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18. November 2015

„Kein Tropfen“ ist dann doch einer zu viel

Seine Jugend wirkt fehl an diesem Platz. Seine unbeschwerten Schritte, die im Takt wippenden Rastalocken: sie wecken Neugierde. Nach einer der zahlreichen Geschichten, ob sie zaghaft oder bestimmt, torkelnd, lethargisch, rollend oder gar einbeinig ihren Weg durch die blaue Tür bestreiten. Manch eine, welche auch von den letzten Kräften verlassen wurde, wird gar hineingetragen. Diesmal ist es diese Leichtigkeit, die erstaunt. Und der unersetzbare Wert, den er sicher unter seinem rechten Arm geklemmt hält. Schlägt er die dicke lederne Mappe auf, taucht man ein in seine Welt, hält inne, vergisst den Trubel der Lehrter 68.

Eine Welt aus filigranen schwarzen Skizzen, kleine und große Kunstwerke, in denen jeder weitere Blick eine zusätzliche Tür zu neuen Geheimnissen öffnet. Gesichter und Menschen jeder Art und Weise; erstaunliche mystische Formen, Muster, Symbole und Zeichen, welche sich ergänzen; Federn, die nur darauf warten, dem Blatt zu entschweben; fabelhafte Tierkreationen; der Kosmos samt seiner Unendlichkeit - und schließlich selbst Tupac Shakur. Während ich mich nicht sattsehen kann im Anblick der vielen Wunderwerke, tippt er auf eins und meint schulterzuckend:

Das passiert einfach. Ich beginne zu zeichnen und der Stift wird selbstständig. Eine Linie. Was dabei herauskommt, habe ich nicht vorgesehen. Deshalb kann ich ein Bild auch nicht ein zweites Mal hinbekommen.“

Ob er versucht habe, seine Gabe einmal jemandem zu zeigen?

Er lächelt verlegen und winkt ab: „Ich weiß nicht … dafür ist es noch zu früh.“

Vorbeilaufende halten inne, verlieren sich in den Bildern. Die heiße Suppe, das schmerzende Bein, der Streit um den Sitzplatz: sie werden für einen Moment unwichtig. „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“, so Picasso.

Lächelnde Augen, Schulterklopfen, Komplimente - inmitten ein Junge, der nicht glücklicher strahlen könnte. Wer seine Strahlkraft dagegen verloren hat, das sind die Augen des älteren Mannes. Führen lassen, möchte er sich vehement nicht. Schwankend folgt er meiner Stimme zum Arztzimmer. Das linke Auge fehlt bereits, das Rechte ist, einem Tennisball gleich, blau zugeschwollen: „Boxerei“. Die sorgenvolle Stimme der Krankenschwester :

Wenn Sie damit nicht ins Krankenhaus gehen, verlieren Sie Ihr rechtes Auge auch noch, verstehen Sie mich. Ihr Freund muss Sie ins Charité bringen!

Das Verständnis verliert angesichts der Meinung, das Krankenhaus hätte ihm bereits sein erstes Auge grundlos entfernt. Das Misstrauen siegt ein weiteres Mal. Genauso wie das Gefühl, jemandem zur Last zu fallen:

Mein Freund hat eigene Dinge zu tun, privates Programm, er kann sich nicht nur um mich kümmern.“

Tabletten lindern den äußeren Schmerz. Was braucht es für den Inneren? Zurück im Aufenthaltsraum. Vom Alkohol schwere, aber bedachte Worte:

Ich glaube, ich habe mich ein bisschen verloren.“

Ein warmer Tee erlaubt klare Gedanken, ein langes Gespräch folgt. Wieso, weshalb, warum. Frau weg, Invalidenstatus, hochprozentige Lösung. Schlagworte, die nicht einmal ansatzweise die ganze Lage erfassen. Was es denn bräuchte, um ihn wieder zu finden, frage ich. Er denkt lange nach und beginnt zu lächeln:

Ich komme aus einer intakten Familie, wissen Sie. Meine Schwester würde mich jederzeit am Bahnhof abholen.“

Was hindert? Kein Bier geduldet, null, nichts. „Kein Tropfen“ ist dann wohl doch einer zu viel. Das Gespräch: eine Gratwanderung zwischen Selbstaufgabe und stolzem Willen. Die Schlussfolgerung letztenendes kurz vor Mitternacht:

Ich denke, ich kann es schaffen.“

Hoffnung tut gut, beruhigt, wärmt von innen. Erschöpft legt er sich schlafen. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir die letzte halbe Stunde an.

Bevor du gehst, deine Einschätzung, Lissy.“

Es geht um Gartenhäuser. Fünf an der Zahl, die unser liebenswerter alter Schwede mir ausgedruckt reicht. Welches er kaufen solle, sei heute die entscheidende Problematik um 24 Uhr Nachts. Wir fachsimpeln inzwischen zu fünft und einigen uns nicht recht auf eins. Wie immer wird gescherzt und sich aufgezogen.

Wenn ich tot bin, schenk ich's dir. Hab ja kein' andren.“

Ich runzle die Stirn- an seine hunderten von (Lach-)falten komme ich nicht heran- und schaue ihn böse an. Er soll nicht so reden. Topfit wie ein Turnschuh ist er. Immer einen Scherz auf den Lippen und den Schalk in den Augen. Fast kultig. Bereits letzte Saison hatte sich eine treue Stammrunde um seinen Tisch gebildet. Wer sich setzt, wird Zuhörer und– mit etwas Pech- selbst Protagonist des ulkigen Spektakels aus Scherzen und fantastischen Geschichten. Auch wenn ich ihm einen schöneren Ort wünschen würde, erwärmt es mir das Herz, dass er hier Menschen gefunden hat, die er bereichert- schlichtweg weil er ist, wer er ist!

00:30 Uhr. Das Licht ist bereits aus. Kneift man seine Augen etwas zusammen, lässt sich mit geschultem Blick vielleicht noch erahnen, wer sich hinter den schemenhaften Gestalten verbirgt. Leises, oft auch unsagbar lautes Schnarchen erfüllt den Raum und erhält ihm seine Lebendigkeit. Vier Stunden, dreißigmal so viele Menschen, dreißigmal so viele Geschichten.

Tschüss liebe Nü und bis zur nächsten Schicht.

Lissy Kraft
Mitarbeiterin der Notübernachtung Lehrter Straße

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