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Karwoche

Mosaikbild KreuzwegKreuzweg am Odilienberg, Elsass

Ich kann mich noch genau erinnern – ich war im 3. oder 4. Schuljahr –, wie ich die Karwoche, also die Woche vor Ostern, als eine Folge höchst aufregender Ereignisse „erlebt“ habe. Voller Spannung zitterte ich dem entgegen, was am nächsten Tag geschehen würde. In dieser Ferienwoche war nämlich mein 12 Jahre älterer Bruder aus seinem Zivildienst auf „Heimaturlaub“ und schlief mit mir im gleichen Zimmer. Jeder Morgen begann damit, dass er mir noch im Bett aus einem Buch vorlas, das die letzte Lebenswoche Jesu als historischen Roman Tag für Tag erzählte. Wie freute ich mich am (Palm-) Sonntag über den glorreichen Einzug Jesu in Jerusalem durch die Gasse der jubelnden Menschen. Wie stolz war ich auf seinen Mut, im Tempelvorhof endlich mal so richtig aufzuräumen und die ganzen Geschäftemacher hinauszuwerfen. Wie bewunderte ich die enorme Schlagfertigkeit und Intelligenz Jesu, mit der er in den nächsten Tagen alle Streitgespräche mit seinen Gegnern eindeutig zu seinen Gunsten entschied, bis die sich nicht mehr trauten, ihn etwas zu fragen. Wie freute ich mich, mit in den engsten Kreis der Jünger schlüpfen zu dürfen und mitzubekommen, was Jesus ihnen erzählte oder wie er mit ihnen das Passahfest im Geheimen feierte. Wie wuchs in mir die Spannung, weil sich die ganze Lage immer mehr zuzuspitzen schien. Wie ärgerte ich mich über die Jünger, die Jesus im Garten Gethsemane allein ließen mit seiner Angst vor dem bevorstehenden Tod und einfach nur pennten. Wie überaus empört war ich über den gemeinden Judas, der Jesus an die Tempelsoldaten verriet. Wie schämte ich mich mit Petrus, als der nicht den Mut hatte zuzugeben, dass er zu Jesus gehörte. Und wie hoffte ich unablässig, dass die Geschichte doch noch gut ausgehen würde - besonders an der Stelle, als die Frau des römischen Statthalters und Richters Pilatus ihm eine Nachricht schickte über den Traum, den sie in der Nacht gehabt hatte, und ihn warnte, Jesus auszuliefern. Wie sank mir der Mut, als der Richterspruch gefällt war. Wie hörte ich auf Golgatha den Wind heulen und die Hammerschläge hallen, mit denen die Nägel durch die Hände ins Kreuz getrieben wurden. Wie schauderte mir bei der Sonnenfinsternis, dem Erdbeben, dem Todesschrei Jesu und dem geheimnisvollen Zerreißen des Vorhangs im Tempel. Wie dankbar war ich, dass wenigstens die Frauen bei Jesus geblieben waren und sich einer fand, der für ein anständiges Begräbnis sorgte. Wie grau und trostlos war der Samstag auch für mich. – Und wie unfassbar wunderschön erlösend der Ostermorgen, als Jesus dem Grab entstieg und die Grabwächter eine ganz lächerliche Figur abgaben. Ich vermute, dass es auch diese Vorlesewoche meines großen Bruders war, wodurch für mich bis heute diese Woche einen unverwechselbaren Charakter hat und mit einer hohen Emotionalität verbunden ist: Kar-Woche. Der Begriff kommt übrigens aus dem althochdeutschen kara = Klage, Trauer. Ich bin davon überzeugt, dass man Ostern nicht wirklich feiern kann, seine Kraft nicht spürt, wenn man die Woche vorher überspringt (und die bunten Eier schon vorher hängen). Aus gutem Grund gibt es in dieser Woche so viele verschiedene Gottesdienste, die die Bedeutung dieser dramatischen Ereignisse nachbuchstabieren. - Vielleicht nehmen Sie sich in dieser Woche bewusst jeden Tag die Zeit, um einen Abschnitt aus der Bibel zu lesen z.B. aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 21-28, und dem nachzufühlen, was Christus aus Liebe zu uns Menschen auf sich genommen hat. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine nachdenkliche und so gesegnete Karwoche.

Ihr

Gerold Vorländer