„Mein Leben war komplett ausradiert“
Seit 25 Jahren unterstützt die Straffälligenhilfe Menschen, die im Gefängnis sind
Aufgeregt sitzt Patric Priebe seinem Sozialarbeiter Ralf Pagenkämper gegenüber. „Ich habe schlechte Nachrichten. Ich muss nächsten Monat arbeiten“, sagt der 45-Jährige und lacht. Eine Anstellung zu finden, war ein Wunsch des Elektrikers. Denn er ist nicht nur arbeitslos, sondern sitzt gerade seine Haftstrafe im Gefängnis ab. Sozialarbeiter Ralf Pagenkämper und seine beiden Kolleginnen unterstützen bei „Drinnen und Draußen“ Menschen wie Patric Priebe dabei, ihr Leben neu zu ordnen.
„2025 haben sie insgesamt 2.722 Beratungsgespräche durchgeführt und 324 straffällig gewordene Personen, die in Haft sind, dauerhaft zur Entlassungsvorbereitung beraten und betreut“, sagt Eva Berns. Sie leitet bei der Stadtmission die Straffälligen- und Opferhilfe. Diese sei in den 25 Jahren ihres Bestehens gleichbleibend wichtig. Eva Berns ist überzeugt: „Denn sie ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Sozialstaates und trägt maßgeblich zur Resozialisierung straffällig gewordener Menschen bei.“
Damit Menschen wie Patric Priebe von vorne anfangen können, muss viel geregelt werden. „Bevor ich ins Gefängnis kam, saß ich auf der Straße, ohne Geld und drogenabhängig.“ Psychische Probleme und zu viele illegale Substanzen hatten bei ihm zu Gewaltausbrüchen und zur Verurteilung geführt. Im Gefängnis hat Patric Priebe beschlossen, sein Leben zu ändern. „Ich habe einen Entzug gemacht und meine Depressionen behandeln lassen. Dann konnte ich arbeiten“, sagt er und ergänzt: „Sonst wäre ich kaputt gegangen.“
Im November 2025 haben sich die beiden Männer das erste Mal getroffen: Von Ralf Pagenkämper hat sich Patric Priebe sofort angenommen gefühlt: „Damals hatte ich keinen Ausweis, keinen Führerschein, keine Geburtsurkunde. Mein Leben war komplett ausradiert.“ Der Sozialarbeiter sagt: „Steuer-ID, Zeugnisse oder Rentenversicherung – nach und nach konnten wir fast alles, was notwendig ist, wieder organisieren.“ Durch seine 25-jährige Erfahrung kennt Ralf Pagenkämper auch die Umwege zu verschollenen Dokumenten. „Damit ich wieder einen Gesellenbrief habe, hat er einen Antrag bei der Handwerkskammer gestellt. Jetzt habe ich eine Kopie“, so Patric Priebe
„Ich war ehrlich und habe gesagt, dass ich im Gefängnis sitze.“
Damit konnte er sich auf seinen Job bewerben. „Ich war ehrlich und habe gesagt, dass ich im Gefängnis sitze“, sagt er. Der Arbeitgeber gab ihm trotzdem eine Chance. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt der Soziarbeiter, „ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht.“ Der Ordner mit den wichtigen Dokumenten liegt zwischen den beiden Männern auf dem Schreibtisch. Ralf Pagenkämper erklärt: „Den habe ich Herrn Priebe geschenkt, damit er alles hat, was notwendig und wichtig ist, um selbstbestimmt handeln und leben zu können.“
Die Männer haben auch viel über die Straftaten gesprochen und was dazu geführt hat. „Wir haben analysiert, in welchen Situationen er keinen Selbstwert hatte und dann unter Alkoholeinfluss gewalttätig wurde“, sagt Ralf Pagenkämper. Weil er inzwischen keine Gefährdung sieht, hat er bei der Straf- und Vollstreckungskammer für Patric Priebe einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt. Ralf Pagenkämper versichert: „Darauf bereiten wir uns gemeinsam vor und ich begleite Sie.“
Auch bei der Schuldnerberatung und der Wohnhilfe der Stadtmission war Patric Priebe schon regelmäßig. „Wenn er entlassen wird, bekommt er dort eine Wohnung und wird zur Nachsorge weiter unterstützt.“ Patric Priebe ergänzt: „Wegen dem früheren Alkohol- konsum bin ich auch in einer Selbsthilfegruppe, die mir sehr gut tut.“ Weil er Verantwortung übernehmen will, hat er Kontakt zu seiner volljährigen Tochter auf- genommen, mit der er sich regelmäßig schreibt. Mit Hilfe des Internets hat Patric Priebe sein Elektro- Fachwissen aufgefrischt: „Und jetzt freue ich mich riesig auf den Job“.