Meine erste Fahrt im Kältebus
Normalerweise mache ich an einem Mittwochabend um 18 Uhr das Licht aus, drehe die Heizung herunter, verabschiede mich von meinen Kolleg*innen und gehe nach Hause.
Am 05. November war das jedoch anders. An diesem Mittwochabend endete mein Tag nicht um 18 Uhr – er begann.
Im Rahmen meines Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Berliner Stadtmission habe ich die Möglichkeit, während der Kältehilfesaison alle zwei Wochen beim Kältebus (kurz KB) mitzufahren. Genauer gesagt beim Kältebus 2, der von 17:30 Uhr bis etwa 0:30 Uhr in Berlin unterwegs ist.
An diesem Abend begleitete mich ein erfahrener Fahrer, der sich seit Jahren ehrenamtlich engagiert. Er erklärte mir geduldig jeden Handgriff und nahm mir viel von meiner anfänglichen Unsicherheit. Durch ihn merkte ich, dass ich, obwohl ich in Berlin aufgewachsen bin, wenig über das Leben auf der Straße wusste. Auch wenn man täglich Menschen sieht, die auf der Straße leben, bleibt es für mich unbegreiflich, wie hart der Alltag ohne ein Zuhause wirklich ist.
Während andere um 19 Uhr am Abendbrottisch saßen, saß ich also aufgeregt im Kältebus, auf dem Weg zu den Notübernachtungen. Im Gepäck hatten wir mehrere Kisten mit Eintopf und gespendeten Backwaren. Diese Essenskisten werden mehrmals pro Woche bereits vor der eigentlichen Kältebus-Schicht ausgeliefert, damit die Notübernachtungen das Essen später an ihre Gäste verteilen können.
Um 19:30 Uhr hatten wir die Kisten abgeben und waren pünktlich zur täglichen Andacht zurück. Zusammen mit den Teams des KB 1 und KB 3 nutzten wir die halbe Stunde Ruhe, bevor die Schicht um 20 Uhr offiziell begann.
Der Einstieg in die Nacht wirkte zunächst ruhig. Für einen Novemberabend waren 10 Grad ungewöhnlich mild, und ich hatte das Gefühl, dass es ein verhältnismäßig entspannter Einsatz werden könnte. Doch dieser Eindruck täuschte.
Einen ersten Realitätscheck bekam ich kurz nach 21 Uhr, als wir versuchten, eine Frau in einer Notübernachtung unterzubringen. Es brauchte sieben Telefonate, bis wir eine Einrichtung fanden, die Platz hatte und uns zusagte – und dabei hatten wir nicht einmal spezielle Frauenunterkünfte kontaktiert.
Im weiteren Verlauf der Nacht nahmen wir fast zehn Menschen mit in Notübernachtungen, verteilten Tee, Kaffee und Schlafsäcke und kamen mit ganz unterschiedlichen Personen ins Gespräch.
Ich habe grundsätzlich wenig Berührungsängste, doch ich war überrascht, wie selbstverständlich und offen die Begegnungen waren. Ich hatte mit mehr Unsicherheit und Hemmungen gerechnet – stattdessen begegnete mir viel Dankbarkeit und Vertrauen.
Die für mich herausforderndste Situation ergab sich kurz vor Ende meiner Schicht. Wir trafen auf eine Frau, die sehr dünn bekleidet mitten auf dem Gehweg saß. Anfangs war sie uns gegenüber skeptisch, akzeptierte dann aber schnell unsere Hilfe. Sie nahm Kaffee, Socken und einen Schlafsack entgegen, lehnte jedoch jegliche Unterbringung kategorisch ab. Sie bestand darauf, allein bleiben zu wollen. Das mussten wir selbstverständlich respektieren – und gerade das fiel mir schwer.
Dennoch war ich - als wir um halb eins unsere Schicht beendeten, zufrieden und auch ein bisschen stolz. Ich hatte nicht nur geholfen, sondern viel gelernt und wertvolle Erfahrung gewonnen.