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18. Januar 2016

Viele hören, aber verstehen nicht

Zusammengekauert am Boden drängt er sich an den Heizungskörper. Die höchste Stufe lässt gluckernd, aber sicher endlich wieder Wärme in seinen tauben Körper strömen. Bis auf seine zitternden Hände zeigt er keine Regung. Angenehme Wärme ist es, die unser Herz und unser Sein mit einer wunderbaren Lebendigkeit füllen kann.
Ein warmer Platz; ein warmes Getränk; ein, zwei, drei warme Worte. Der Ledermantel beginnt sich zu regen. Darunter kommt eine Kapuze zum Vorschein und schließlich ein Paar brauner Augen.
Sein Gesicht ist vom Wetter, der Zeit und der Straße gezeichnet. Er wirkt unendlich müde, traurig, und doch liegen in seinem Blick eine faszinierende Klarheit und ein scharfer Verstand.
Er mustert uns.
Kniend und im Schneidersitz nehmen wir ihm gegenüber Platz.

Augenhöhe lässt uns Menschen einander erst wirklich begreifen.

Mit der kratzigen rauchigen Stimme einer Rocklegende beginnt er zu sprechen und hält dabei unentwegt provozierend an meinem Blick fest :

„Viele hören, aber verstehen nicht.
 Viele sehen, aber erkennen nicht.
 Viele sprechen, aber sagen nichts.
 Sag, was gönnst du dir ?“

Erstaunt über diese Frage kneife ich die Augen zusammen und beginne nachzudenken.

„Ich meine, gönnen im Sinne von wünschen.
 Was wünschst du dir für dich, was gönnst du dir?
 Gönnst du dir Schmerz?“

Stirnrunzelnd schüttle ich den Kopf.

„Gönnst du dir kalte Hände? Taube Finger und Füße?
 Gönnst du dir Juckreiz, schuppige Haut?
 Also. Was gönnst du dir?“

Mir dämmert, worauf er hinaus möchte:
„Von lieben Menschen umgeben zu sein, denen ich vertrauen kann. Ehrliche Freunde. Dass es meiner Familie gut geht. Dass ich zufrieden sein kann, glücklich, mit dem was ich habe, tu und damit, wie es mir geht.
Ja, das wünsch ich mir...“

"Das war gut!"

Nacheinander zeigt er mit dem Finger erst auf Mathis, meinen Mitarbeiter,
dann auf sich selbst
und schließlich auf den Eingang der Notübernachtung.

„Und was gönnst du ihm?
 Und mir?
 Und ihnen?“

„Dasselbe.“

„Siehst du, was du nicht willst, dass man dir tu, dass füg' auch keinem andren zu. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.
Das ist alles. Das ist das ganze Geheimnis.
So jetzt sag mir.
Hast du nur zugehört oder hast du auch verstanden?“

Ich lächle ihn an und rufe absichtlich laut in AyeAye-Maniére:
„Verstanden!“

Er lacht zurück, das Funkeln in den Augen:
„Das war gut!“

Und ob ich verstanden habe.
Unwillkürlich muss ich an all die Menschen denken, die jetzt gemütlich in ihrem Bett liegen. Die selbstverständlich ein heißes Bad genießen, um sich dann in eine Decke gekuschelt noch etwas vor den Fernseher zu setzen. An all jene, die die Haustür hinter sich schließen und den Winter und die Straße vor der Tür lassen können.
Die Meisten können sich leider nicht vorstellen, was man hier unten sieht, versteht und erkennt. Nicht den jungen Mann, dessen Rollstuhl ihm keine Chance lässt in dem Schneetreiben draußen selbstständig voranzukommen.
Nicht den müden Alten, der ohne vier anpackende Hände unfähig ist auch nur ins Bett zu gelangen, geschweige denn auf die Toilette.
Nicht die Frau, die jeden Abend tränenüberströmt vor unserer Tür steht, völlig aufgelöst. Nicht das junge Mädchen, gekleidet nur in Leggins und dünnem Trenchcoat bei Minusgraden. Nicht den gestandenen Herrn, dessen Schamgefühl seinen Lebenswillen langsam ausradiert. Und auch nicht die kleine Frau, deren Bauch seit Monaten wächst, genauso wie die Anzahl ihrer Übernachtungen in der Lehrter Straße 68.

„Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist,
 dass die Welt ok ist,  so wie sie geworden ist?“

Eine Frage, die sich jeder einmal stellen sollte.

Und jetzt sagt mir: habt ihr mir nur zugehört, oder auch verstanden?

Comic mit Aufschrift: „Kannst du mir sagen, dass das alles schon in Ordnung ist,

Lissy Kraft
M
itarbeiterin der Notübernachtung Lehrter Straße