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05. Februar 2016

"Sonst wäre er gestorben." - Auszüge aus dem Kältebus-Tagebuch

Der Kältebus fährt jede Nacht von 21 bis 3 Uhr. Er versorgt Obdachlose mit Decken und heißen Getränken oder bringt sie in eine Notunterkunft. Tobias Hanßmann (20) fährt den Bus. In seinem Kältebus-Tagebuch verarbeitet er Erlebnisse und Eindrücke seiner eindrucksvollen Arbeit:

3. Januar. In einer der ersten kalten Nächte dieses Winters retten meine Kollegen einen Rollstuhlfahrer vor dem Erfrieren. Das Thermometer zeigt minus 8 Grad, der Wind ist schneidend. Ein Anruf der Polizei informiert uns über einen Mann, der vor einem S-Bahnhof sitzt. Er ist stark unterkühlt, hat erste Erfrierungen an Händen und Füßen. Der Obdachlose kommt mit in die Notunterkunft in der Lehrter Straße. Hätten ihn die Polizisten nicht gefunden, wäre er in dieser Nacht gestorben.

4. Januar. Der große Kälteeinbruch ist da, wir bekommen Anrufe im Minutentakt. Draußen ist es glatt und eisig. Die Notübernachtungen sind voll. In der Lehrter Straße im Zentrum der Berliner Stadtmission ist noch Platz. Wir bekommen einen Anruf von Passanten, dass ein obdachloser Mann vor dem Hauptbahnhof schläft. Ich erkenne ihn. Harald* lebt seit mehreren Jahren auf der Straße. Erst vor wenigen Tagen wurde er operiert. Trotzdem schläft er weiter im Freien, will in keine Notunterkunft. Wir packen ihn warm in drei Decken ein, das ist das Einzige, was wir für ihn tun können und versprechen, bald wiederzukommen. Ein Security-Mitarbeiter hat vom Alexanderplatz angerufen. Ein Obdachloser mit Gipsarm hatte im Sparkassen-Vorraum geschlafen. Weil sich Passanten beschwerten, musste er raus. Auch er leidet bereits unter Erfrierungen. Wir nehmen ihn mit in die Notübernachtung Lehrter Straße. Ein Passant hat einen Wohnungslosen ohne Decke vor einem Café auf dem Bordstein gefunden. Als wir ankommen, sehen wir, dass der Mann verprügelt wurde. Er hat Prellungen, Schürfwunden. Auch er kommt mit in die Notübernachtung, wo sich ein Arzt um ihn kümmert.

 

Ein Obdachloser mit einem gezeichneten Bild im Arm.Marek (Namen geändert) hat als Dankeschön ein Bild gezeichnet.

5. Januar. Wieder gut 8 Grad minus. Der erste Anrufer informiert uns über einen jungen Mann, der nur auf einer dünnen Pappe sitzt. Als wir bei ihm sind, will er keine Hilfe, er pampt mich an. Auch das gehört zum Job. Nicht jeder will sich helfen lassen. Viele Obdachlose sind Einzelgänger, es fällt ihnen oft schwer, Hilfe anzunehmen. Wir werden trotzdem weiterhin nach ihm sehen. Weiter geht es zu Marek*. Wir besuchen ihn bereits zum zehnten Mal in diesem Winter. Er freut sich immer über Tee und einen Keks. Auch wenn ich privat in der Nähe bin, schaue ich bei ihm vorbei. Er kann gut zeichnen, hat mir als Dankeschön ein Bild gemalt. Die Straßenverhältnisse sind in dieser Nacht sehr schlecht. Wir schlittern knapp 70 Kilometer durch die Stadt. Die Kollegen vom zweiten Kältebus rufen an. Sie haben sich auf der glatten Straße gedreht, brechen ab. Zu gefährlich.

6. Januar. Minus 7 Grad. Die gefühlte Temperatur ist weitaus tiefer. Wir spüren, dass der Kältebus mittlerweile im Bewusstsein der Berliner verankert ist. Zu den Anrufen in der Nacht kommen tagsüber E-Mails von besorgten Menschen. Ich bin beeindruckt, danke dafür!

7. Januar. Heute nimmt ein prominenter Beifahrer neben mir Platz. Sozialsenator Mario Czaja begleitet mich bis Mitternacht. Ich drücke ihm unser Handy in die Hand. Er nimmt die Anrufe entgegen, führt unsere Statistik. Er ist engagiert, spricht einfühlsam mit den Anrufern. Gemeinsam fahren wir zu einer Gruppe von drei Obdachlosen. Wir sprechen mit ihnen, ich lasse jedem einen Becher Tee da. Wir haben immer Süßigkeiten dabei. Zucker ist gut gegen die Kälte. Es geht weiter. Gleich sechs Anrufer melden, dass ein junger Mann schutzlos in einer S-Bahn-Unterführung sitzt. Als wir ankommen, erzählt er uns von seinem Besuch beim Jobcenter am Tag zuvor. Wir geben ihm einen Flyer von Beratungsstellen. Er verspricht hinzugehen. Gegen zwei Uhr nachts haben wir richtig Pech. Auf dem Weg zu Jens*, einem jungen Obdachlosen, schneidet uns ein Auto. Wir kommen ins Schlittern und fahren auf. Unser Bus ist zum Glück noch fahrtüchtig. Wir laden Jens ein. Als er im warmen Auto sitzt, bedankt er sich: „Euch schickt der Himmel. Wenn ich von der Straße weg bin, werde ich versuchen, das alles zurückzugeben, indem ich auch Menschen helfe!“ Um drei Uhr stellen wir den Bus wie jede Nacht ab und gehen nach Hause.

Tobias Hanßmann (20) kam im Sommer 2014 für ein Freiwilliges soziales Jahr bei der Stadtmission nach Berlin. Seit November ist er Teamleiter von vier Kältebusfahrern.

Sozialsenator Czaja und Tobias vor dem Kältebus.

Tobias Hanßmann
Teamleitung Kältebus