SPENDENKONTO

IBAN:
DE63 1002 0500 0003 1555 00
BIC: BFSWDE33BER

Bank für Sozialwirtschaft
Verwendungszweck:
Kältehilfe

Ansprechpartner

Ulrich Neugebauer

Nummer für Spendenanfragen:
Tel.: 030-690 33-510

Spenden-Button
Button Mission
Button Gästehäuser

Nachhaltig? Nachdenklich! - 14.01.2022

Die Andacht war großartig …. die Hauptverantwortliche in der Notübernachtung thematisierte den „homeless jesus“, den obdachlosen Jesus!

Die ursprünglich in Kanada entstandene Skulptur findet sich wohl mittlerweile an die 100mal auf der Welt, Matthäus, 25:

„Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen:
Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich,

das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an!
Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen;

mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken;
ich war […] nackt, und ihr bekleidetet mich;

[…] Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen:
Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Oder nackt und bekleideten dich? […]

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen:
Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“

Und genau das machen wir im Winter, im Kältebus, in den Notübernachtungen – wieder und immer wieder, von Jahr zu Jahr - jeden Tag von November bis März oder auch länger.

An diesem Freitag waren zwei junge Damen mit an Bord: Anike absolviert ihre erste Saison im Kältebus. Astrid ist Verwaltungschefin eines Geschäftspartners meines Arbeitgebers, der unseren Dienst im Kältebus jedes Jahr finanziell mit einer großzügigen Spende unterstützt. Astrid freute sich riesig, einmal mitzufahren und überlegt, ob sie sich in die Kältehilfe einbringen will.

Unser erster Auftrag führte uns zu Pavel (Name geändert). Wie lange kenne ich Pavel? Zwei Jahre, drei? Er sitzt im Rollstuhl, schnorrt am liebsten mitten in der City an der Friedrichstraße, spricht kein Wort Deutsch. Die blauen lustigen Augen schauten mich an, ich konnte mich wieder einmal nicht verständlich machen, ich kann kein Tschechisch. Gottseidank hatte Stefan Dienst: Nach einem kurzen Telefonat via handy willigte Pawel ein, mit in die Notübernachtung zu kommen. Ihm wurde ein ebenerdiger Platz für die Nacht reserviert. War auch bitter nötig, durchnässt, wie er war. Er wird das komplette Programm erhalten haben: Essen, Trinken, Duschen, neue Kleidung, vielleicht einen neuen Rollstuhl.

Sie hatten ihn irgendwann einmal angezündet. Die Narben der Brandwunden werden bleiben: unglaublich, was Menschen Menschen antun können. Er könnte in etwa mein Alter haben, ein einsamer Wolf ohne Anhang. Im Bus stellte ich die „Die Moldau“ des tschechischen Komponisten Smetana an, ich weiß nicht, ob er das wahrgenommen hat, war wahrscheinlich auch nur für mich und meinen Frieden.

Und am Samstag um 08:00 Uhr wird er wieder in die Kälte rausgelassen, mit Rollstuhl, wie immer, wie jedes Jahr … nachhaltig? Nachdenklich!

Später in der Nacht führte uns ein Auftrag zu einem weiteren Rollstuhlfahrer am S-Bahnhof Friedrichstraße, beinamputiert mit Suchtdrang. Wir wurden mehrmals von einer Dame angerufen. Wie sich herausstellte hatte sie ihn an diesem Freitag über sieben Stunden nicht allein gelassen. Auch dies ist nicht gerade gesund. Die Herausforderung für Micha (Name geändert) war, dass er in der Notübernachtung unbedingt Alkohol trinken müsse, da sonst ein epileptischer Anfall drohe, er entzügig werde. Es war schon wieder sehr spät und die ebenerdigen Plätze für obdachlose Rollstuhlfahrer sind wahrlich dünn gesät. Ich klemmte mich ans Telefon, schilderte den Ankömmling. „Nein, das können wir nicht leisten. Kein Alkohol bitte in der Notübernachtung, das geht nicht!“. Wir diskutierten hin und her, die Bahnaufsicht hätte Micha später sicherlich in die Kälte geschoben. Schließlich fanden wir eine Lösung. Micha’s Begleiterin hatte einen Flachmann Wodka erworben, wollte den Wodka aber aus religiösen Gründen nicht an Micha abgeben. Wir konnten sie überreden, dies doch zu tun. Micha benötigte einen Zug und fühlte sich nun angstfrei, mitzufahren. Angekommen dankte ich den Kolleg:innen, dass sie es möglich machen konnten, Micha aufzunehmen. 

Und am Samstag um 08:00 Uhr wird er wieder in die Kälte rausgelassen, mit Rollstuhl, wie immer … nachhaltig? Nachdenklich!

Oliver Stemmann

ehrenamtlicher Kältebusfahrer