen kommen jeden Abend zwei bulgarische Familien, auch heute Abend. Wir bringen ihnen das Essen ins Familien-Zimmer, da sie nicht wie die anderen Gäste in den Aufenthaltsraum sollen, weil das einfach kein Ort für Kinder ist.

Die Kinder sind überwältigend. Kaum reingekommen, streckt ein etwa Vierjähriger Junge mir seine Ärmchen entgegen, will auf den Arm genommen werden und mich nicht mehr loslassen. Diesen vier Kindern sieht man ihre schreckliche Situation auf den ersten Blick nicht an, aber ihr Verhalten ist so voller Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, dass ich ganz sicher weiß: Ihr Leben ist im Moment alles andere als kindgerecht.

Mit dem kleinen Christoph auf dem Arm, kümmere ich mich dann so gut es geht um die anderen Frauen, die mittlerweile zum Schlafen oder Duschen gekommen waren, und Zahnpasta, Shampoo oder ein Handtuch benötigen. Die Kinder sind so aufgedreht, dass an Schlafen noch lange nicht zu denken ist. Mit Stiften und Papier zum Malen wird es dann langsam wieder ruhiger, bis schließlich alle wieder in ihrem Zimmer verschwunden sind.

Ihh!! Diese Frau nicht hier rein!!

Ruhig, so schön ruhig ... - aber nicht lange. Eine kleine, sehr verängstigt wirkende Frau wird hereingebracht, sie habe eine Läusebehandlung bekommen und solle jetzt schlafen. Aber kaum habe ich die Tür zum Schlafraum geöffnet, um der Frau ihr Bett zu zeigen, fangen etwa fünf Frauen laut zu schreien an und schimpfen auf Rumänisch: "Diese Frau nicht hier rein!! Ahh, ihhh, Weg, weg!!" Offensichtlich haben sie Angst vor den Läusen an dieser Frau. Ich versuche ihnen zu erklären, dass die Läuse alle tot sind, aufgrund der Läusebehandlung, aber davon wollen sie nichts wissen: "Nix tot, nix tot, da, da schau!"

Ich kann die Sorgen der Frauen durchaus verstehen, da auf dem schwarzen Mantel der Frau deutlich noch diverse Tierchen zu erkennen sind, allerdings habe ich auch keine andere Möglichkeit. Die Frau muss schließlich auch irgendwo schlafen - und einen anderen Schlafraum für Frauen gibt es nicht. Ich versuche erst einmal zu beschwichtigen und zu beruhigen und glücklicherweise kommt mir Dani, eine andere Mitarbeiterin, zu Hilfe. Sie macht den Frauen deutlich, dass die Frau dort schlafen wird und alle, die sich beschweren, eben gehen müssen. Dani wird richtig laut und konnte sich toll durchsetzen. So hätte ich das nicht gekonnt.

Selbstmordgefahr droht - Notarzt kommt

Mitten in diesen Streit hinein passierte das Schlimmste an diesem Abend: Maria kommt plötzlich mit einer anderen Frau aufgelöst herein gerannt. Im Bad liegt die Frau, die eben noch geduscht hatte, bewusstlos in der Badewanne. Alles Ansprechen und sachtes Schütteln hilft nichts, die Frau reagiert nicht. Was nun? Ihre Augen sind geschlossen, aber sie atmet tief und deutlich als würde sie sehr tief schlafen. Dani, die glücklicherweise noch da war, hat sofort den Notarzt angerufen. Der Verdacht fällt schnell auf Tabletten, wahrscheinlich Schlafmittel.

Während Dani draußen auf den Notarzt wartet, versuchen Maria und ich vergeblich die Situation unter Kontrolle zu bekommen oder zu verbessern. Wir decken die Frau zu, legen ein Handtuch unter ihren Kopf, packen ihre Kleidung in eine Tüte, damit sie sie mit ins Krankenhaus nehmen kann, wo sie offensichtlich ganz dringend hin muss. Die paar Minuten, die ich einfach nur bei der bewusstlosen Frau am Badewannenrand sitze, waren irgendwie komisch, aber auch sehr bedrückend. So eine Situation habe ich noch nie erlebt.

Hilflos am Badewannenrand - warten, wachen, beten

Ich achte genaustens darauf, dass die Frau nicht aufhört zu atmen und gehe im Kopf sicherheitshalber schon einmal Wiederbelebungsmaßnahmen durch, von denen ich seit meinem Führerschein nicht mehr viel weiß. Ich kenne die Frau nicht, habe sie vorher auch noch nie gesehen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Fühle mich hilflos, machtlos und überfordert. Kann nur warten und wachen und beten.

Die Frau atmet weiter, der Notarzt kommt. Er rüttelt sie noch einmal kräftig. Die Frau öffnet nach kurzer Zeit die Augen. Und entweicht ein erleichtertes Seufzen. Die eben noch heftig angespannte Situation ist plötzlich wieder recht unspektakulär. Wir helfen der Frau sich anzuziehen, der Notarzt checkt sie kurz durch, findet aber hauptsächlich alte Verletzungen durch Drogenkonsum. Er will sie aber trotzdem zur Sicherheit mit ins Krankenhaus nehmen, versichert uns aber, dass sie nicht da bleiben müsse, sondern später in der Nacht wiederkommen kann.
Kurz bevor sie gehen, gesteht die Frau dann doch noch, dass sie Tabletten genommen hat.

Erst durch Uli, erfahre ich am nächsten Tag, dass die Frau tatsächlich vorhatte, sich bei uns in der Notübernachtung umzubringen. Ich weiß, dass so etwas immer mal wieder vorkommt. Und trotzdem kann und will ich das nicht einfach als Alltag abtun.

Kein Alltagserlebnis, sondern Herausforderung

In die Notübernachtung darf jeder kommen, ganz unterschiedliche Menschen, die alle mit verschieden Problemen zu kämpfen haben, sonst wären sie nicht in dieser Lage. Und gerade deswegen wollen wir, nach Jesu Vorbild, jeden gleich annehmen, aufnehmen und mit Liebe begegnen, egal welche Vorgeschichte oder Absichten der- oder diejenige hat. Ich bin froh, dass ich mit Gott immer - aber besonders in der Notübernachtung - jemanden an meiner Seite habe, der jeden Menschen sieht und kennt, mir hilft, diesen Menschen zu begegnen und die Arbeit mit all ihren Herausforderungen zu meistern.

Gerade die heutige Schicht war schrecklich, dabei ist das schon etwa meine zehnte Nacht in der Notübernachtung gewesen. Dennoch habe ich auch erlebt, wie Gott trotzdem und gerade dort immer dabei ist, und den ganzen Abend in so vielen kleinen Dingen für mich "schaffbar" gemacht hat. Dennoch war der Abend kein Alltag ist, den ich einfach unter einem besonders stressigen Abend in der Notübernachtung abspeichern kann. Es war eine schreckliche Realität, die ich verarbeiten muss und nicht einfach übergehen kann. 
 
Ich hoffe, ich verunsichere niemandem oder mache niemandem Angst. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich mich dieser Realität, die ich hier in der Notübernachtung erlebe, stellen will. Denn ich möchte begreifen, dass das, was ich hier erlebe, keine spannenden Geschichten und Abenteuer sind, sondern reales und wahres Leid in Deutschland, das in meiner "Welt", in meinem Leben bisher nie vorkam und ich nie wahrgenommen habe.

Mareike Bähr, Freiwillige der Berliner Stadtmission

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