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„Die erste Fahrt“ – 06.11.2020

Bild vom Kältebus

Das ist unsere erste Fahrt in diesem Winter – Freitag, 06.11.2020 – wie fast immer an Freitagen sind Sophia Block und ich im Kältebus 1 unterwegs. Und wenn ich das hier schreibe, zittern mir immer noch die Knie … was für eine Nacht, und dann die Erste in diesem Winter, wie soll das wohl noch weitergehen?? Für den geneigten Leser späterer Zeiten sei angemerkt, wir befinden uns im November 2020 – am 02.11.2020 hat die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer befunden, die Republik in einen Teil-Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie zu schicken, d.h., in Berlin gibt‘s ne Sperrstunde! Sperrstunde? – Habe ich in 40 Jahren, die ich hier nun lebe, nicht erlebt: Kneipen, Bars, Restaurants und Clubs – alles dicht ab 23 Uhr – kein Alkoholverkauf – selbst die Spätis und die Tanken dürfen keinen Tropfen verkaufen.

 

Schwierige Zeiten für unsere Gäste: Im März, genauer genommen am 14.03.2020 fing das Desaster an: Erster Lockdown bis Juni. Keine Touristen, kein Partyvolk - alle zuhaue oder eh nicht nach B gekommen: Nichts zu schnorren, Flaschensammeln geht auch nicht! Die Stadt ist wie leergefegt: am Rosenthaler Platz, an der Warschauer Straße, in Friedrichshain … nichts los. Keine Menschen unterwegs … Schon Tage vorher hatte ich mich gefragt: Wie soll das werden? Wenn keine/r mehr unterwegs ist, bekommen wir überhaupt Anrufe, Hinweise, wem wir wo helfen können? Eine sehr seltsame Zeit, eine seltsam leere Stadt...

 

Aber – wie auch viele andere Nächte – wird mir diese lang in Erinnerung bleiben.

 

Als erstes wurden wir zum ALEX gebeten: Zwei liebe Menschen, einer im Rollstuhl, einer ohne wollten den Kältebus. Ich rangierte das „Raumschiff“, den großen Straßenambulanz-Kältebus unter die Brücken am Haupteingang. Eine liebevolle Frau kümmerte sich um die dort versammelten Menschen. K. aus Polen und D. aus Deutschland – im Rolli – wollten mit uns mit. Wir luden beide herzlich ein und lenkten den Bus zu einer neuen Notübernachtung, dem „Pfefferbett“. Im Wagen entspann sich folgendes, wunderschönes Gespräch:

 

K. – in nahezu perfektem Deutsch: „Darf ich Sie freundlich etwas fragen?

Oliver: „Natürlich, aber gern“

K. „Wann sind Sie geboren“

O. „im Juli 1959“.

K.: „Oh, dann sind Sie ein Wasserzeichen“

O. „und wann sind Sie geboren?“

K. „im November“

O. „Ah, also Schütze?“

K. „Nein, Skorpion!“

Sophia „Und Du, D., wann bist du geboren?“

D. „am 16.12.“

Ich drehte mich zu Sophia um und lächelte Sie an: Sophia hat am gleichen Tag Geburtstag.

S. „und in welchen Jahr, D., hast Du Geburtstag?“

D. „1987!“

Ich drehte mich wieder zu Sophia um. D. war am selben Tag auf die Welt gekommen wie Sophia! Unglaublich: Das war schon magisch, die eine sitzt vorn im Bus, der andere hinten. Was wäre, wenn das Leben anders herum gelaufen wäre? Es sollte uns immer bewusst sein, es kann jeden treffen, das wurde uns wieder mal deutlich vor Augen geführt.

 

Wir fuhren die beiden zum „Pfefferbett“. Im Zuge der corona-bedingten Schließung von Hotels, Hostels etc. hatten die Initiatoren des „Pfefferbetts“ beschlossen, ihr schönes Hostel der Kältehilfe im Winter mit 80 Plätzen anzubieten. Eine sehr gute Idee: Hotelatmosphäre, ein junges und überaus engagiertes Team kümmert sich um die Gäste. K. und D. wollten die Nacht zusammen verbringen. Aufgrund der Behinderung von D. wurden beide in ein großes Zimmer im EG mit angeschlossener Behindertentoilette untergebracht. KLASSE!

 

Nach einer fruchtlos gebliebenen Anfahrt des SANA-Klinikums in Lichtenberg, unser Gast war schon von dannen gezogen, trafen wir im tiefsten Neukölln auf eine kleine Gruppe sehr angeheiterter Polen. Wir nahmen Edgar – auch im Rollstuhl unterwegs – mit und fuhren ihn ins Warme, in die Notübernachtung am Containerbahnhof am Ringcenter.

 

Von dort ging’s zur Rigaer Straße, besetztes Haus, jede Menge los: Manuel wollte eigentlich gar nicht weg und in der Nähe bleiben. Er liebt die Gegend und die antifaschistische Lebenskultur, hat aber keine Wohnung. Langsam taute er auf und nahm unser Angebot, ihn mitzunehmen, gern an. Ich lief zu den Leuten vorm Haus und merkte an „Schöne Party hier. Ist ja richtig was los!“. Antwort: „Hier is keene Party  - wir stehen hier nur dumm rum“. Ich klatschte mir innerlich auf die Schenkel – großartiger Spruch! Wir wurden noch auf einen zweiten lieben Menschen aufmerksam gemacht, der unter einem Erker draußen vorm Nachbarhaus lag. M. freute sich, uns zu sehen. Er lag halb auf dem Gehweg. Ich riet ihm, sich mal richtig auf die Palette zu legen, er nahm gern einen Schlafsack und einen Becher Tee.

