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2. Februar 2018

Das hat mich mal wieder richtig angefasst

In der Nacht zu Samstag wurden wir nach Charlottenburg gerufen. Ein Mann sollte auf dem Steinboden liegen, an einem Durchstich an der S-Bahn, bekleidet nur mit einem dünnen Trainingsanzug, zugedeckt mit einer roten Decke. Das ist eindeutig zu wenig, es war um die 0 Grad kalt. 

Kältebus vor Fernsehturm

Also, wir fuhren dorthin, zunächst an die falsche Stelle. Dann fanden wir ihn, so wie in der Mitteilung beschrieben. Er schlief tief und schnarchte vernehmlich. Darius –geschätzter Telefonist und Beifahrer – und ich rüttelten an ihm, ich fasste seine Hände an, die waren ganz warm! Wahnsinn, bei den Temperaturen! Er rappelte sich auf, setzte sich und wir verstanden gar nichts. Er sprach kein oder kaum Deutsch auch mit Englisch kamen wir nicht voran. Zwischenzeitlich holte Darius Süßigkeiten und einen warmen Tee. Nach längerem Hin und Her fand ich heraus, dass er wohl Mircu (Anm.: der Name ist frei erfunden) heißt und aus Litauen stammt. Bei der Erwähnung von Kaunas und Vilnius, die einzigen Städtenamen, die ich kenne, strahlte er über das Gesicht, welches zur Hälfte unter einer Mütze verborgen war.

Das Gesicht war geschwollen, die Hände an den Knöcheln aufgerissen. So konnte er nicht liegen bleiben. Wir versuchten, ihn zur Mitfahrt zu bewegen, aber er konnte/wollte nicht aufstehen. Darius holte eine Isomatte und einen Schlafsack aus dem Wagen. Wir breiteten die Isomatte aus. Er bewegte sich nicht. Wir hoben ihn auf die Isomatte. Das Gleiche mit dem Schlafsack: Wir hoben ihn an, sodass er mit Schuhen wenigstens bis zur Hüfte im Schlafsack steckte.

Und dann geschah es:
Er nahm meine Hand, küsste sie und weinte bitterlich.
Dann breitete er seine Arme aus. Ich verstand.
Wir umarmten uns. Er hielt mich ganz fest umfasst und legte seinen Kopf an meinen.
Er weinte buchstäblich Rotz und Wasser!
Ich hielt ihn eine Ewigkeit von einer halben Minute ganz fest im Arm.

Das hat mich mal wieder richtig angefasst!

Ich dachte ganz für mich: Lieber Gott, pass auf diesen Jungen auf!

Eine Zigarette und wir verabschiedeten uns. Darius notierte später im Chat, dass das KB1-Team in der nächsten Nacht bitte einmal vorbei schauen sollte.

Ich ging noch in die Kneipe und bedankte mich bei der Frau, die uns informierte. Da wir ihn nicht zum Mitkommen bewegen konnten, bat ich sie, nach einer Stunde noch mal nach Mircu zu sehen. Wenn irgendetwas nicht stimmen sollte, sollte sie uns anrufen, wir würden ein zweites Mal kommen. Sie rief nicht an.

Berliner Straße bei Nacht

PS: Am Samstag postete Lars, dass um 00:15 Uhr in der gleichen Nacht an einer anderen Stelle der Stadt eine Passantin einen leblosen Mann gefunden hatte. Sie rief die Feuerwehr. Die konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Neben ihm stand ein Rollstuhl mit Schlafsack. Den Schlafsack hatte er nicht benutzt. Wir waren in dieser Nacht nicht da. Es gab keinen Hinweis aus der Öffentlichkeit.

Oliver Stemmann
(Ehrenamtlicher Kältebusfahrer)