Menschen und Geschichten
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  • 22.04.2026

Psychosoziale Präventionsprojekt hilft Menschen mit Fluchtgeschichte

Das Psychosoziale Präventionsprojekt wurde 2021 im Rahmen des „Begleitprogramms“ ins Leben gerufen, das Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte durch zahlreiche Angebote bei der Integration unterstützt.

Zwei Frauen im Portrait
Sabine Müller und Klara Meier unterstützen Menschen mit Fluchtgeschichte.

In seiner Heimat wurde Daahir Dihoud von einem feindlichen Stamm verfolgt und gefoltert, bis er Somalia verlassen musste. Während der Flucht durch Afrika wurde er als Arbeitssklave missbraucht. Seit 2024 lebt der 37-Jährige in einer Berliner Gemeinschaftsunterkunft. Doch auch an diesem geschützten Ort kam er nicht zur Ruhe. „Traumatische Erlebnisse können sich festsetzen und der Seele bleibenden Schaden zufügen“, erklärt Psychologin Sabine Müller vom Psychosozialen Präventionsprojekt der Stadtmission. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann mit einer Vielzahl von Symptomen einhergehen und einen Menschen zu einem Gefangenen in sich selbst werden lassen kann.

Daahir Dihouds Geschichte belegt das: In der Gemeinschaftsunterkunft fielen bei ihm charakteristische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung auf. Oft hatte er starke Angst, schlief schlecht und durchlitt in Erinnerungsbildern immer wieder die Grauen der Folter und Zwangsarbeit. Entspannen oder anderen Menschen vertrauen konnte er kaum, weil er sich sorgte, auch in Deutschland verfolgt und drangsaliert zu werden. Die Betreuer:innen in der Unterkunft nahmen Kontakt zum Psychosozialen Präventionsprojekt auf.

Dort, in Gesprächen mit den Psycholog:innen, gelang es Daahir Dihoud allmählich, wieder Vertrauen aufzubauen und Lebensmut zurückzugewinnen. Begeistert macht er heute im Begleitprogramm bei Sprachkurs, Kochgruppe oder Basketballtreff mit, hat Freundschaften geschlossen, sucht eine Wohnung und hofft auf eine Arbeitserlaubnis. Die belastenden Symptome sind stark zurückgegangen. Bei Bedarf kommt der
inzwischen sehr offen und aufgeschlossen wirkende Mann noch etwa alle vier bis sechs Wochen zu psychologischen Gesprächen. Befreit von Gewalt und Bedrohung, findet Daahir Dihoud nun Stück für Stück auch seine innere Freiheit wieder.

Beratungsgespräch
Um die Sprachbarrieren zu überbrücken, ist bei vielen psychologischen Gesprächen ein Dolmetscher (li.) dabei.

Sabine Müller und ihre Kollegin Klara Meier kümmern sich beim Psychosozialen Präventionsprojekt um Menschen, die psychologische Unterstützung brauchen – und auch wünschen. „Oft geht es zunächst darum, durch psychologische Gespräche wieder Stabilität ins Leben zu bringen und Vertrauen aufzubauen, denn Therapieplätze können wir nicht anbieten“, erklärt Klara Meier. Bei Daahir Dihoud waren lange Gespräche eine Initialzündung, die eine Aufwärtsspirale in Gang setzten. Oft aber reicht das nicht aus und es gilt, die Wartezeit auf einen passenden Psychotherapieplatz zu überbrücken.

Neben Gesprächen kann es dann helfen, bei Kreativ- und Gruppenangeboten mitzumachen. Vielfältige Sprachund Freizeitangebote bietet das „Begleitprogramm“, eine Anlaufstelle für Menschen mit Zufluchts- und Migrationsgeschichte und eine beliebte Begegnungsstätte. Daraus ist das Psychosoziale Präventionsprojekt vor fünf Jahren entstanden. Projektleiterin Petra Lüder erkannte in ihrer täglichen Arbeit, dass viele ihrer Gäste zusätzlich zu den Alltagsproblemen im neuen Umfeld auch durch seelische Verletzungen belastet und eingeschränkt sind und wollte den Menschen Hilfe anbieten.

Häufig leben die Klient:innen in Gemeinschaftsunterkünften in Spandau. Die Psychologinnen des Projekts haben Erfahrung in der Geflüchtetenhilfe und transkultureller Psychotherapie. Sie machen ihre Angebote in den Unterkünften bekannt oder werden vom Betreuungspersonal kontaktiert, wenn Bewohner:innen auffälliges Verhalten zeigen. Im nächsten Schritt wird behutsam Kontakt aufgebaut. Meist gibt es Sprachbarrieren und kulturelle Besonderheiten müssen geachtet werden.

Wenn Frauen Unterstützung brauchen, ist es manchmal nötig, zunächst mit den Ehemännern in Kontakt zu kommen und zuerst in gemeinsamen Gesprächen deren Wohlwollen für die psychologische Beratung zu sichern. Ein besonderes Problem ist es, wenn vergewaltigte Frauen aus Scham und sogar aus Angst vor Schuldzuweisung aus der eigenen Familie Mauern um sich bauen und Hilfe ablehnen. „Das sind sehr schwierige Situationen und es ist viel Einfühlungsvermögen und Geduld nötig, um die Frauen zu erreichen,“ sagt Klara Meier. Auch die Angst, nach der Flucht keine guten Eltern mehr zu sein, ist quälend. „Die Mütter und Väter lernen bei uns, dass sie gut für sich selbst sorgen dürfen und müssen, um ihren Kindern gute Eltern zu sein.“ | BK


Anm. d. Redaktion: Alle Namen im Text wurden geändert.