 

Nachdem wir Manuel, der sich auf das Allerherzlichste von Sophia verabschiedete, in die Notübernachtung am Containerbahnhof gebracht hatten, fuhren wir zum Nordbahnhof. Vor dem Haus der S-Bahn-Gesellschaft / Deutsche Bahn, in einer kleinen Grünanlage, sollte jemand sehr ungeschützt – ohne Schlafsack oder Decke – im Kalten sitzen. Zunächst sahen wir niemanden. Dann lenkte ich den Bus auf den Vorplatz: Und dann sahen wir Sie! Wir näherten uns vorsichtig. Sie räusperte sich vernehmlich, spuckte und grunzte … gut 5 Minuten standen wir neben ihr, ohne, dass sie uns bemerkte. „Guten Abend: Wir sind vom Kältebus – können wir Ihnen etwas Gutes tun?“ – lautes Grunzen, Räuspern, Spucken …. „Möchten Sie einen Kaffee?“ … Grunzen, lautes Räuspern, Spucken …. „Sie sitzen hier ja ganz im Kalten – möchten Sie einen Schlafsack?“ – Sie sah auf, sah uns an „Tschö mit ö, ciao mit au“. „Können wir Ihnen wirklich nicht etwas Gutes tun?“ wieder „Tschö mit ö!!!“ dieses Mal sehr deutlich und wir verabschiedeten uns freundlich und wünschten ein schönes Wochenende.

 

Auch das wird nicht enden: Nun sind wir – der Kältebus – nun schon vor Ort und man/frau möchte aber partout keine Hilfe annehmen. Tja, das ist bitte auch zu akzeptieren. Gott sei Dank war es in dieser Nacht nicht so fürchterlich kalt.

 

Unser Telefon klingelte und der diensthabende Arzt der Rettungsstelle des Alexianer-Krankenhausees in Hedwigshöhe höchst persönlich erläuterte ausführlich, was, und warum, ihn und wieso des Für und Wider abwägend, er einer stationären Aufnahme eines alkoholisierten männlichen Wesens, mit und gegen medizinischen Rat, ihn nun doch dazu bewegte, diese vielleicht zu vernachlässigen, und besser den Kältebus zu rufen. Nach gut 3 1/2 –minütiger medizinischer Sachlegung fragte ich: „Haben Sie den Mann mal gefragt, ob er den Kältebus will?“ – „Äh, öh, nein …. eigentlich nicht.“, „na dann machen Sie das mal!“ … und von hinten konnte ich schön hören: „Na, wenn das jetzt sein soll, warum nicht“. Das hörte sich vielversprechend an und wir bewegten uns gen Süden auf die ca. 40-minütige Fahrt.

 

Wir trafen ein sehr wohl gelauntes, unterhaltsames Nordlicht aus MeckPomm an, der gern fire-fighter in Kanada geworden wäre, in frischen Klamotten, allerdings ohne Schuhe. Gemeinsam mit dem Team – zwei Krankenschwestern, einem Nachtpfleger, besagtem umsichtigen Assistenzarzt – pausierten wir vorm Eingang der Rettungsstelle, rauchten und lachten. Von unserem Mobil schwer beeindruckt, bat der Diensthabende darum, doch bitte ein paar Fotos vom Inneren unseres Busses machen zu dürfen. Nach gut 10 unterhaltsamen Minuten lenkten wir den Bus endlich Richtung „Pfefferbett“, es war schon spät und den Dienstschluss zu 3 Uhr in der Früh würden wir schon auf dieser ersten Fahrt reißen. Wir wollten nur nach Hause.

 

Und dann passierte es:

 

Wir fuhren das „Adlergestell / Schneller Straße“ Richtung Mitte. Ca. 300m voraus in Höhe des Möbelmarktes lag was auf der mittleren Spur …. eine große Tüte oder Reifenteile ---- wir fuhren mit gut 60 Sachen näher, vorbei und sahen …. auf der mittleren der drei Fahrspuren einen Typen liegen, mitten auf der Straße, Arme und Beine weit auseinander gebreitet – Vollbremsung – Sophia ruft die 110 – Zurücksetzen - raus aus dem Bus.

 

Lebt der noch, ist der schon tot, sieht ganz unversehrt aus. Ich/wir brülle/n den Typen an …. keine Reaktion … Beide rütteln wir kräftig an seinen Klamotten: „Steh auf Du A…..!! Du liegst mitten auf der Straße!!“ Auf der linken Spur rast ein 40-Tonner vorbei. Von der Gegenspur beobachtet ein Taxi die Szene. Endlich kommt der Typ zu sich, wir zerren ihn von der Straße zu einer Bushaltestelle. Und dann nimmt Sophia den Typen in die Mangel. Bis dieser begreift, dass er mitten auf einer DER Raserstrecken Berlins auf der Straße lag, braucht es ein wenig. „Bist Du wahnsinnig!? Willst Du so jung sterben!?“ - 23 Jahre alt, mit Kumpeln kräftig einen abgebissen, „Filmriß“! Er hätte tot sein können …. Die Polizei traf mittlerweile auch ein. Gott sei Dank hatte Sophia alles geregelt. Wir nahmen ihn mit zur Warschauer Straße, damit er ein bisschen einfacher nach Hause kommt, wenn er nüchtern ist. Unseren Gast brachten wir noch zum „Pfefferbett“. Sophia zog ihm ein paar nagelneue Sport-Schuhe der Größe 45 an, die ihm sehr gut standen und gefielen. Und dann war Schichtende – einer ersten Winternacht, die es mal wieder in sich hatte.

Oliver Stemmann vor dem Kältebus

Oliver Stemmann

Ehrenamtlicher Kältebusfahrer