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21. März 2016

Von Schnaps bis zu Musik

Ich bin wie immer schon um 19:30 Uhr da um alles vorzubereiten und den Raum herzurichten.

Also gehe ich als Erstes aufs Büro zu um die Schlüssel und so zu holen und sehe Tobi (unseren Kältebusfahrer) schon aus der Ferne durch die offene Tür am Schreibtisch sitzen und sehe, wie er mich freudestrahlend gestisch auf etwas hinweisen will. Erst nach ein paar Momenten wird mir bewusst, was er meint, nämlich, dass im Hintergrund die fröhliche Countrymusik eines Albums läuft, auf das er seit Tagen sehnsüchtig gewartet hat. Diese CD ist heute endlich angekommen und wurde gleich in den CD-Spieler der NÜ gesteckt. Ich freue mich mit, und zwar so sehr, dass ich gleich den ganzen Abend lang einen Ohrwurm davon habe und das Lied heute während der Schicht immer wieder pfeife ;)

Die anderen Mitarbeiter und Ehrenamtlichen des Abends sind nun mittlerweile angekommen. Anja, eine der beiden Abendverantwortlichen für heute, hält die Mitarbeiterandacht. Es geht darum, dass wir von Gott zwar schon aufgefordert werden auf andere Menschen zuzugehen und ihnen Gutes zu tun, wir aber von ihm keinesfalls unter Druck gestellt werden und wir uns auch nicht selber Druck machen müssen, den Gott liebt uns auch dann, wenn wir nichts machen, seine Liebe ist nicht davon abhängig, wie viel Gutes wir tun. (Wir sollen auch nicht aus Druck handeln, sondern aus Liebe)

"Dann nehm ich nur noch meine Tabletten und meinen Schnaps"

Die Kleiderkammer der Notübernachtung.

Nach der Andacht werden uns unsere Aufgaben zugewiesen. Ich werde für die Kleiderkammer und den Aufenthaltsraum eingeteilt (zwar nicht mein Favorit an Aufgaben, aber ok – man hat immerhin die Gelegenheit mit den Gästen ins Gespräch zu kommen).

Der Abend beginnt und die Gäste werden hineingelassen. Ich sitze mit Yannick (FSJler) auf der „Schlafbank“ (die Bank, auf die sich die Gäste setzen, wenn sie ins Schlafhaus gebracht werden möchten) und beobachte, wie sich der Raum langsam füllt. Alles sehr friedlich und eine positive Stimmung herrscht im Raum. Unser deutschen „Stammgäste“ sind wie immer schon recht früh drinnen. Werde unterbrochen und in die Kleiderkammer gerufen. Eine Frau wünscht Klamotten; sie erzählt, dass sie schon seit 2 Wochen dieselben Kleider trägt und mittlerweile in der S-Bahn aufgrund des Geruchs komisch angeschaut wird. Ich höre ihr zu und gebe ihr natürlich neue Kleidung – und ich merke, dass dieser Satz von ihr mir irgendwie nachgeht.

Ich gehe wieder zu den anderen Gästen und treffe auf Gustav*, den ich schon ein Weilchen kenne und mit dem ich immer wieder rede – auch wenn ich ihn außerhalb der NÜ treffe. Ich setze mich zu ihm. Wir reden ein wenig darüber, wo er heute war und was er so gemacht hat. Er erzählt, dass er in Zehlendorf war und morgen wieder dorthin geht. Ich frage, warum und Gustav beginnt, mehr zu erzählen. Es geht um seinen Antrag auf einen Platz im Übergangshaus. Solange ich Gustav eigentlich schon kenne, bemüht er sich um einen Platz im Übergangshaus und es schaut mal besser und mal schlechter aus, dass er einen Platz bekommt. Er meint, wenn das morgen wieder nichts wird, dann gibt er auf, lässt es komplett sein und versucht nicht es nicht weiter. Selten habe ich Gustav so niedergeschlagen und frustriert gesehen wie an diesem Abend, denn eigentlich ist er sonst ein sehr fröhlicher Mensch. Ich versuche ihn umzustimmen, aber er will nicht. Ich verstehe das auch, aber dennoch macht mich das traurig. Ich sage ihm, dass ich das auch es voll verstehen kann, aber dennoch toll fände, wenn er nicht aufgeben würde. Aber er bleibt dabei. „Wenn es morgen wieder nichts wird, dann nehm ich nur noch meine Tabletten und meinen Schnaps.“ Bin innerlich leicht schockiert über diesen Satz, aber verstehe auch den Frust. Ich sichere ihm zu, dass ich morgen an ihn denken werde, für ihn hoffen und auch beten werde. Er freut sich darüber.

