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17. Dezember 2014

Die letzte Begegnung dieser langen Nacht wird meinem Herzen einen kleinen Sprung versetzen. Doch davor liegen viele weitere Begegnungen mit Menschen, wie sie nur nachts mit dem Kältebus möglich sind.

Mittwoch, 17. Dezember 2014, 21.00 Uhr. Ludwig, der Kältebusfahrer, spricht ein kurzes Gebet am Steuer: mit der Bitte um Bewahrung, um Leitung und um Segen. Dann lässt er den Motor an und wir fahren los.

Berührende Gastfreundschaft

Melanie und Thomas besuchen wir als Erstes. Sie leben seit sehr vielen Jahren im Wedding gemeinsam draußen. Wir kennen sie schon lange. Einmal sah es so aus, als würden sie Hilfe annehmen, aber im letzten Moment widersetzte sich Melanie - ihre schlechten Erfahrungen mit Menschen haben sie misstrauisch gemacht. Gerade ist das Paar mal wieder umgezogen. Zu gefährlich sei es in dem anderen Park geworden, zu viele Drogis und Alkis. Sie wissen, wie das ist -  überfallen und krankenhausreif geschlagen zu werden. Die Beiden sind angenehme Zeitgenossen, nehmen gerne ein heißes Getränk und geben eine kleine Bestellung auf: "Ein paar Schuhe, eine Taschenlampe, eine warme Decke - wenn es möglich ist und keine Umstände macht…"

Die Matratze, auf der Christian einige Kilometer weiter unter einer Brücke schläft, leuchtet uns schon von Weitem hell entgegen. Er lässt sich wecken und freut sich ebenfalls über den Kaffee. Mit einer freundlichen Handbewegung weist er auf seine Unterlage: „Nehmt doch Platz!“ Selten hat mich Gastfreundschaft mehr berührt und die stille Würde dieser Geste klingt noch immer in mir nach.

Und dann ist da Sven. 1958 „als 1000. Baby im Krankenhaus Neukölln geboren“ ist er bestimmt einer der ältesten noch lebenden Heroinabhängigen Berlins. Mitsamt seinen Krücken - Pardon: „das sind keine Krücken, das sind Gehilfen!“ - verfrachten wir ihn in den Bus und ich bewundere seine Gelassenheit und seine außerordentlichen Überlebenskräfte.

Lothar treffen wir nach dem Anruf eines besorgten Menschen in einem Dönerimbiss im Prenzlauer Berg. Auf der Fahrt in die Notübernachtung erzählt er, dass er heute aus seiner Wohnung geflogen sei, und wir dürfen teilhaben an seiner sehr komplexen Sicht auf die Welt.

Schutzlos

Es ist schon kurz vor 3.00 Uhr morgens, als wir beschließen, noch der Bitte einer Wirtin aus Neukölln nachzugehen. In einer kleinen Kneipe sitzt Sophie, die eigentlich dort Hausverbot hat, aber wohnungslos ist und deshalb nicht raus geschickt wurde. Ihr Wunsch, mitgenommen zu werden, steht auf genauso wackeligen Beinen wie seine Besitzerin. Die Einrichtung für Frauen ganz in der Nähe sei „viel zu weit weg“ beschwert sich Sophie erregt. Und nestelt, während wir vor der Tür miteinander reden, an ihrer Hose, um sich dann direkt vor mir mitten auf dem belebten Bürgersteig hinzuhocken und zu pinkeln, während links und rechts die Menschen vorbei gehen. Noch immer bin ich mir nicht sicher, was genau daran mich so berührt. Vielleicht ist es die extreme Schutzlosigkeit dieser Frau, die so offensichtlich nicht in der Lage ist, ihre eigene Intimsphäre wahrzunehmen und zu schützen. Vielleicht das Gefühl, ich müsse mich - stellvertretend für sie - schämen, da sie es selber nicht mehr kann.

Als wir am Ende dieser Nacht den Bus wieder einparken, denke ich an das Weihnachtsfest, das kurz bevorsteht. Wir feiern, dass Gott sich auf den Weg gemacht hat zu uns Menschen, um uns - auch in aller Not - greifbar nahe zu sein. Gott sei Dank dürfen wir alle Begegnungen dieser Nacht in seine Hände legen.

Karen Holzinger