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30. Januar 2019

Kälte

Ich habe die Nase voll von Kälte.

Von eisigen Nächten, in denen Mensch sich selbst in zahlreichen Zwiebelschichten zurück in einen dieser gepolsterten und gefütterten Schneeanzüge sehnt, welche uns früher als Kinder jedes Jahr erneut pünktlich zur Winterzeit in eine Schar dicker kleiner Michelinmännchen verwandelt haben.

Aber noch mehr als das habe ich die Nase voll von einer anderen Kälte.

Einer Kälte, vor der Mensch selbst im massivsten Schneeanzug keinen ausreichenden Schutz mehr findet. Gesellschaftliche Kälte, menschliche Kälte, Kälte im Herzen. Diese Kälte ist weitaus hartnäckiger und langlebiger, setzt sich fest, lässt sich auch nicht durch einen warmen Ort, einen heißen Kakao oder einen frisch geknickten Taschenwärmer vertreiben, kann uns gänzlich von innen zerfressen. Sie begegnet vor allem jenen überdurchschnittlich oft, welche keinen Rückzugsort besitzen, keine geschützte Basis haben, welche ihr auf offener Straße ausgeliefert sind und äußert sich in Vorurteilen, Gleichgültigkeit, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten, Demütigungen, Desinteresse, Unverständnis, gesenkten Blicken, gezuckten Schultern und Kopfschütteln.
Wohnungslose Menschen haben sicherlich häufiger als wir mit einer doppelten Ladung Kälte zu kämpfen. Umso glücklicher macht es mich, in der Notübernachtung, in der ich arbeite, Möglichkeiten zu haben gegen beide Arten von Kälte vorzugehen. Warmer Tee, warme Suppe, warmer Pullover – warme Worte, warmes Lachen, ein warmer Händedruck. Kleine Augenblicke und Gesten, welche manchmal jedoch die Macht besitzen jener erlebten gesellschaftlichen Kälte die Stirn zu bieten. Wenigstens für einen Moment, und wer weiß, womöglich sogar nachhaltig.

Zeichnung mit Schriftzug "Die Stadt braucht mehr warme Herzen"

Aus diesem Grund ist die Notübernachtung sicherlich nicht ausschließlich ein trister Ort - wie viele Menschen solch‘ eine Einrichtung wohl einschätzen würden. Selbstverständlich wäre es herzerfüllend und wunderbar, wäre kein Mensch auf solch‘ ein niedrigschwelliges Hilfeangebot mehr angewiesen, würde jeder und jede ein Zuhause besitzen, eine eigene Basis, einen Schutzraum, ein Dach über dem Kopf. Doch weil das leider nicht der Fall ist und unglücklicherweise eher nach sozialromantischer Utopie klingt, versuchen wir die Menschen, welche zu uns kommen, wenigstens mit so viel Wärme und Wertschätzung willkommen zu heißen, wie sie jeder einzelne Mensch verdient hat - unabhängig seiner ökonomischen Situation, seiner psychischen und physischen Verfassung, seiner Abhängigkeiten oder anderen Erkrankungen, seiner Herkunft, seines gesellschaftlich konstruierten „Stellenwerts“. Wir möchten einen Gegenpol darstellen zu existierender gesellschaftlicher Kälte und eisigen Herzen.
Kältehilfe heißt Wärme spenden – Innere sowie Äußere. Das erklärt eben, weshalb die Notübernachtung für mich immer wieder und stets auch ein Ort des Lachens bleibt.
Gemeinsam scherzen, schlechte Witze reißen, sich aufziehen, weil man’s darf, weil man sich hier kennt und gerne begegnet. So viele Tränen wie geweint werden, werden auch gelacht. Denn vielleicht liegt unsere Aufgabe ja genau darin: Eine Balance sein und herstellen im Herzen unserer Gäste, damit sie die Kälte jeglicher Art da draußen vielleicht einen Deut, ein kleines bisschen besser, ertragen können.

Lissy Kraft