†=♥

Aber ich muss schon wieder los zur Kleiderkammer.

Der Abend geht weiter. Zwischendrin sehe ich, wie ein Gast zur Musik von oben erwähnter CD (lief den ganzen Abend im Hintergrund) tanzt und sich rhythmisch zur Schlafbank bewegt. Ich muss schmunzeln und bin glücklich über diesen kleinen Moment der Freude.

Weiter geht´s. Einiges los vor der Kleiderkammer.

Irgendwann ist es Zeit für die Gästeandacht. Vorher gehen noch zwei Glückwunschkarten für zwei Mitarbeiter rum, die heute Geburtstag haben. Das Besondere ist, dass ein Gast das initiiert hat. Ein paar junge Mitarbeiter beginnen die Andacht mit dem Lied „Die Liebe des Retters“. Ich singe mit. Es folgt der Impuls von Theresa (die andere Abendverantwortliche). Es geht um eine Plakataktion, bei der aber sehr oft der linke Teil herausgerissen wurde. Somit sieht man nur „=♥“aber was vor dem = steht, wurde weggerissen. Theresa fragt, was dort davor gestanden haben könnte. Geld? Ansehen? Familie? In der echt stand dort immer ein †. Und darauf will auch die Andacht hinaus, nämlich zu zeigen, dass das Kreuz Liebe bedeutet, nicht weil der Tod am Kreuz so schön oder gar lieb wäre, aber weil Jesus aus Liebe zu jedem Einzelnen von uns Menschen sich hat ans Kreuz schlagen lassen. Zum Schluss singen wir noch „Our God“.

Als wir fertig mit dem Singen sind, bittet ein polnischer Gast die Gitarre auszuleihen, und er beginnt ein polnisches Lied zu spielen und zu singen – alle anderen um ihm herum hören zu. Wieder so ein kleiner Glücksmoment. Auch dafür ist bei uns in der NÜ Raum – Menschen dürfen sich entfalten, denen es sonst auf der Straße so sehr verwehrt wird.

Ein kleiner Comic vom Kältebus.

Ein schöner Abschluss für den Abend

Der Abend geht weiter.

Es ist schon spät. Ich stehe mit an der Theke und helfe ein wenig mit. Irgendwann steht ein sehr junger Gast an der Theke (er ist jünger als ich) und denke mir nur „meine Güte ist der jung, der sollte doch eigentlich nicht hier sein müssen“. Aber so ist es leider nun mal, es gibt sehr junge als auch recht alte Obdachlose und allen würde man wünschen, dass sie nicht zu uns kommen müssten. Jedenfalls ist er sehr gesellig und bleibt länger als nötig an der Theke, um mit den Mitarbeitern zu quatschen.

Gegen Ende meiner Schicht nehme ich mir eine Schüssel vom bisher übrig gebliebenen Eintopf, während ich mit einem Mitarbeiter über die Arbeit in den verschiedenen Notübernachtungen der Stadtmission rede. Wir teilen uns den Eintopf und löffeln zusammen aus der einen Schüssel. Ein schöner Abschluss für den Abend. Ich gehe nach Hause. Bin wie immer nach einer Schicht noch etwas bewegt und aufgewühlt. Doch heute ist es besonders stark, vielleicht weil heute ein Tag mit viel Gegensätzlichen mit viel Schönem (Musik, tanzen, Gitarre spielen) aber auch Traurigem (z.B. das Gespräch mit Gustav) war. Ich entschließe mich im Bett diese Zeilen aufzuschreiben. Aber zuvor schreibe ich Mathis und Yannick noch per WhatsApp über das Gespräch mit Gustav und bitte sie, auch dafür zu beten. Irgendwann spät in der Nacht, als der Kältebus schon seinen Dienst beendet hat, schlafe ich endlich ein.

Fabian Haggerty
FSJler der Berliner Stadtmission