So leben obdachlose Menschen - Mit den Lernwelten das Leben auf der Straße erkunden
Abends schlafen Dariusz und Thomas in Doppelstockbetten in der Notübernachtung am Containerbahnhof. Am nächsten Vormittag erfahren dort in der Traglufthalle Niklas und Lisa Spannendes über die Lebenswelt von Menschen, die auf der Straße sind. Seit kurzem veranstaltet die Berliner Stadtmission den Workshop „Lernwelt Armut und Obdachlosigkeit“ nicht nur im Zentrum am Zoo, sondern auch an weiteren Wirkungsorten.
Interessierte – von Schulklassen über Studierendengruppen bis hin zu Teams aus verschiedenen Berufen – können beispielsweise die Lehrter Straße 68 in der Nähe des Hauptbahnhofs besuchen. Dort gibt es die größte Kleiderkammer Deutschlands, eine Notübernachtung mit 125 Plätzen und eine Ambulanz für Menschen ohne Krankenversicherung. Alternativ können Gruppen auch die Notunterkunft am Containerbahnhof in Friedrichshain besichtigen, wie der Philosophiekurs des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums aus Lichtenberg. Lehrer Anton Gorlatschov hat den Workshop gebucht, weil sein Kurs gerade das Thema „Glaube und Hoffnung“ behandelt.
Am Freitagvormittag begrüßt Bildungsreferentin Alison Peyer die Gruppe in der Traglufthalle. Ihre Stelle wird von der Stiftung am Grunewald finanziert. „Die Lernwelten können ein tieferes Verständnis für die Ursachen und Folgen von Armut und Obdachlosigkeit schaffen und dazu anregen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen“, erklärt sie. Ziel sei es, die Teilnehmenden zu ermutigen, aktiv an einer gerechteren Gesellschaft mitzuwirken.
Zum Einstieg fragt Alison Peyer, ob die Schüler:innen schon einmal mit einer obdachlosen Person gesprochen haben. Alle dreizehn stellen sich zum Schild mit der Aufschrift „Ja“. Leonie Phung erzählt: „Ich gehe am Ost-kreuz auf dem Weg zur Schule immer an einem obdach-losen Mann vorbei. Ihm habe ich schon häufiger Geld oder etwas zu essen gegeben.“ Auch ihre Mitschülerin Mila Ehwald hilft Menschen, die kein Zuhause haben: „Mit Freunden verteile ich im Winter Tee oder Essen und im Sommer Wasserflaschen an Menschen, die auf der Straße leben.“ Schon beim gemeinsamen Aufwärmen wird klar: Die Lebenswelt obdachloser Menschen ist den Workshop-Teilnehmenden nicht fremd.
In einem Halbkreis sitzend, diskutieren die Schüler:in-nen mit Alison Peyer über die Ursachen von Obdach-losigkeit. „Weil in einem Land ein Krieg ausbricht und Menschen flüchten müssen“, sagt eine Schülerin. Oder weil jemand kein Geld hat und mental nicht in der Lage ist, das zu beantragen, was ihm zusteht“, ergänzt eine andere. Alison Peyer bestätigt: „Genau, auch Miet- und Energieschulden führen oft dazu, dass jemand die Wohnung verliert.“ Philosophielehrer Anton Gorlat-schov fügt hinzu: „Bestimmt hat es auch viel mit Scham zu tun. Jemand, der vorher ein eigenes Einkommen hatte, möchte vielleicht nicht um Hilfe bitten.“ Alison Peyer erklärt, dass dies auch ein Grund ist, warum 80 Prozent der obdachlosen Menschen Männer sind: „Wir hören oft von Männern, dass sie sich schämen, andere um Hilfe zu bitten. Nach Schicksalsschlägen, Scheidun-gen oder Trennungen gehen sie lieber auf die Straße, anstatt sich anzuvertrauen.“
Schülerin Lilly Schnöring denkt: „Vielleicht landen Menschen auch auf der Straße, weil sie keinen so-zialen Rückhalt mehr haben.“ Steven Müller*, der als ehemals Betroffener dabei ist, nickt zustimmend. Der 33-Jährige hat früher selbst in der Notunterkunft am Containerbahnhof übernachtet und erzählt später aus seinem Leben. Vorher schauen die Schüler:innen sich aber noch in Kleingruppen Fotos zum Thema Obdach-losigkeit an. Dann diskutieren sie über bettelnde Leute, zeltende Obdachlose oder auch menschenfeindliche Architektur. „Ich kann beide Seiten verstehen“, sagt Leonie Phung mit Blick auf Sitztrennungen bei Bänken an Bushaltestellen. „Ältere Menschen brauchen auch Sitzmöglichkeiten, um sich auszuruhen.“
Eine kurze Pause nutzen die Jugendlichen zum Tisch-tennis- und Kickerspielen. Dann zeigt Steven Müller ihnen die Traglufthalle. Er erklärt, wie der Einlass frü-her organisiert war und wo er damals geschlafen hat. In den nach oben offenen Zimmern stehen jeweils zwei Doppelstockbetten, die obdachlose Menschen für zehn Nächte belegen dürfen.
Steven Müller erzählt, wie er obdachlos wurde: „Mein Vater hat mich vor zwei Jahren rausgeschmissen. Er hat mich von klein auf regelmäßig verprügelt.“ Zu-nächst schlief er bei einem Freund, geriet dort aber in eine Abhängigkeit. „Ich war dann ein Jahr auf der Stra-ße, bis mir das Sozialamt geholfen hat. Das war sehr hart.“ Im Übergangshaus der Berliner Stadtmission konnte er schließlich ein Jahr und vier Monate woh-nen. Unterstützt von Sozialarbeiter:innen fand der jun-ge Mann einen Platz in einer Wohngemeinschaft. „Da lebe ich jetzt seit kurzem“, sagt er. Auf die Frage, ob er dort bleiben könne, antwortet er: „Zuerst bin ich sechs Monate auf Probe, dann wird entschieden, ob ich bleiben darf.“ Steven Müller hat inzwischen wieder Kontakt zu seiner Mutter, die sich vom Vater getrennt hat. Und er schmiedet Zukunftspläne: „Ich möchte meine Ausbildung zum Gärtner weitermachen.“
Am Ende applaudieren die Schüler:innen für Steven Müller und Alison Peyer. „Spannend und hilfreich war das“, sagt Leonie Phung. Sie wusste nicht, dass es ein auf-einander abgestimmtes Hilfenetzwerk für obdachlose Menschen gibt. „Ich kannte die Berliner Stadtmission nicht und würde diese Lernwelt auch anderen Klassen empfehlen.“
| BB
*Name geändert, die Redaktion