Vom Wegbegleiter zum Wegbereiter
ZaZ: Wo Menschen sich beraten lassen, sich bilden und einander begegnen
Helga sitzt auf der Bank vor dem Zentrum am Zoo (ZaZ) am Hardenbergplatz. Vor fünf Jahren hat die Stadtmission diesen Ort für Bildung, Beratung und Begegnung eröffnet. Finanziell beigetragen haben dazu die Deutsche Bahn, die Lotto-Stiftung Berlin und der Berliner Senat. Damals war Helga die erste Besucherin: „Das sieht ja hier aus wie im Hilton.“ Modern und funktional sind die Veranstaltungsräume und Büros unter den S-Bahnbögen, in denen inzwischen viel los ist. Gerade haben Irene und Martina ehrenamtlich die Tische mit Blumen geschmückt, alles liebevoll eingedeckt und das Essen vorbereitet. Da kommen schon 18 Männer und Frauen zum Senior:innenfrühstück. Brigitte setzt sich neben Jürgen.
Die 75-Jährige hat 25 Jahre auf der Straße gelebt, bevor sie für den Winter endlich eine dauerhafte Unterkunft für die Nacht gefunden hat. „Wie es im Sommer weitergeht, weiß ich nicht“, sagt sie. Aber kommende Woche darf Standort-Leiterin Katharina sie erstmals zum Sozialamt begleiten. Fünf Jahre haben Sozialarbeitende und Psycholog:innen im ZaZ vertrauliche Beziehungen zu den Gästen aufgebaut. Das zahlt sich aus. Alle Frühstücksgäste lassen sich mittlerweile regelmäßig im ZaZ beraten.
„Manchmal sind wir Wegbereiter“, sagt Psychologe Levin, „aber oft auch Wegbegleiter.“ 2025 haben er und seine Kollegin 704 Beratungsgespräche geführt. Das nebenan arbeitende Team der Mobilen Einzelfallhilfe (MEH) schickt ebenfalls Klient:innen zu ihnen. Die MEH wird von den Berliner Verkehrsbetrieben und der S-Bahn Berlin finanziert. Das Team der Straßensozialarbeit sucht an Bahnhöfen obdachlose Menschen auf, die oft suchtmittelabhängig sind, Schulden haben, psychisch und physisch erkrankt sind und unter sozialer Isolation und Diskriminierung leiden. „Wir unterstützen sie, damit sie Bürgergeld oder Sozialhilfe bekommen und langfristig auch einen Platz zum Wohnen“, erklärt Teamleiterin Franziska. Außerdem profitieren die gut vernetzten Projekte am Zentrum am Zoo voneinander: „Auch unsere Klient:innen nutzen die psychologische Beratung und wir begleiten im Auftrag der Psycholog:innen und Sozialarbeitenden Menschen zu Hilfseinrichtungen, die dort alleine nicht ankommen würden.“
Während das Team von Franziska loszieht, isst der 81-jährige pensionierte Schlosser Jürgen ein Brötchen: „Es ist schöner, zusammen zu frühstücken, als zuhause die Wand anzuschauen“, sagt er. Bei Festen zu Ostern oder Weihnachten genießt er das Kulturprogramm. Montags kommt er ins ZaZ zum Spielenachmittag, zudem gibt es Deutsch- und Yoga-Unterricht, der Verein Social Inclusion macht Sportangebote und Gäste nutzen den PC-Arbeitsplatz, um Mails an Behörden zu tippen. Nach dem Frühstück kommt Maximilien vom spendenfinanzierten Verein KulturLeben Berlin und bietet den Gästen kostenfreie Karten für Musik-, Theater- oder Kinovorstellungen an.
„Es ist schöner, zusammen zu frühstücken, als zuhause die Wand anzuschauen.“
Später ist Kreativnachmittag: Dave, Manuel und Tanja sitzen zusammen und zeichnen. 15 Jahre lang hat Dave auf der Straße gelebt, seit drei Jahren hat er nun eine Wohnung und macht eine Lokführerausbildung: „Draußen ist es immer laut. Darum mag ich die Ruhe hier“, erklärt der 36-Jährige. Um Weggefährt:innen wiederzusehen, besucht er gerne das ZaZ.
Schulklassen kommen, um bei Schulprojekttagen oder den „Lernwelten Armut und Obdachlosigkeit“ etwas über das Leben auf der Straße zu erfahren. Das Bildungsformat mögen auch Auszubildende und Erwachsene. „Mittlerweile gestalten bis zu 20 Ehrenamtliche, die wir intensiv didaktisch schulen, rund einhundert Lernwelten pro Jahr“, erklärt Mandy. Sie koordiniert die Bildungs- und Begegnungsformate am ZaZ. So findet alle drei Monate unter ihrer Regie der „Salon: Zentrum – Zoo – Zukunft“ statt als Ort für Austausch, Inspiration und Begegnung.
Helga trifft am ZaZ alte Bekannte und plaudert mit Mitarbeiterinnen wie Mandy und Katharina. „Sie hat uns verraten, dass sie ihren Haushalt nicht mehr alleine schafft und ihre Wohnung dringend aufgeräumt werden muss.“ Die Kolleginnen haben einen Tag lang die Zimmer entrümpelt und geputzt. Danach hat Helga ihren Sohn angerufen, der sie jetzt regelmäßig besucht.